Wie man sein eigenes Literaturfestival vergisst

Was es bedeutet, ein professionelles Literaturfestival auf die Beine zu stellen, kann man als Blogger nur erahnen.
Deshalb haben wir Clara Ehrenwerth, die 2011 das Hildesheimer Literaturfestival PROSANOVA (über das u.a. ZEIT und Tagesspiegel berichteten) mit ihren Kollegen von der Literaturzeitschrift BELLA triste auf die Beine stellte, gebeten, uns davon zu erzählen. Und weil Clara nicht nur schreibt wie eine Gazelle, sondern ebenso liebenswert ist, erreichte uns nur wenige Tage später der folgende, wunderbare Text.
Viel Vergnügen. Und vielen Dank, Clara.

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Bild: Judith Grobe


Morgen- und Geschirrspülnebel

Warum ich mich an PROSANOVA nicht erinnern kann

Für das, was ich bei PROSANOVA war, habe ich ein langzeitbelichtetes Bild vom Freitag: Nachmittags liefen dort zwei einmalige Veranstaltungen parallel, denen ich gleichmäßig entgegenfieberte. Schon Wochen vorher hatte ich mich gefragt, für welche ich mich entscheiden würde – Minuten vorher fragte ich mich immer noch. Ich stand zwischen den Hallen. Jemand kam von links und sagte, er ginge jetzt auf jeden Fall nach rechts. Jemand kam von rechts und sagte, er habe sich jetzt ganz klar für links entschieden. Wohin ich denn gehen würde? Auf beiden Seiten wurden die Tore in die Hallen geöffnet. Ich ging kurz nach links, dann nach rechts. In der Mitte blieb ich wieder stehen.

Als die Veranstaltungen noch Klebezettel waren, die wir an vier Papierbögen, die Festivaltage waren, monatelang immer wieder vertauschten, sprachen wir häufig von massiver Überforderung und geilem Overkill. Während wir nächtelang an der Programmplanung arbeiteten, schauten wir uns nicht an: Wir starrten von August bis Dezember auf die Klebezettelwand wie auf ein komplexes Rätsel, das weder Anleitung noch Auflösung kannte. (Wie schön wäre das gewesen: Auflösung auf der letzten Heftseite.) Einer von uns stand als mündige Glücksrad-Assistentin vor der Wand und schob auf Ansage der anderen die Zettel hin und her – manchmal sprang einer dazu und klebte eine Veranstaltung voller Wut oder in plötzlicher Genialität an eine andere Stelle, vom Abend in den Nachmittag hinein, vom Freitag auf den Sonntag, manchmal sogar auf die Bürotür: Das war nicht metaphorisch gemeint, bedeutete aber trotzdem Rausschmiss. Zwei von drei anfangs eingeplanten Podiumsdiskussionen erging es so. Wir wollten keine Veranstaltungen, in denen darüber sinniert würde, wie man eine perfekte Lesung theoretisch inszenieren könnte, wenn man hier nicht gerade so gemütlich auf diesen Ledersesseln beieinander säße und plauderte. Wir wollten diese Lesungen auf die Bühnen bringen,  wollten Ideen anstoßen und verwirklichen, schraubten gemeinsam mit den Autoren komplizierte, wacklige Experimente zusammen und hofften, dass nicht alles in die Luft fliegen oder die Komponenten nur in dröger Lauge zusammenfließen würden.

Zwei Veranstaltungen zur Festival-Primetime (großzügig von 15 bis 0 Uhr) waren durchaus im Rahmen des Möglichen, ja sogar gewünscht (massive Überforderung): Wir träumten uns ein Festival herbei, das niemals stillstünde, das an allen Orten des Festivalgeländes gleichzeitig passierte, das die Köpfe und Körper der Zuschauer mitnehme, im brutalen Sinne: Ein mitgenommenes Publikum, das Sonntagnacht allerorts entkräftet und intellektuell lädiert durch den Morgen stolpert (tanzt).

Die Veranstaltungen sollten so hinter- und nebeneinander liegen, dass alles in einem nicht abreißenden Festivalstrom mitgerissen würde – keine Nummernshow: ein Rausch. Die Lesung als Kunstform, das Festival als Kunstwerk – mit Dramaturgie, Haupt- und Nebenfiguren, postmodernen Fußnoten und Tropen-Exzessen; mal Pageturner, mal Meditation, in einem Moment tiefsinnig, im nächsten plemm plemm.

Wenn ich hier an den Phantasmen der Planungsphase festhalte, anstatt die verwirklichte Version von PROSANOVA zu beschreiben, dann liegt das daran, dass ich mich an die Festivaltage nicht erinnern kann. Natürlich kann ich Anekdoten erzählen und habe ein paar Bilder parat – oder sogar einen ziemlichen Haufen davon (die lachenden Mädchen im Morgen- und Geschirrspülnebel, die das Frühstück zubereiten wie Verliebte / neun Sessel auf der Zeckenwiese / die Luftkissenpalme, die in der letzten Nacht plötzlich fertig ist). Aber erklären, was bei PROSANOVA passiert ist, wie das war im Mai 2011 in Hildesheim, kann ich nicht. Ich könnte vielleicht lügen und mir das Ding nochmal intellektuell vorknöpfen, könnte einzelne Lesungen analysieren. Oder mit Besucherzahlen und Pressestimmen angeben. Das würde schon gehen, das ginge auch. Aber näher ran käme ich so auch nicht. Ich weiß nur, wie es werden sollte, nicht wie es tatsächlich war. Vielleicht war das ja auch der Rausch, vielleicht die Überforderung. Festhalten kann ich das Festival nur als Album. PROSANOVA – eine Fototapete.

Ich stand noch immer zwischen den Hallen. Auf beiden Seiten traten die Besucher ihre Zigaretten vor den Eingängen aus, um hineinzugehen. Ich stand so lange in der Mitte, bis sich die Tore zu beiden Seiten schlossen. Dann bin ich – geiler Overkill – im Backstage-Raum essen gegangen. Es gab gefüllte Zucchini und Kartoffelgratin. Minipaprika und Minestrone. Die Tischdecken waren eierschalenfarben und entspannend für die Augen.

Später ritt ein weißes Pferd zwischen den Hallen entlang. Das habe ich besser gesehen als jeder andere.

Bild: Henning Schlüter

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Clara Ehrenwerth, * 1987, aufgewachsen in Erfurt, studiert Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim. Zuletzt erhielt sie den Förderpreis des Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen. Seit 2008 ist Clara Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift BELLA triste, 2011 zog sie die Strippen des Literaturfestivals PROSANOVA.

 

 


Und hier sagt Suhrkamp-Autor Paul Brodowsky Danke für ein großartiges Festival:

Ein Gedanke zu “Wie man sein eigenes Literaturfestival vergisst

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