Zwischenruf! Tobias Kunze

Als ich die deutschen Bühnendichter vor kurzem um einen Debattenbeitrag dazu bat, ob sich der klassische Lesungsbetrieb (Stichwort: Wasserglas) und die undergroundige Welt des Poetry Slam etwas zu sagen haben, wusste ich noch nicht, dass sich einer der bekanntesten Slam-Poeten Deutschlands auf meinen Aufruf melden würde:
Tobias Kunze, der bald 1000 Auftritte hinter sich hat, stellt fabMUC mit “Stell dir mal vor” eine furiose Abrechnung mit Slam- und Literaturbetrieb zur Verfügung, die bislang nur auf der Bühne zu hören war.
Wer sich den Text (in einer etwas längeren Version) lieber von Tobias selbst vorlesen lassen möchte, hat dazu hier unter diesem Link Gelegenheit.

 

Stell dir mal vor

Stell dir mal vor, das hier wäre Hochkultur.
Und das Publikum trüge Garderobe, schicke Goldrandbrillen und Krawattennadeln glänzten im zartrosa Scheinwerferlicht, und alle lachten höflich an den richtigen Stellen über deine eingestreuten Witze, wie zum Beispiel: „Immer mehr Senioren verschwinden spurlos im Internet, weil sie aus Versehen die Tasten ‚Alt‘ und ‚Entfernen‘ drücken.“

Und dann stell dir vor, wie die Zeitungsreporter, nein besser: die angereisten Feuilletonisten, den Abend mit ‚erfolgreich‘ betiteln oder ‚grandios‘, und in den Bildunterschriften stünde ‚Chapeau! Chapeau!‘

Und überhaupt: Das Publikum ist begeistert, und alle kommen nach der Lesung zum Händeschütteln und kaufen dir deine Bücher ab, kaufen dir all deine Bücher ab, und weil du nicht aufpasst, stibitzen sie dein benutztes Taschentuch oder dein Weinglas wegen der Spuckeproben und des Genmaterials.
Willst du das?

Und dann stell dir vor, dass die Veranstalterin, nein, besser: die Programmchefin, aufgedreht wie eine Glucke, die gerade ein dreieckiges, mit Strassteinen verziertes Ei gelegt hat, umherrennt, die Anwesenden angackert und später, nachdem sie sich erfolgreich besoffen, dich aber erfolglos umworben hat, mit einem dubiosen Verleger im Gekachelten verschwindet.

Und dann stell dir vor, die Masse perlt um halb drei allmählich aus dem Palast, dem Riesenpalast, in dem die Lesung stattfand, und sinniert noch auf der Straße über die Inhalte der feilgebotenen Lyrik und zitiert Zeilen, die besonders viel Eindruck hinterlassen haben, wie:
Musik lief aus dem Radio
niemand wischte sie auf.

Willst du das?

Und dann stell dir vor, wie der allernetteste Zahnarzt dir zu deinem sechzehnten Gedichtband mit den Worten „Sie sind Ihrer Form treu geblieben“ gratuliert und so hohlkreuzig dasteht, dass seine Wirbelsäule Modell stehen könnte für Gaudí.
Und profilierte Professoren, für den Abend akquirierte Akademiker und anderweitige sich von der Arbeiterklasse abhebende Angeber scharwenzeln, vor Aufregung schwitzend heran, um sich wimmelnd eine Widmung zu erbeten.

Lauter Tiere höherer Stellung stellen sich vor, stellen dir nach und stokeln dann befriedigt mit ihren Frauen von dannen, die sich extra angemalt haben und geschmückt mit Broschen, so klumpig, als wären sie aus Asteroiden gefertigt, oder mit Ketten, die aussehen, als hätte Joseph Beuys ihnen ein Objekt namens ‚Hirschgeweih im All‘ ans Triple-Kinn geschweißt.

Und dann stell dir vor, ihre pompösen Perlenketten würden sich bei all dem Gerangel ineinander verhakeln, und sie würden schrill lachend versuchen, sich zu entheddern, um nicht in gordischen Perlenkettenknoten zu ersticken.
Willst du das?

Nein, du willst deinen Kragen lockern, du willst dir endlich dein Hemd aus dem Hosenbund rupfen, du willst dich am Arsch kratzen oder dir mit der rechten Hand tief in die Hose fahren und dir umständlich das Skrotum zurechtrücken. Du willst rülpsen und auch mal, am Mikrofon stehend, einen Spuckefetzen fliegen sehen, der hoch durch die Luft segelt – während die sich Welt verlangsamt –, sich im Flug kunstvoll verteilt und eine Parabel Richtung Publikum beschreibt, auf die du stolz sein kannst, vor allem auf den Augenblick, als der Spucketropfen schon recht weit fortgeschritten, aber noch per silbrig glänzendem Speichelseil mit deiner Lippe verbunden ist.
Und am liebsten hättest du jetzt deine Pandabärenfell-Plüschpantoffeln an.

Bild: Kulturzentrum Faust

Und du willst dieses Scheiß-Lesetisch nicht, den sie dir hingestellt und mit missbrauchten Blümchen und Seegräsern von den Dünen Amrums geschmückt haben oder mit einer einzigen, außerirdisch verkrüppelten Blume, die wohl ‚so was Abstraktes‘ suggerieren soll.

Und du willst diese Hotelfachfrau-Auszubildende nicht, die eigens für dich abkommandiert wurde, damit sie dir lächelnd den Rotwein nachschenken kann, während du deine Verse in die Oberschicht proklamierst.

Willst du wirklich mitmischen im Jetset deutscher Literaten, die in ihrer Nickelbrillen-Nische vor sich hin schimmeln, diverse Nebenwirkungen ertragen und sich zauselige Frisuren und Schnauzbärte stehen lassen, damit sie nach bohemiösem Intellekt aussehen, der zu kompliziert ist für den Boulevard und zu unflexibel fürs Goethe-Institut, und die deshalb Lesungen zwischen 300 Jahre alten, von 400 Jahre alten Tischlermeistern getischlerten Holzregalen Klarinettenbegleitung abhalten müssen?
Zu Klarinettenbegleitung, verstehst du?
Oder gar Oboen!
Oder Fagott!?

Willst du gezwungen sein, dich auf Literaturstipendien zu bewerben, um dann einen Winter lang in einer zugigen Waldvilla zu hocken und für ein Taschengeld einen Roman zu schreiben, der im Darmstadt der Renaissance angesiedelt sein soll? Oder im Siegen der Inquisitionszeit?
Da willst du mitmischen?

Willst du das, du unterernährter Poetry-Slam-Pinscher mit deinen zusammengeklatschten Zeilen, deiner holprigen Ausdrucksweise à la „Im Fenster deiner Seele hat sich eine Katze durch die Gardinen gepult“ und deiner, durch das viele Touren inzwischen zu einem Klumpen verschraddelten, Textmappe?

Du trägst doch jetzt schon die Nase viel zu hoch auf einer Bühne, die keinen Menschen interessiert. Außer dem Pöbel.
Außer euch da unten.
Und dafür bist du jetzt erstmal schön dankbar.
Sei dankbar, dass du dich hier austoben kannst. Sei dankbar für Slam Poetry. Für Niedrigkultur.
Oder geh nach Hause und schreib deinen Debütroman mit dem Titel:
Die Kälte
nach dem Warmduschen

 

Tobias Kunze, *1981, steht seit 2001 als Performance-Poet, Rapper, Autor, Moderator und Veranstalter kurz vor seinem 1000sten Auftritt und war neben Deutschland schon lesend in Paris, Reims, Luxemburg, Bozen, Tallinn, Tartu, Straßburg, Basel und Wien unterwegs. In Hannover ist er bekannt als Teil der Lesebühne Nachtbarden (im TAK) sowie der Rap-Band BIG TUNE.

Ein Gedanke zu “Zwischenruf! Tobias Kunze

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