Literatur im Netz (5). Andreas Heidtmann im Gespräch: “Meine Sympathie gilt den Stürmern”


Foto: Dabdoub

Andreas Heidtmann ist Gründer des poeten­ladens, hinter dem sich die Literaturplattform poetenladen.de, die Literaturzeitschrift poet und den Literaturverlag poetenladen verbergen. Vor allem die digitale Plattform, die seit 2005 besteht und neben Lyrik und Prosa auch Kritiken, Porträts, Rezensionen und Essays anbietet, hat sich – nicht zuletzt dank der Beteiligung hunderter Autorinnen und Autoren – zu einer der wichtigsten Anlaufstellen für Literaturinteressierte im Internet gemausert. ZEIT, Buchmarkt und Goethe-Institut berichteten, im vergangenen Jahr erhielt das Literaturmagazin poet den renommierten Hermann-Hesse-Preis. Für fabMUC nahm sich Heidtmann Zeit für ein ausführliches Interview über digitale Literatur im Allgemeinen und seine Projekte im Besonderen, wofür wir an dieser Stelle noch einmal herzlich danken.

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fabMUC: Ist Andreas Heidtmann ein Gatekeeper?

Heidtmann: Meine Sympathie gilt den Stürmern. Also lieber etwas bewirken als etwas verhindern. Netz, Literaturlandschaft und Medienwelt sind zu vielfältig, als dass Einzelpersonen hier Informationsflüsse stoppen könnten. Was die eigenen Projekte angeht, also Internetplattform und Verlag und Zeitschrift, da schaut man natürlich genau, was man zulässt.

fabMUC: Gibt es interne Konkurrenz zwischen Seiten wie lyrikline.org (betrieben von der Berliner Literaturwerkstatt), literaturportal.de (hinter dem das Literarische Colloquium Berlin steckt) und dem poetenladen, den Du ja mehr oder weniger im Alleingang betreibst? Zumal mit literaturportal-bayern.de in Kürze eine weitere Autorenplattform online geht?

Heidtmann: Jeder hat sein Profil. Das ist doch wunderbar.
Der poetenladen betreibt ja nicht nur eine redaktionell geführte Website (die inzwischen mehrfach ausgezeichnet wurde), sondern auch einen Verlag und eine Literaturzeitschrift. Jüngst konnte ich in der Berliner Akademie der Künste die Synergien zwischen Internet und Verlag erläutern, so veröffentlichen wir beispielsweise Anthologien im Verlag, die parallel im Internet erscheinen – etwa als wöchentliche Serie. Da wird die Aufmerksamkeit für ein Buch über lange Zeit wachgehalten. Ich betreibe den poetenladen zum Glück nicht im Alleingang, ich bin nur ein idealistischer Arrangeur – vor allem die Verlagsbereiche wie Lektorat, Presse, Layout machen andere.
Aber sicher meintest Du mit “Alleingang” auch eher, dass hinter uns keine Institution steht. Jedes weitere Literaturportal wird für die Autoren uninteressanter, weil es egal ist, ob man mit seiner Vita in einem oder in zehn Portalen steht.

 

fabMUC: Literatur im Netz fing bekanntlich einmal als avantgardistisch-experimentelles Unternehmen an der Schnittstelle zwischen Lyrik, Kunst und Neuen Medien an. Der poetenladen setzt dagegen eher auf die traditionelle Repräsentation von Autoren und Werken, wie sie auch ein gedrucktes Autorenlexikon bietet.
Warum findet digitale Poesie in der beschriebenen Form bei euch nicht statt?

Heidtmann: Das hat nichts mit den poetenladen zu tun. Das hängt davon ab, welche Formen der Literatur und Kunst wir bekommen. Es gibt immer weniger Autoren, die sich mit dieser Form der Internet-Literatur beschäftigen. Früher hatte die ZEITeinen Wettbewerb für solche Literatur ausgeschrieben, er wurde eingestellt. Die Literatur nannte man damals – und das klingt heute schon altmodisch – Hyperfiction. Autoren haben andere Talente und Interessen als Web-Experten. Doch man müsste eine Menge Ahnung von Webtechnik haben, um mit und in diesem Medium künstlerische Ergebnisse zu erzielen und z.B. digitale Literatur zu verfassen. Wir hatten auf dem Poesiefestival Berlin mit Stephan Porombka, Nora Gomringer und Anja Utler mal eine Diskussion – es wurde sofort klar, es kann nicht darum gehen, seinen Text mit ein paar Links zu unterfüttern. Es müssten etwa aleatorische Prinzipien, Webphänomene wie etwa Suchergebnisse, Userkommentare einfließen. So eine digitale Komposition wäre sicher kein “Text” mehr und würde sich wohl mit jedem Aufruf verändern.
Es gibt keine originäre digitale Belletristik von Rang. Das Netz wird ohnehin mehr und mehr zum Werbecampus und simuliert Inhalt lediglich, um aus gutgläubigen Usern gutzahlende Konsumenten zu machen. Damit verliert es als künstlerisches Avantgardemedium seinen Reiz.

fabMUC: Warum bekommt der poetenladen eigentlich keine Fördergelder?

Heidtmann: Wir bekommen Fördergelder. Zuletzt unter anderem vom Deutschen Literaturfonds. Ohne die Förderung etwa auch durch die Sächsische Kulturstiftung könnten wir manches wichtige Projekt nicht durchführen. Wir machen ja auch keine Werbung. Das fände ich auch kontrapunktiv: Sich einerseits mit Leidenschaft für Literatur einzusetzen – und das ist auch eine radikal ästhetische Entscheidung – und neben einem
Naturgedicht für Katzenfutter zu werben.


Aktuelle Ausgabe des Literaturmagazins poet

fabMUC: Hältst du Matthias Polityckis Wunsch, die Gegenwartsliteratur wieder in die Mitte der Gesellschaft zurückzuholen, für realistisch? Oder macht sich unser Kurator da etwas vor?

Heidtmann: Ein Wunsch und “sich etwas vormachen” sind ja zweierlei. Den Wunsch kann ich teilen.
Das heißt nicht, dass man davon ausgeht, dass sich ein Wunsch zu hundert Prozent realisieren lässt. Was mir wichtig scheint, ist, dass neben dem Institutionalisierten in der Literaturlandschaft auch intelligente neue Formen Raum bekommen und mehr freie Projekte Förderung erfahren. In kenne Städte, da beträgt die Förderung freier Projekte nicht mal 5 Prozent der kulturellen Gesamtförderung. Aber gerade solche Initiativen schaffen es, Kunst und Literatur in die gesellschaftliche Mitte oder an die gesellschaftlichen Ränder zu tragen.
Wir lesen vielleicht zu wenig in Parks, in Wohngemeinschaften, in Banken, in Kneipen, in Schulen, unter Wolken, auf Ämter, in Flughäfen, an Hoffnungsperipherien, in der Gesellschaft, in der Heimatlosigkeit. Die Literatur ist in ihrer Vermittlung zu stark domestiziert (Wasserglaslesung um 20 Uhr) und zu wenig emphatisch und lebendig und zu wenig abenteuerbehaftet. Daher erreicht sie auch nicht so viele Menschen. Sie könnte mehr erreichen. Das wäre ein realisierbarer Traum. Da sie keine Repräsentationskunst ist wie etwa die Musik (Oper), wird sie von den zuständigen Verwaltungen auch nicht enthusiastisch gepflegt.

fabMUC: Und ein Weblog als Social-Media-Flanke zu einem Literaturfestival? Versuche da die “Holzmedien” nicht verzweifelt, noch ein letztes Mal (und noch dazu im Feindesland) auf sich aufmerksam zu machen?

Heidtmann: Vielleicht sollte man einfach die Entwicklung beobachten. Im Grunde sind
doch die Medien egal, es kommt auf die Qualität der künstlerischen Produkte an. Ich sprach ja auch von den Synergien.

fabMUC: Auf welche Namen müssen wir in den nächsten Monaten deiner Meinung
nach achtgeben? Warum?

Heidtmann: Ach, es gibt doch genug Namen.

fabMUC: Und zu guter Letzt: Was sagst Du zur Auswahl der Lyrikerinnen und Lyriker, die im November beim forum:autoren auftreten werden? Namen, die dir auch in den Sinn gekommen wären? Oder nur die üblichen Verdächtigen?

Heidtmann: Jedes Literaturfest hat seine Organisatoren und diese ihre Vorlstellungen. Grundsätzlich finde ich es gut, wenn man wagt, neue bzw. junge Autoren einzuladen und nicht nur auf Highlights zu setzen. Und das gilt auch für Verlage.

fabMUC: Lieber Andreas, noch mal vielen Dank für deine Zeit!

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Ein Gedanke zu “Literatur im Netz (5). Andreas Heidtmann im Gespräch: “Meine Sympathie gilt den Stürmern”

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