Lesungsreise (2): Der Poetry Slam

Bereits vor vier Wochen berichteten wir von unseren Erfahrungen mit dem deutschen Lesungswesen. Jetzt hatten wir Gelegenheit, einem Poetry Slam zu besuchen.
Es folgen daher, frei nach Tucholsky:

Ratschläge für einen schlechten Slam-Poeten.

Fang nie direkt mit deinem ‚Piece‘ (wie du deinen Vortrag nennst) an, sondern breite vor den Zuhörern erst das Panorama deiner künstlerisch-literarischen und gerne auch persönlichen Vorbildung aus.
Erzähl davon, dass du schon als Dreijähriger deinen ersten Roman („Wauwau unter Tüttüt“) schriebst, und wie du in der Theater-AG immer die psychologisch anspruchsvollen Nebenrollen („der Baum”) zugewiesen bekamst.
Das bringt Sympathien und Sympathien sind später Punkte.
Doch gib dich volksnah. Das Publikum muss von alleine zu der Einsicht kommen, dass du schlauer, witziger und belesener bist als sie.
Bleib dabei unbedingt authentisch! Niemand nimmt dir ab, dass Du deine Kindheit in einer Zündholzschachtel im Ghetto von Rauxel verbracht hast, wo du von Günter Grass entdeckt wurdest, der fast auf deine Schachtel getreten wäre.

Mach dann einige gelungene Wortspiele mit dem jeweiligen Ortsnamen, die du auf dem Weg hierher ausgedacht hast, und imitiere anschließend den lokalen Dialekt.
Das bringt dir besonders die Zuneigung der anderen Studenten, die genauso aus Süddeutschland stammen wie du.

Nach fünf bis acht Minuten ist es dann an der Zeit, mit dem eigentlichen Text zu beginnen. Wähle unbedingt eines dieser drei Themen aus: Slam Poetry selbst, das Schreiben eines Slamtexts oder das unglaubliche Gefühl, Poetry Slammer zu sein. Andere Themen werden vom Publikum als unpassend und ‚zu literarisch‘ empfunden.
So du in deinem Vortrag humoristische Effekte beabsichtigst, kündige dies vorher an, beispielsweise mit dem Satz: „So, jetzt kommt wieder was Lustiges.“ Überrasche nicht durch plötzliche Überraschungen, das schätzt das Publikum nicht.

Beginne. Brich jedoch gleich wieder ab. Weil du in der Aufregung doch den Text vergessen hast und ihn jetzt aus der hinteren Hosentasche pfrimeln musst. Das steigert die Spannung und beweist deinen Mut zum Unperfekten. Abzulesen ist ohnehin sicherer; auch freut es jedermann, wenn der Slampoet nach jedem Satz hochblickt, ob noch alle da sind.
Zeig Mut zur kreativen Wortfindung. Sag ‚kathartisch‘, wenn du ‚katatonisch‘ meinst und lass das Publikum rätseln, was das eine oder das andere bedeuten könnte.

Variiere die Lautstärke unerwartet von zu leise zu sehr laut und zurück. Sprich zu schnell. Schrecke nicht davor zurück, Persönliches preizugeben, auch dann, wenn die Zuhörer nicht verstehen können, was mit „damals, nach der 4. Stunde, in der Mädchentoilette“ gemeint ist. Das umgibt dich mit einer Aura des Geheimnisvollen.
Kümmere Dich nicht darum, ob die Wellen, die von Dir ins Publikum laufen, auch zurückkommen.
Wenn du Kontakt mit dem Publikum aufnimmst, mach dir immer klar, dass du ein Künstler bist, während die da unten nur hergekommen sind, um dir zuzuhören. Ein gönnerhaftes „Gut, oder?“ sollte helfen, dieses Verhältnis zu etablieren.

Wenn Du einen Witz machst, lach vorher, damit man weiß, wo die Pointe ist. Sollte nach dem Witz niemand lachen, lach noch einmal und behaupte souverän: „Muss auch sein.“ Mach dir klar, dass die Zuhörer so von deinen lyrischen Fähigkeiten bestrickt sind, dass sie nicht daran denken können, sich auch noch zu amüsieren.

Mach dir klar, dass das slam-übliche Zeitlimit für dich nicht gilt, sondern nur dazu gedacht ist, die Redezeit all der anderen, der schlechten Poeten zu begrenzen.
Sollte man dich dennoch auffordern, die Bühne zu verlassen, rede einfach weiter, selbst wenn dein Vortrag im Klatschen des Publikums und der plötzlich einsetzenden Musik untergeht.

Denk immer daran: Wenn einer am Mikrofon steht, müssen die andern zuhören. Das ist Deine Gelegenheit. Mißbrauche sie.

4 Gedanken zu “Lesungsreise (2): Der Poetry Slam

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