Simon Urban im fabMUC-Interview

Erst vor kurzem hatten wir Simon Urbans Roman “Plan D” vorgestellt. Heute hat der Autor sich die Zeit genommen, uns ausführlich Rede und Antwort zu stehen.

fabMUC: Wie kommt ein Wessi eigentlich dazu, einen Roman über die DDR zu schreiben?

Urban: „Über die DDR“ klingt, als hätte ich einen historischen Roman geschrieben, sagen wir lieber: „Über die DDR im Jahr 2011“.  Plötzlich hat man eine Idee und diese Idee lässt nicht locker. Also versucht man etwas. In meinem Fall war diese Idee die Frage, wie Deutschland heute aussähe, wenn es die Wiedervereinigung nicht gegeben hätte. Dass ich als Wessi dafür eine DDR der Gegenwart erfinden musste, hat mich gar nicht so sehr geschreckt. Es ist ja eines der schönsten Autorenrechte, sich auch mal von der eigenen Erfahrung unabhängig zu machen und tief in die Phantasiekiste zu greifen. Viel schwieriger war, dass ich so was in meinen Texten vorher nie gemacht hatte: Dialoge, Beschreibungen, Spannung auf lange Distanz, einen Genre-Mix. Außerdem war die Idee ja von vornherein, eine Satire auf unsere politische Gegenwart zu schreiben und dafür nur die Bühne einer weiterlebenden DDR zu nutzen. Insofern fällt der Roman natürlich auch nicht unter „DDR-Literatur“.

fabMUC: Die FAZ will dich als “leicht spöttisch blickenden, selbstbewusst wirkenden Mann mit modischem Bart” beschrieben wissen. Ist da was dran?

Urban: Das fand ich gut, dass ich für meine Nassrasierfaulheit noch ein Kompliment in der FAZ bekomme. Und Spott ist ja keine schlechte Haltung, wenn man versucht, einen satirischen Text zu schreiben.

fabMUC: Und was, lieber Simon, ist bitte eine ‘literarische Werbepause’ (mit der Du, soviel sei erwähnt, einen der wichtigsten Kreativpreise abgeräumt hast)?

Urban: Das ist leider nicht in einem Satz erklärt. Ich hab damals, 2008, bei der Werbeagentur Scholz & Friends gearbeitet, unter anderem für den Kunden Doppelherz. Jahre vorher hatte ich mal ein Nonsensgedicht geschrieben, mit dem Titel „Vom Fett“, darin geht es um Lipophilie. Jetzt muss man wissen: die Zielgruppe von Doppelherz sind Senioren. Senioren sind gerne auf Kulturveranstaltungen, zum Beispiel bei Lesungen. Und da war die Idee, wir machen auf solchen Lesungen eine Live-Werbepause für Doppelherz, und zwar in literarischer Form, also mit Gedichten, die von typischen Altersbeschwerden wie Übergewicht, Blasenschwäche oder Vergesslichkeit handeln. Dafür habe ich dann noch zwei Gedichte mit den Titeln „Papa muss Pipi“ und „Amouröse Amnesie“ geschrieben. Und dann sind wir – natürlich nach Absprache mit den Veranstaltern – da rein marschiert und haben das Kulturpublikum in der letzten werbefreien Bastion mit Werbung überrascht, allerdings mit Werbung, die perfekt in diesen Rahmen passte. Unseren Auftritt werden die Zuschauer wohl als Parodie auf Reklame aufgefasst haben, übrigens gar nicht mal zu Unrecht, aber das nur nebenbei. Auf jeden Fall konnten wir sämtliche Elemente eines klassischen TV-Spots auf die Bühne bringen: Wir hatten riesige Doppelherz-Papp-Packungen für die entsprechenden Produkte, wir hatten die beiden sich verschiebenden Herzen des Logos und sogar einen Bassisten, der live das Sound-Logo auf einem Bass gespielt hat. Bei der ganzen Aktion ging es natürlich von vornherein um Awards. Dass wir dann beim Clio tatsächlich einen Grand Prix bekommen haben, war ziemlich unglaublich. Immerhin haben die uns in diesem Jahr den gleichen Preis gegeben wie der historischen Wahlkampfkampagne für Obamas gewonnene Präsidentschaft. Und das für eine Lesung mit deutschen Gedichten über Fett, Urin und Demenz.

fabMUC: Der geheimnisvolle „Plan D“, um den sich dein Buch dreht, ist ein Best-Of aus Sozialismus und Kapitalismus: Träumst Du selbst manchmal heimlich davon, in so einem Staat zu leben?

Urban: Nicht in einem Staat, wie ihn der Plan D vorsieht. Der Ausdruck „träumen“ ist mir auch zu utopisch. Aber dass immer mehr Menschen von einem verselbständigten, globalen Kapitalismus, den offenbar niemand wirklich in die Schranken zu weisen vermag, die Schnauze voll haben, ist ja kein Geheimnis. Im Roman geht es um die Frage, ob es eine funktionierende Synthese aus den beiden Systemen geben kann, auch wenn das natürlich fiktional sehr angespitzt ist. Trotzdem wird genau diese grundsätzliche Frage seit geraumer Zeit in jeder Talkrunde verhandelt: wie lässt sich ein für die breite Gesellschaft erträglicher Mittelweg aus sozialen Notwendigkeiten und wirtschaftspolitischen Zwängen finden? Oder: wie kriegt man das, was offensichtlich aus dem Gleichgewicht geraten ist, wieder hin? Der Sozialen Marktwirtschaft, die als Begriff ja genau so ein Best-Of meint, kommt das erste Wort sonst noch abhanden.

fabMUC: Ist es Autoreneitelkeit oder echte Betroffenheit, wenn Du dich (im Interview mit CULTurMAG) beklagst, dass dein Buch bislang zwar ausgesprochen positiv, aber vor allem als “lustiges Was-wäre-wenn-Spiel” und nicht als “Roman über Deutschland jetzt” aufgenommen wurde?
Anders gefragt: Wünschst Du dir, dass “Plan D” auch als politischer Debattenbeitrag wahrgenommen wird?

Urban: Weder noch. Beklagen darf ich mich bei den vielen guten Kritiken sicher nicht, tue ich auch nicht. Aber feststellen darf ich ja etwas. Und ich glaube halt bislang festzustellen, dass ein Text, der mit Witz und Spannung arbeitet, und der vorrangig etwas Erfundenes erzählt und nicht etwas Erlebtes, es offenbar schwer hat, auch in einer politisch-literarischen Dimension ernst genommen zu werden oder überhaupt so gelesen zu werden. Für mich wurde die Grundidee einer weiterexistierenden DDR ja erst als Satire erzählbar, als reine negative Utopie im Krimigewand wäre es zu wenig gewesen. Genau so wichtig war es für mich, nicht den Tonfall eines normalen Krimis zu übernehmen, sondern so zu schreiben, wie ich es sonst auch mache.

fabMUC: Die Hamburger Texterschmiede und das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig: Zwei recht unterschiedliche Orte, um unterschiedliche Formen des Schreibens zu lernen. Für Jung von Matt, deine Werbeagentur, musst Du alle Ideen so knapp wie möglich verpacken. “Plan D” dagegen erzählt eher episch, bisweilen ausschweifend. Haben die beiden ‘Schulen’ da positiv zusammengewirkt – oder stand der Texter manchmal dem Schriftsteller im Weg (oder umgekehrt)?

Urban: Das wird natürlich immer wieder gefragt, aber diese beiden Berufe haben nicht viel miteinander zu tun und dementsprechend auch nicht viel Einfluss aufeinander. Das glaube ich zumindest, wenn ich mich mal ganz subjektiv selbst befrage. Wie gesagt, als Texter in der so genannten Klassischen Werbung schreibt man weitestgehend für interne Abstimmungen und nicht fürs Publikum. Und als Autor ist man zum Glück autonom und kann machen, was man will, ohne Produkt, ohne Kunden, ohne Einschränkungen. Es gibt für mich persönlich nur eine wesentliche Gemeinsamkeit und das ist die originelle Idee. Die wird vom Werber immer gefordert und in der Literatur ist sie zumindest immer mal wieder die Grundlage eines tollen Textes.

fabMUC: Darfst Du uns verraten, für welches Unternehmen Du gerade textest?

Urban: Als Texter schreibt man ja gar nicht viel, man entwickelt Ideen, Kampagnen, Konzepte. Das tue ich bei Jung von Matt momentan für Mercedes-Benz und für ein paar andere Unternehmen, die ich aktuell tatsächlich nicht nennen darf.

fabMUC: In Simon Urban steckt, so viel ist klar, ein großartiger Satiriker. Hatten Bücher wie Stephen Frys “Geschichte machen” oder Christian Krachts “Ich werde hier sein im Sonnenschein wie im Schatten” Einfluss auf dein Buch? Oder eher die (bisweilen ja auch recht grotesken) Erfindungen der Satirezeitschrift “Titanic“?

Urban: Auf meinen Roman hat eigentlich nur Michael Chabon mit seiner „Vereinigung jiddischer Polizisten“ konkreten Einfluss gehabt und zwar insofern, als dass ich beim Lesen seines Buches die Idee für „Plan D“ hatte. Ich bin überhaupt kein Kenner der Uchronie-Autoren, aber zumindest Chabon hat mir gezeigt, dass so ein Roman viel mehr sein kann als eine faszinierende Grundidee, dass in so einer Gattung auch Literatur gemacht werden kann. Und genau das war die entscheidende Motivation: zu versuchen, um es mal wieder mit Dürrenmatt zu sagen, Kunst dort zu tun, wo sie niemand vermutet.

fabMUC: Wie ist es, mit Juli Zeh an einem Roman zu arbeiten?

Urban: Wunderbar. Diese Konstellation war mein großes Glück, auch eine große Lehrstunde. Juli hat sich unglaublich viel Zeit genommen, sie hat einige mutige Änderungsvorschläge gemacht, die sich alle als richtig erwiesen haben, sie hat wirklich tolle Ideen beigesteuert und mir mehrmals aus der Klemme geholfen, wenn es logisch in der Konstruktion hakte. Außerdem hat sie mir sehr viel Mut gemacht, weil ich sehen konnte, dass sie absolut an den Roman glaubt. Und an einem Morgen nach einer langen Lektoratsnacht hat sie mir auch noch perfekte Spiegeleier gebraten – mehr kann man von einer Lektorin wirklich nicht verlangen.

fabMUC: Wusstest Du, dass Christian Kreis fabMUC auch einige Gedichte überlassen hat?

Urban: Ich weiß viel über Christian Kreis, aber das wusste ich nicht.

fabMUC: Ist es wahr, dass Du an eine Fortsetzung von “Plan D” denkst? Dann wieder mit Hauptkomissar Wegener?

Urban: Hauptmann Wegener, wir sind immer noch in der DDR! Ja, ich habe von Anfang an darüber nachgedacht, ob ich aus dem Stoff eine Art Deutschland-Trilogie machen kann. Zu erzählen gäbe es genug – ich weiß aber nicht, ob ich das hinkriege. Jetzt mache ich erst mal was anderes und warte ab, ob und wann Wegener mich wieder einholt.

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