Zwischenruf! Christian Kreis

Vor drei Wochen erschien an dieser Stelle Tobias Kunzes “Zwischenruf”, eine furiose Abrechnung mit dem Poetry-Slam- und Literaturbetrieb. Heute meldet sich der Schriftsteller Christian Kreis (von dem in diesem Blog schon zu lesen war) mit einem weiteren Debattenbeitrag zur literarischen Bühnenkultur zu Wort.

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Kopf oder Applaus

Der Poetryslam wurde Anfang der Neunziger Jahre in unsere Gegend eingeschleppt und hat sich verbreitet wie einst die Kaninchen auf Neuseeland. Auch er traf keine Feinde an, die ihm gewachsen wären, weshalb die alteingesessenen Lesungsformate in einem harten Verdrängungswettbewerb stehen. Verläßt daraufhin der normale Autor sein angestammtes Habitat, weil er ein größeres bzw. überhaupt noch Publikum erreichen will, muß er darauf gefaßt sein, von einem zwangskomischen Moderator angekündigt zu werden, im Stehen zu lesen, oder noch schlimmer, auswendig vorzutragen, und zwar nicht länger als fünf Minuten. Danach wird er von einer Personengruppe bewertet, deren literarische Qualifikation darin besteht, ein unbegründetes Selbstvertrauen in den eigenen Geschmack zu haben. Nach zwei Runden steht er im Finale, falls er die Gunst jenes Publikums, das den Daumen hoch- oder runterhält, mit verbalen Clownerien erschleichen konnte. Wäre ich Kulturpessimist, würde ich sagen, jetzt fehlen eigentlich nur noch die hungrigen Löwen.

Ab und zu begegnet man dann doch noch dem Mauerblümchen der Literaturveranstaltung, der klassischen Lesung. Der Autor darf sitzen, er hat ein Glas Wasser von einer aufmerksamen Person hingestellt bekommen, eine Leselampe erhellt das Blatt vor ihm, das auf einer gutgearbeiteten Tischplatte liegt. Es ist still. Es sitzen Menschen vor ihm, die ausnahmsweise mal nicht die Konzentrationsfähigkeit von ADHS-Patienten haben, sondern zwanzig Minuten am Stück zuhören können, ohne herumzuquengeln oder mit Gegenständen zu werfen. Der Autor liest dann weder lustige noch sehr schnell vorgetragen werden müssende Texte vor, er brüllt auch nicht, sondern er liest langsam und leise etwas, was man lieber selber lesen sollte. Im Anschluß kommt die Buchhändlerin mit einem Glas Wein und einem sehr charmanten schlechten Gewissen auf ihn zu, weil nur ein Buch verkauft worden ist. Mehr hat er auch nicht erwartet. Er kann sie trösten.

Nun hat mich eine Sache in letzter Zeit etwas beunruhigt. Es kommen neben rotweinservierenden Buchhändlerinnen immer häufiger Leute auf mich zu, die mir vorschlagen, an einem Poetryslam teilzunehmen. Sie verbinden ihren Vorschlag mit einer vernichtenden Nachbemerkung: Meine Texte seien doch lustig.

Ja, warum eigentlich nicht? Was war es denn, was mich den Poetryslam so verdammen ließ? Die Tatsache, daß ich mir meine Gedichte nur sehr schlecht merken kann und selbst einen Haiku vom Blatt ablesen muß? Der Umstand, daß ich bequem bin und beim Lesen lieber sitze? Oder meine Egozentrik, weshalb ich ein asymmetrisches Verhältnis zwischen Schriftsteller und Publikum bevorzuge? Der Poetryslam ist leider ein niedrigschwelliges Angebot vergleichbar mit einem Jugendclub. Ihm fehlt, wie Nietzsche sagen würde, den ich immer gerne dann zitiere, wenn ich etwas Abstand zu meinem Gegenüber schaffen will, das Pathos der Distanz. Jeder kann mitmachen. Die Aura des Besonderen, des Unnahbaren, die klassischerweise den Schriftsteller umgibt, verflüchtigt sich. Jedem Zuhörer ist es erlaubt, sich über das artige Klatschen hinaus bemerkbar zu machen, was doch eine Unverschämtheit ist, eine Distanzunterschreitung. Anstatt daß er mich nach der Lesung freundlich fragt, ob ich bereit bin, eine Widmung in den von mir verfaßten Gedichtband zu schreiben, entscheidet er lauthals, ob ich in die nächste Runde darf. Ja wer bin ich denn? Ein Gladiator? Ich bin Lyriker. Ich möchte nicht mehr und nicht weniger als das, was selbst Rapper und Problemjugendliche einfordern dürfen: Respekt.

Natürlich kann man mir vorwerfen, daß ich für einen freien Wettbewerb zu feige bin. Aber ist das verwunderlich für jemanden, der, wie ich, in einer Planwirtschaft aufgewachsen ist. Und da, wo es bei uns im Osten Wettbewerb gab, im Sport, wurde ich von allen sofort überholt, ohne eingeholt zu werden. Das war demütigend. Allerdings könnte ich mich auch wieder an Nietzsche halten, bei dem es das Gleichnis von der Selbstüberwindung gibt, vom Schiff, das den schützenden Hafen verläßt. Demnach könnte ich diesen Text hier, der wohl nicht mehr als fünf Minuten Lesezeit beanspruchen wird, auch mal bei einem Poetryslam vorlesen. Und vielleicht treffe ich ausnahmsweise auf ein Publikum, daß soviel Geschmack besitzt, diesen Text gebührend zu beklatschen, damit ich in die nächste Runde komme. Unter diesen Umständen wäre ich tatsächlich bereit, meine Vorbehalte gegenüber dem Slam, wenn schon nicht fallenzulassen, doch wenigstens zu überdenken.

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Zum Autor: Christian Kreis wurde 1977 in Bernburg (Saale) geboren. Von 2006 bis 2010 studierte er am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2007 trat er der Redaktion des Leipziger Literaturmagazins Plumbum bei. Für das Literaturportal www.fixpoetry.com schreibt er die Monatskolumne „eingekreist“. Stipendien und Preise. Zuletzt erschien sein Gedichtband In den Augen der Magersüchtigen, Verlag im Proberaum 3, Klingenberg.

9 Gedanken zu “Zwischenruf! Christian Kreis

  1. Pingback: Christian kreis | Allsolution

  2. Wenn bei einer klassischen Lesung gelesen wird, was “man lieber selber lesen sollte”, wieso gibt es dazu dann die Lesung? Weil die 12 Elfenbeintürmchen-Besucher sonst untröstlich wären?
    Man kriegt nicht den Eindruck, dass der verbitterte Lyriker das aus falscher Generösität macht, nein aus einem viel weltlicheren Grund: Er findet es irgendwie halt auch geil, auf Bühnen zu stehen. Oder eben zu sitzen. Mit Wasserglas.

    Dann haben wir wenigstens eine Gemeinsamkeit.

  3. Lieber Herr Julian,
    genau das habe ich gemeint mit Distanzunterschreitung, sofort wird man geduzt … nein, mal im Ernst, lieber Julian, Du hast natürlich recht, wenn Du sagst, daß meine Argumentation komisch wird. Das war die Absicht meiner Darstellung und etwas frech meinerseits, hier einen auf überhöhten Lyriker zu machen. Das gelingt mir allerdings nur selten. Zum Glück!
    Herzliche Grüße/ Christian

  4. Für mich war der Slam einst als unveröffentlichter Jungautor, die einzige Möglichkeit überhaupt einmal ein Publikum finden. Es läd einen ja sonst niemand ein. Das habe ich damals als großen Segen empfunden, mich und meine Texte mal ausprobieren zu können. Mir ist gleichzeitig klar, dass das nicht jedem liegen kann und muss. Die sehr kurze Vortragsspanne, der Wettbewerbsdruck, die damit verbunde Verführung Texte ausschließlich fürs Publikum und auf Lacher zu schreiben und nicht zuletzt das Alter (Slam ist nun mal keine Ü-30 Party), führten zur Gründung der eigenen Lesebühne, auch eine schöne Lebenserfahrung, die ich letztendlich dem Slam-Format zu verdanken habe.

    Als frisch gebackener Leseveranstalter nutzte ich dann den Slam um neue Talente und Gäste für die eigene Lesebühne zu sichten, Finn-Ole Heinrich habe ich beispielsweise zuerst auf einer Slambühne gesehen, lange bevor er ein mehrfach ausgezeichneter Schrifststeller wurde und zusammen mit Herta Müller im Römer zu Frankfurt am Main die Buchmesse 2009 eröffnete. Die Lyrikerin Xochil A. Schütz habe ich beim Slam kennen gelernt und auch Lydia Daher – sie war es, die dann zuerst eine Geschichte von mir veröffentlichte: in einer Poetry Slam-Anthologie.

    Das einzige was dem Slam vorzuwerfen ist -und da kann er eigentlich auch nichts für- ist seine epidemische Verbreitung, aus der nichts mehr zu wachsen scheint: Wir haben in Hamburg mittlerweile 13 sehr gut besuchte Poetry Slams. Und keine einzige freie Lesebühne mehr. Es bleiben uns: das Wasser und der Rotwein.

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