Lesungsreise (1): Die Kleinstadtlesung

Im November wird in München besonders die Welthaltigkeit des literarischen Lebens im Vordergrund stehen. Unsere Blogger pflegen seit jeher alle Formen literarischer Geselligkeit und berichten daher für fabMUC in loser Folge von ihren Erfahrungen mit den Versuchen, Mensch und Text zusammenzubringen.

Heute: Die Kleinstadtlesung

Es begab sich aber zu der Zeit, dass eine Kleinstadtlesung in einer Buchhandlung stattfand. Und jedermann kam von Krähwinkel, Dinslaken und Schmie, dass er den Worten lausche der Dichter. Und siehe, die Buchhandlung war eine inhabergeführte Stadtteil-Buchhandlung und noch ganz neu, und in den kunsttropenhölzernen Billy-Regalen lagen die untersten Reihen noch brach, und auch die Stühle waren noch staubbedeckt aus den Lagerhallen des Möbelhauses Birkenfeld, denn sie wurden zum ersten Mal benutzt.

Und es waren Beschriftungen angebracht an den Regalen ringsum, die da lauteten „Tierisches“ und „12+“, und auch mit dem sinnigen Gegensatzpaar „Literatur und Unterhaltung“ war ein Regal benannt, und darin lagen dicke Bücher von Hanns-Josef Ortheil, aber keines von Mathäus Politycki. Und das Buchhandlerehepaar hatte zwei Sorten Wein bereitet und stilles Wasser, damit man beim Vorlesen nicht rülpste, und Gummiwürmer in bunten Farben.
Und der lokale Literaturveranstalter trat zu ihnen, und die Klarheit des Wortes leuchtete um ihn und die Klemmlampe Rövhål, und er sprach: Ihr sollt nicht schwätzen während der Lesung und eure Handtelefone sollen verstummen. Und die Zuhörer schwätzten nicht und stellten ihre Anrufprofile auf stumm.

Und der lokale Literaturveranstalter sprach die einleitenden Worte: Siehe, ich verkündige euch große Freude! Unsere Autorin wird heute Abend aus ihrem Regionalkrimi lesen, den sie gestern Nacht abgeschlossen hat, und ihre Homepage-Adresse lautet da www.textrem-erfahrungen.de. Und weil sie vom Schreiben nicht leben kann, arbeitet sie zeitweilig als Schlägerbespanner in einem Squashwerk, als Briefbeschwerer eines Vorstandschefs und als Armleuchter in einem Lampenladen, aber selbstverständlich nur temporär.
Und er sprach: Viel Vergnügen, und wahrlich ich sage euch, dass es nachher noch Gelegenheit zur literarischen Geselligkeit gibt.

“Etwas rann über seinen Ärmel. Blut? Blut! Kupferfarbenes, endlos sprudelndes Blut. Blut. Blut. Und kleine Stückchen vom Mittagessen.”

Und siehe, die Autorin trat an den Tisch und ließ sich nieder, und ein kleiner Mohr stellte sacht ein Glas stilles Wasser vor ihr auf den Tisch. Und die Autorin sagte, dass sie aufgeregt sei, und dass es in ihrem Regionalkrimi um eine Kommissarin gehe, die hellseherische Fähigkeiten besitze, insofern sie Morde vorherträumen könne. Und die Leute stellten das Murmeln ein, denn das wollten sie dann doch hören, und hinter dem Kopf der Autorin leuchtete das Schild „Literatur und Unterhaltung“, bestrahlt von der Klemmleuchte Rövhål.

Und als sie sprach, sprach sie Sätze wie Engelszungen, Sätze wie: „Verdammt, diese Träume! Sie schlug die Decke zurück und stieg aus dem Bett. Im Bad stand ihre elektronische Zahnbürste. Und Mundwasser. Das würde sie jetzt brauchen.“
Und die Zuhörer schwiegen und folgten der Kommissarin zwischen Schlaf und Wachen und Büro und inhabergeführter Szenekneipe und folgten auch den Fugen des Kachelbodens mit den Blicken einmal um den Tisch herum und zurück. Und die Zuhörer wunderten sich nicht über das, was ihnen die Autorin sagte, und sie sahen ihr zu, wie sie ihnen ein Glas stilles Wasser vortrank, ohne zu rülpsen.
Als aber einige Zeit vergangen war, und die Menschen auf den Stühlen gerade die ihnen bequemste Sitzhaltung eingenommen hatten, da kam es, dass die hellseherische Kommissarin mit dem klangvollen Namen Teiresia, genannt Tess, die Begierde des Fleisches überkam und sich richtete auf ihren jüngeren Kollegen vom Morddezernat Eppingen.

Und die Zuhörer begannen, auf ihren Stühlen hin und her zu rutschen, während ihnen vorgelesen wurde, wie die „Backen seines Hinterteils auf der Bettkante joglierten.“ Und Stille senkte sich herab, noch stummer als alle Anrufprofile der Handtelefone, und vorne erklangen Sätze wie „Seine Augen waren noch eine Zeit lang offen … aber dann hatte er einen seltsamen Traum“, der aber keinen Mord vorstellte, sondern einen lüsterne Pantherin, die sich in indezenter Weise am verlängerten Rücken des jungen Polizeimeisteranwärters zu schaffen machte.
Und die Herren im Publikum schlugen dezent die Beine übereinander, während die Begegnung zwischen Musculus sphincter ani externus und Lingua beschrieben wurde, wobei nicht wenig Saliva verbraucht wurde, nur in ganz anderen Worten.

Und es war ein großes Schweigen über den stillen Wassern, und die bequemsten Sitzhaltungen wurden unbequemer und unbequemer, weil sich keiner zu rühren wagte. Und der Schildkrötenkopf einer Zuschauerin zuckte unruhig aus der Höhle ihres Mantels, den sie gleich angelassen hatte, und neben ihr glotzte ein Basedow hilflos.
Und siehe, so ging es noch ein paar Minuten weiter, und die Autorin sprach auch den Satz „Kleine Wellen einer süßlichen Flüssigkeit, die an seinem Kinn herunterliefen, belohnten ihn“, bevor sie verstummte. Und alle Menschen zwischen Krähwinkel, Dinslaken und Schmie nahmen nicht wenig wunder, dass noch kein einziger Mord vorgekommen war in diesem Krimi, und doch waren sie getröstet und erleichtert.
Und nachher sind wir dann noch richtig nett einen trinken gegangen und haben uns gehütet, den Namen Charlotte Roche in den Mund zu nehmen.

Und in der nächsten Folge: Auf dem Poetry Slam

2 Gedanken zu “Lesungsreise (1): Die Kleinstadtlesung

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