forum:autoren vorgestellt (20): Alex Dreppec im fabMUC-Interview

Bild: Rüdiger Wenig

fabMUC: Ich hatte in den letzten Monaten den Eindruck, um Deine Lyrik sei es etwas stiller geworden, bis ich Anfang des Jahres bei Götz Alsmann über einen Deiner Evergreens gestolpert bin – allerdings anders, als ich erwartet hatte. Wie kam es dazu? Erzähl!

Dreppec: Tja, ich bin auch nur darüber gestolpert, ein Freund rief mich an und ich schaltete gerade rechtzeitig noch ein, also: keine Ahnung bzw. ich vermute, Durian mag den Text einfach. Protestiert habe ich nicht. Generell sind einige meiner Texte auf Reisen gegangen und begegnen mir manchmal wieder – ohne mich noch zu grüßen. Manchmal im Radio, manchmal werden sie z.B. für Kontaktanzeigen verwendet, nicht immer auf allzu geschickte Weise (“Lädierter Lattenrost” ist z.B. wie ich vermute kein so guter Text für einen Erstkontakt in einem offen zugänglichen Partnersucheforum mit eher romantischem Schwerpunkt). Ich merke das dann irgendwann durch googlen.
Stiller (richtig beobachtet) ist es für eine Weile vor allem aus zwei Gründen geworden: ich habe mit einem Mammutprojekt in englischer Sprache gekämpft, mit dem ich noch kämpfe und von dem ich noch immer nicht weiß, was daraus wird (ich bin da reingerutscht, weil mehrere Übersetzer aus nachvollziehbaren Gründen am Übersetzen einiger meiner meistgedruckten Texte gescheitert sind). Ob das schlau war, wird sich noch zeigen müssen. Vor allem aber habe ich mein zweites Staatsexamen gemacht und als Berufsanfänger/-umsteiger erst einmal professionelle Routinen für eine Vollzeitbeschäftigung entwickeln müssen, die mir für anderes genug Luft lassen. Publiziert habe ich allerdings durchgängig. Ein neuer (deutschsprachiger) Gedichtband ist fast fertig.

fabMUC: In München wirst Du mit Bas Böttcher, Lydia Daher, Michael Lentz, Albert Ostermaier und Xòchil Schütz lesen. Welches Instrument spielst Du in diesem poetischen Orchester?

Dreppec: Die Tuba natürlich, weil Tuba ein beinahe so schönes Wort ist wie Dada und weil auch die Tuba in gewisser Weise bauchig ist. Ich nehme aber an, die Frage war doch irgendwie ernst gemeint: das ist ein vielstimmiges Orchester mit vielschichtigen Poeten. Ich bin sicherlich der, der am klarsten der komischen Lyrik zuzuordnen ist, obwohl z.B. meine Lieblingstexte von Bas Böttcher zum Teil auch im besten Sinne komisch sind – und obwohl etwa ein Drittel meiner Lyrik auch nicht komisch ist.

fabMUC: Für „Klartext“, die Podiumsdiskussionen an der Münchner Uni, hast Du auch einen Debattenbeitrag im Gepäck. Wie wird Dein Ausblick auf die deutschsprachige Gegenwartsliteratur ausfallen?

Dreppec: Ich finde, wenn man große Linien zeichnet, sind das fast immer auch arg grobe Linien und fühle mich daher mit der Aufgabe ein wenig überfordert – es sei denn, die Gründe dafür werden als Debattenbeitrag akzeptiert. Ich mag Kunst gerade da, wo Freiheit gegenüber irgendwelchen Strömungen besteht, die solche Linien sichtbar machen könnten. Aber ich freue mich über die langsame Zunahme der stilistischen Vielstimmigkeit, wie sie sich auch jetzt in München niederschlagen wird – und wie sie im Bereich gegenwärtiger Musik(en) absolut selbstverständlich ist.  Alleinvertretungsansprüche a la “nur das ist Lyrik” scheinen eher abzunehmen. Über ein paar Veränderungen bezüglich der Frage “wie kommt der Text zum Leser (/Hörer…)” kann man auch sinnvoll reden, ich weiß aber noch nicht, ob ich Lust dazu habe.

fabMUC: Deine drei lebenden Lieblingslyriker?

Dreppec: Wechselt, momentan Ror Wolf, Arne Rautenberg, Michael Schönen (was macht der eigentlich, weißt Du was?)

fabMUC: Michael gestaltet gerade für uns die Reihe “Achtung, Bildwechsel!“. Aber zurück zu Dir: Was sind Deine nächsten Projekte? Literarisch und /oder persönlich?

Dreppec: Ich möchte den Kampf mit dem englischsprachigen Projekt beenden und versuchen, damit an eine Öffentlichkeit vorwiegend außerhalb des deutschsprachigen Raumes zu treten, was zweifellos eine große Herausforderung wird, denn dort bin ich naturgemäß noch ein nahezu völliger “Niemand”. Ich will einen neuen deutschsprachigen Gedichtband veröffentlichen sowie vielleicht einen meiner beiden unfertigen, verhunzten Romane retten und dabei lernen, etwas weniger zerstörerische Selbstkritik zu üben. Vielleicht möchte ich in Chicago und New York mit meinen englischsprachigen Texten slammen.
Persönliche Pläne habe ich auch, aber ich mache jetzt keinen öffentlichen Heiratsantrag.

fabMUC: Ein Thema, dass die Slampoeten Deutschlands in den letzten Wochen sehr bewegt hat: Wie geht es mit der Darmstädter Dichterschlacht weiter, zu der regelmäßig bis zu 1.000 Zuschauer pilgern?

Dreppec: Die Darmstädter Dichterschlacht ist gestern vor wie gehabt ausverkauftem Haus und daher etwa 800 Zuschauern erfolgreich von Tilman Döring und mir moderiert worden (die Zahl 1000 stammt aus der Zeit, als wir alle stehen ließen / lassen mussten und mehr Tickets im Verkauf waren, was sich u.a. aus feuerpolizeilichen Gründen nicht mehr empfahl). Leider fand sie parallel zur ebenfalls gut besuchten Lesung zum diesjährigen Büchnerpreis statt, zu der ich deshalb nicht gehen konnte.
Wir sehen im Moment keine Gefahr mehr, dass die Dichterschlacht gegen unseren erklärten Willen von einer sehr umstrittenen Großveranstaltung mit (absehbar) freiem Eintritt an exakt gleichem Ort mit dem gleichen äußeren Erscheinungsbild beschädigt, “gedumpt” oder gar irgendwann durch diese ersetzt werden wird. Was darüber hinaus passieren wird – abwarten. Vielleicht können am Ende doch alle mit dem Ergebnis leben.
Es gab übrigens bei der vorvorletzten Dichterschlacht einen öffentlichen Heiratsantrag, der angenommen wurde. Ich vermute, bald werden auch Scheidungsvorhaben öffentlich ausgesprochen.
“Pilgern” heißt es in jedem zweiten Beitrag über uns. Ich würde gerne mal wissen wieso das eigentlich so ist.

fabMUC: Und eine dringende Frage noch zum Schluss: Was reimt sich eigentlich auf Stab?

Dreppec: Grab! Vielleicht habe ich deshalb nach einer großen Reihe von Alliterationsgedichten eine etwas kleinere Reihe von Gedichten über den Tod geschrieben! Ist mir noch gar nicht aufgefallen.

•••

Zum Autor: Alex Dreppec, geboren 1968, promovierter Psychologe, Autor, Slamveranstalter, Schreibwerkstattsleiter, Leh­rer, Verständlichkeitsforscher. Neben dem Gedichtband “Die Doppelmoral des devoten Despoten” (Eremiten­-Presse) und dem Hörbuch “Metakekse” (Ariel­-Verlag) über 150 weitere literarische Veröffentlichungen u.a. in Li­te­raturzeitschriften und Anthologien, darunter auch mehrere Stan­dardwerke. Gewinner des Wilhelm-Busch-Preises 2004. Auftritte in Radio und Fernse­hen. Einer der Gründer und Moderatoren der Darmstädter Dichterschlacht mit regelmäßig 800 Zuschauern. Rief 2006 den “Science Slam” ins Leben, bei dem er die Tätigkeiten als Ver­ständlichkeitsforscher und als Poetry Slam­mer miteinander verband und der sich seitdem über den gesamten deutschsprachigen Raum ausbreitet. www.dreppec.de

Termine

Samstag, 12.11.2011, 20 Uhr
Literaturfestfest. Gute Gedichte. Und mehr.
Mit Bas Böttcher, Lydia Daher, Alex Dreppec, Michael Lentz, Albert Ostermaier, Xóchil A. Schütz und der SZ-Band Deadline
Moderation: Matthias Politycki und Julia Westlake (NDR)
In Zusammenarbeit mit dem Lyrik Kabinett und der Zeitschrift DAS GEDICHT
Muffathalle
Eintritt 12,– € / 9,– €
Karten unter: 089 – 54 81 81 81 oder www.muenchenticket.de

Freitag, 11.11.2011, 16 Uhr
Klartext
Mit Christoph Bartmann, Silke Behl, F.W. Bernstein, Bas Böttcher, Lydia Daher, Alex Dreppec, Norbert Gstrein, Felicitas Hoppe, Wend Kässens, Katja Lange-Müller, Michael Lentz, Jörg Magenau, Andreas Maier, Julia Westlake. Moderation: Matthias Politycki und Prof. Sven Hanuschek
LMU Hauptgebäude, Raum F107, Eintritt frei
In Zusammenarbeit mit dem Institut für deutsche Philologie der LMU

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