Neue deutschsprachige Lyrik (1): Annette Hagemann

fabMUC veröffentlicht in den nächsten Wochen ausgewählte Gedichte von entdeckenswerten Autorinnen und Autoren. Heute empfiehlt Kurator Matthias Politycki die Lyrik von Annette Hagemann.

Annette Hagemann
china town

fast hätte ich den glücksdrachen gekauft
an dem morgen auf dem chinesischen markt
da bauten sie noch die stände auf und schon
hatte ich ihn gesehen: sehr freundlich
sehr entgegenkommend im wind
mit einem großen grinsenden kopf aus papier
oder pappmaché gelockten augenbrauen:
einem kopf aus lachsfarbenem papier
und einem lachsfarbenen schweif
der zwei bis drei meter lang im wind schlug
bereit zum ausritt das konnte man sehen
wir lachten uns an und beinahe hätte ich
ihn mitgenommen: egal zu welchem preis
doch ich war noch nicht soweit für so viel glück

Annette Hagemann, * 1967 in Münster, studierte Germanistik und Ethnologie in Göttingen. Nach dem Magisterabschluss folgte eine halbjährige Reise durch Südasien, danach war sie als freie Journalistin und Museumspädagogin in Hannover aktiv und arbeitet seit 2001 im dortigen Literaturhaus. 2009 erschien ihr erster Gedichtband „streit mit dem sonnengott“ im Wehrhahn-Verlag, im selben Jahr erhielt sie das Literatur-Arbeitsstipendium des Landes Niedersachsen.

5 Gedanken zu “Neue deutschsprachige Lyrik (1): Annette Hagemann

  1. Pingback: URL

  2. Liebe Annette Hagemann,

    es war mir ein ein ganz besonderes Vergnügen, an der Seite des lyrischen Ichs des Morgens durch den chinesischen Markt zu schlendern. Mir gefällt die Metapher vom Gedicht als weitergereichtem Zauberhut ausgesprochen gut, denn sie ist nicht nur schön, sondern (ein klassischer Glücksfall!) auch richtig: Ohne die Zauberkraft von “china town” wäre ich wohl nie auf den Einfall gekommen, Drachen mit Eudämonie in Verbindung zu bringen – und Thilo S. mit dem deutschen Märchen (obwohl…).

    Ich also bin es, der für diesen dämonischen Moment und für die freundlichen Worte zu danken hat. Bis zum hoffentlich bald folgenden nächsten Gedicht!

    Herzlichst,
    Lothar Thiel

  3. Lieber Lothar Thiel,
    ich habe mich vor kurzem erst mit einem Freund darüber ausgetauscht, dass es neben dem Schreiben eines Gedichts das Spannendste ist, zu beobachten, was mit dem Gedicht passiert, nachdem man es in die Welt hinausgeschickt hat. Wie es ihm “dort draußen” ergeht – und wie erstaunlich gut es dort oft aufgehoben ist (manchmal denke ich: besser als bei mir)! Wenn ich ein Gedicht schreibe, stecke ich schon hinein, was ich an Gedanken und Lebenserfahrung zusammenkratzen kann, aber was andere, mir unbekannte kluge Menschen da späterhin noch alles “herauszuholen” im Stande sind, das verblüfft und entzückt mich immer wieder – dann kommen mir Gedichte vor wie weitergereichte Zauberhüte.
    Vielen Dank fürs höchst angenehme Dämonisieren!
    Annette Hagemann

  4. Wir kennen den Drachen aus unseren Märchen als das böse, bedrohliche Ungeheuer, durch dessen Eliminierung furchtlose Recken ihren Mut beweisen können. Der Glücksdrache in Annette Hagemanns Gedicht „china town“ scheint schon per definitionem das Gegenteil jenes perfiden Monsters zu sein. Doch liegt der Unterschied nicht vor allem im Auge des Betrachters? Auch der Glücksdrache ist un-geheuer, un-vertraut, fremd.

    Das altgriechische Wort für Glückseligkeit ist εὐδαιμονία. „Eudaimonia“ bedeutet „einen guten Dämon habend“. Der christlich-abendländische Dogmatismus konnte mit solcherart Geist nichts anfangen und hat ihn deshalb buchstäblich verteufelt. Das Erbe dieser Kultur ist unser Bestreben, immer auf Nummer Sicher zu gehen, uns möglichst in allem des Einklangs unseres Fühlens, Denkens und Tuns mit den ‚bei uns‘ anerkannten und gültigen Regeln zu versichern. Damit halten wir den un-heimlichen Dämon von uns fern oder versuchen es zumindest.

    Aber die ‚modernen Zeiten‘ lassen diesen Schutzschirm zunehmend löchrig werden. Manche entfalten hektische Aktivitäten, die Löcher zuzukleben, andere schauen hingegen mit vorsichtiger Neugier durch sie hindurch, um das ANDERE zu entdecken, auch für sich selbst. „Mut“ in heutiger Zeit ist anders zu definieren als es die Ritter-Ideologie der Märchen und manch ein Bestsellerautor dieser Tage uns weismachen wollen. Sie betrifft die Frage, ob und wie weit wir uns auf den fremden Dämon einlassen und ihn bei und in uns heimisch werden lassen wollen. Sollten wir, bevor wir dies vielleicht tun, erst Gewissheit darüber erlangen, ob es ein guter Dämon, ein Glücksdrache, ist? Können wir dies überhaupt vorher wissen?

    Das Zögerliche des lyrischen Ichs – „fast“ (V. 1), „beinahe“ – drückt den Schwebezustand zwischen Offenheit, Mut auf der einen Seite und Besonnenheit auf der anderen wunderbar aus. Das Gedicht führt uns einen Zustand der Überlagerung verschiedener Bewusstseinsstufen und Haltungen mit dem schönsten Bild, das es dafür gibt, vor Augen und dies trägt sicherlich zur Eudaimonia vieler Leser bei. Zu hoffen bleibt, dass noch viele Gedichte von Annette Hagemann auf fabMUC und anderswo zu lesen und zu hören sein werden.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


9 × = dreißig sechs

* Copy This Password *

* Type Or Paste Password Here *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>