Klartext (12.11): Tanja Dückers

In den letzten Jahren sind Schriftsteller immer wieder aufgefordert worden, „Farbe zu bekennen“ oder einen deutlich erkennbaren „Standort“ einzunehmen. Damit war gemeint: ein politischer Standort. Nicht nur das Feuilleton hat sich mit dieser Forderung an die Schriftsteller gewandt, auch die Politik selbst. Ständig werden Autoren zu Parteitagen, zu Abendessen von Politikern, zu Empfängen etc. eingeladen. Vor Wahlen häufen sich die Einladungen. Denn längst sind die sogenannten Kreativen von Politikern und Unternehmern als wichtige Meinungsträger und –proklamierer entdeckt worden. Waren früher Künstler noch Außenseiter der Gesellschaft, so stehen sie plötzlich, oft zu ihrer eigenen Verwunderung, in der Mitte der Gesellschaft, zählen offenbar zu „den Medien“. Sie sollen guruhaft Antworten auf die großen Fragen von Politik und Gesellschaft, zu Leben und Moral schlechthin geben, als würden nur sie noch höhere Weisheiten kennen, nachdem politische Würdenträger, die Kirchen und die großen Ideologien an Glaubwürdigkeit verloren haben. Manchmal habe ich den Eindruck, die Künstler sollen die neuen Priester sein oder Politiker der Extraklasse, eine Sondereinheit – in jedem Fall viel mehr als Künstler. Und entsprechend werden sie von den unterschiedlichsten Seiten versucht zu instrumentalisieren. In Hamburg haben sich Künstler gegen die omnipräsente Werbung der Stadt mit ihren „Kreativen“ gewehrt, da den Künstlern die eklatante Diskrepanz aus weiteren Kürzungen der Kulturmittel bei gleichzeitiger Werbung mit den stadteigenen Künstlern aufstieß. In Berlin hat Wowereit mit seinem unseligen „arm, aber sexy“ so getan, als müsse man an dem Missstand der Armut nichts ändern. Es ist ja so sexy, arm zu sein. Dabei leben in Berlin die meisten Kreativen der Republik, und die Mehrzahl von ihnen kann sich nicht mal den Mitgliedsbeitrag der KSK leisten.

Es ist also an der Zeit, sich all dieser Vereinnahmungsversuche zu erwehren. Schriftstellern, die Wahlkampagnen für Parteien machen, muss man eh unterstellen, dabei Selbstbewerbung im Auge zu haben. Und welche Partei gibt es heute schon, für die man wirklich gern werben möchte? Für die längst nicht mehr linke SPD, die Hartz IV und die Agenda 2010 auf den Weg gebracht hat und die verkehrspolitisch völlig rückwärtsgewandte Abwrackprämie? Für die Grünen, die mit ihren Ambitionen, Volkspartei zu werden, ihre Ziele massiv verwässert haben, um massentauglich zu sein und um von etablierten, aber bio-essenden Zahnärzten bis hin zu urlinken Traditionalisten aus Kreuzberg alle zufriedenzustellen? Für die Linke, deren Glückwunschgruß an Fidel Castro vom letzten Sommer sich vom Wortlaut her kaum von dem der SED an Castro aus dem Jahr 1966 unterschied? Für die CDU, die immer noch in weiten Teilen gegen die Homo-Ehe und für die Herdprämie ist? Für die FDP oder die Tierschutzpartei?

Nein, der ganze Ansatz ist falsch. Der Forderung nach einer Standortbestimmung bei Schriftstellern sollte nicht nachgegeben werden. Kein Schriftsteller braucht seinen Standort offenzulegen, dieser darf durchaus geheimer sein als ein Bankgeheimnis. Der Wiener Philosoph Paul Liessmann sieht, fußend auf Bordieu, die Fähigkeit des Intellektuellen zu kritischer Reflexion gerade in seiner relativen Distanz zu den Sphären der Politik und Ökonomie, will in seiner Autonomie vom Politischen die Bedingung für die Produktion unbestechlichen Wissens verankern.

Wenn man bedenkt, dass die versuchte Verpflichtung der Literatur auf Propagandazwecke in diesem Land erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit – 1945 bzw. 1989 – überwunden wurde, kann es einen schon wundern, wie leichtfertig Schriftsteller heute bereit sind, einer Partei anzudienen. Sie geben den Posten des neutralen Beobachters auf, obwohl sie doch auf ihrem ureigenen Feld, der Literatur, sehr gut politische Inhalte verhandeln können – kaum ein Werk von Weltrang, dass nicht gleichsam von innen heraus ein gesellschaftspolitisches Portrait liefert.

So schreibt der argentinische Schriftsteller Martín Kohan, Jahrgang 1967: „Mein literarisches Interesse wird durch das alltägliche, das durchschnittliche Leben geweckt. Die eindeutig der Politik zugehörigen Bereiche hingegen haben ihre eigenen Diskurse, die sich dafür besser eignen als die Literatur. Die Literatur kann in Bereiche vorstoßen, die der politische Diskurs niemals erreicht. Meist sind das die Grauzonen, die Zwischentöne, die Widersprüche.“

Romane oder Erzählungen, auch Gedichte, liefern großartige Möglichkeiten, verschiedene Standorte über unterschiedliche Figuren oder andere Ideenträger zu vermitteln, der Standort des Schriftstellers verschwindet dahinter und spielt im guten Sinne gar keine Rolle: In der Welt des Romans. Mit dem ich an die Öffentlichkeit trete. Nicht mit den privaten Ansichten von Frau Dückers, die vielleicht langweilig oder bekloppt sein können – wenn soll das kümmern?

Sich unisono einer Partei zur Verfügung zu stellen, bedeutet Ja-Sagen zu zig Positionen, denen man – für sich betrachtet – oft nicht zustimmen würde, das hat mit Unabhängigkeit des Urteils nichts mehr zu tun. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich bin von verschiedenen Parteien gebeten worden, Wahlkampf für sie zu betreiben. Ich habe abgelehnt. Nicht, weil ich unpolitisch bin. Doch unter „politisch sein“ verstehe ich bei einem Intellektuellen: unabhängig sein. Einen geistig ungeklärten Standort haben zu dürfen. Im Gegensatz zum Politiker.

© Tanja Dückers, Berlin, im Oktober/November 2011

Tanja Dückers, geboren 1968 in Berlin, ist Schriftstellerin, Literaturwissenschaftlerin und Journalistin. Sie studierte Kunstgeschichte, Amerikanistik und Germanistik an der FU in Berlin. Längere Aufenthalte in den USA, Amsterdam, Barcelona, Prag und Krakau. 1995-1998 arbeitete sie als Redaktionsassistentin bei “Deutsche Welle TV”. Sie hat zahlreiche Romane, Hörspiele, Erzählungen, Lyrikbände und Essays veröffentlicht und lebt in Berlin.

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