Klartext (12.11): Annette Pehnt

Schreiben und Erfahrung: 9 Sätze

1. Das Schreiben ist die Überwindung des Erlebten durch Sprache.

2. Anhand von Sprache gehe ich in das Erlebte hinein. Sprache nicht als Abwehr, als Rüstung oder Schutzschild. Fleisch und Blut wird ausgewechselt gegen Sprache, ich muß nicht mehr leibhaftig in meine Kindheit, meine Ängste, meine Höllen, meine Himmel. Ich muß nicht mehr darum ringen, wie es wirklich war, sondern wie es wirklich war, sagen mir die Bilder meiner Sprache.

3. Es ist ein Vorgang der Entkleidung. Ich entkleide die Erfahrung ihrer überbordenden Struppigkeit, ihrer diffusen Fülle, ihrer polyphonen Geschwätzigkeit. So wie ich sie erlebt habe, oder so, wie ich mich daran erinnere, kann ich nichts erkennen. Die Erfahrung überwältigt mich, bringt mich zum Schweigen oder zum Plappern, hält mich im Bann, auch im Würgegriff. Die Erfahrung ist schrill, overdressed, pompös, aufgedonnert und schillernd. Erfahrung übertreibt. Ich weiß noch nicht einmal, ob sie wirklich meine ist. 1:1 kann ich ihr nicht auf den Leib rücken. Mit der Sprache ermächtige ich mich ihrer. Meine Sprache schält der Erfahrung die Kleider ab, bis sie möglichst nackt, einfach, deutlich vor mir steht. Dann bekommt sie neue Kleider und tritt mir verwandelt gegenüber. Das heißt nicht, daß sie damit unbedingt klar, verständlich und deutbar wäre. Vielleicht werden auch nur ihre Widersprüche, ihre Verworrenheiten, ihre Verwicklungen deutlicher.

4. Sprache ist mehr als Benennen, ist Auswahl, Reduktion und damit Erfindung; sie ist ein freizügiges Verfahren. In der Transformation liegt Freiheit. In der Rückführung von erfundender Erfahrung auf vermeintlich faktische Erfahrung, von fiction auf faction, liegt Unfreiheit. Deswegen ist auch die Frage des Publikums nach dem wahrhaftigen Erlebnisgehalt (‚Haben Sie das alles selbst erlebt?’) zwar verständlich, aber auch eine Fessel, die die Befreiung der Erfahrung rückgängig zu machen sucht.

5. Das Schreiben braucht die biographische Bühne, um sie leerzufegen. Die Requisiten, aus denen das neue Stück zusammengebaut wird, sind die Versatzstücke meiner Erfahrung. Nun werden sie aber neu montiert. Während ich vorher eine der zahlreichen Schauspieler in einem unübersichtlichen Stück war, bin ich nun die Regisseurin. Ich muß die alte Bühne betreten, um zu sichten, was da noch herumliegt; auch, um zu hören, was die alten Figuren zu sagen haben, was davon ich hören will. Ich muß die alten Teile, die dort herumliegen, nicht ins Briefmarkenalbum einkleben. Ich muß die alten Figuren, die immer wieder ihren Part wiederholen, nicht lieben. Auch sie müssen mich nicht lieben. Den Regisseur liebt man eher nicht. Ich kann Leute arbeitslos machen. Die Souffleuse, die immerzu dazwischenquatscht mit den Sätzen, die im alten Drehbuch standen, bringe ich um. Ein Publikum brauche ich, um mir das neue Stück auch wirklich zu glauben und damit mich selbst überhaupt zu glauben.

6. Andererseits: das Schreiben braucht eben auch die Erfahrung. Im Nichts kann ich nicht arbeiten. Es braucht das biographische Material, das ja immer auch verweist auf größere Zusammenhänge, auf Konstellationen von Menschen, auf gesellschaftliches Leben. Aber eben nur als Material. Frei verfügbar. Ohne Absicherung in der Recherche!

7. Erfahrung ist privat. Schreiben ist persönlich. Es geht um die Transformation vom Privaten ins Persönliche.

8. Der Leser besiegelt die Transformation meiner Erfahrung. Vielleicht durchläuft er sie sogar mit mir.

9. Ohne Text bin ich ausgeliefert. Geliefert.

Annette Pehnt, geboren 1967, verbrachte mehrere Studienaufenthalte in Irland, Schottland und den USA und lebt heute als Kritikerin und freie Autorin in Freiburg. Sie unterrichtet an der dortigen Universität und veröffentlichte bislang neben einigen Kurzgeschichten eine Monografie über John Steinbeck. “Ich muss los” ist ihr erster Roman.

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