Klartext (12.11): Hans Pleschinski

Dichters Posten

Eine bewegte Geschichte ganz knapp gefaßt: jahrhundertelang, von Horaz bis Lessing, wurde kreativ diskutiert, welche dichterischen Formen, Tragödie oder Sonett, der Dichter mit welchen Inhalten füllen muß. Die Tragödie mit bedeutsamen Verhängnissen, das Sonett mit Liebesbekundungen. Dichter folgten solchen Richtlinien mit Bravour und manchem Eigenwillen.
Was merkwürdigerweise, von der Antike bis zur Renaissance, nie zur Debatte stand, war die Frage: Wer ist der Dichter? Was rumort in ihm? Wie sieht er persönlich die Welt? Ein Grund für diese Leerstelle mag sein: Das Individuum als solches, auch das des Dichters, war noch kein Wert an sich, verschwamm in der Menschenmasse unter den Göttern und Gott.
Erst Petrarca führte im 14. Jahrhundert stolz und melancholisch das “Ich” in die Dichtung ein. “Einsam und sinnend zieh’ ich durch Lande” heißt es in seinen Gesängen. Damit war das dichtende Individuum offiziell geboren. Und Dichter lehrten fortan, daß auch andere Menschen unverwechselbar sind.
Was aber weiß das Ich über die Welt, über sich selbst? Was kann und darf der Dichter mitteilen, ohne von vornherein zum Phantasten, Scharlatan, zum Lügner zu werden?
Höchst bedeutsam für die Literatur erklärte Stendhal zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Der Schriftsteller “ist ein Spiegel, der durch die Straßen wandelt”, das Leben auffängt und reflektiert. Doch was ist das Leben? Es ist leider Gottes: Alles. Doch was sollte der Dichter zu allem sagen? Gustave Flaubert war von dem Problem gepeinigt, in einer überbordenden Welt, mit all ihren Widersprüchen, noch etwas Unverrückbares äußern zu können. So schrieb er ‘Madame Bovary’ und bezog, völlig revolutionär, keine Stellung mehr zum Romangeschehen. Der Dichter wurde, aus Verzweiflung über eine fehlende zentrale Wahrheit, zum scheinbar kühlen Mikroskop. Im 20. Jahrhundert verschärfte sich die fundamentale Frage: Was weiß der Dichter? Was hat er als Botschaft mitzuteilen? Der Dichter sollte Priester sein und sein Erzählen sollte die Welt, zumindest in Bruchstücken, erklären. Angesichts solcher Bürde flüchtete sich Thomas Mann in das Bekenntnis: “Im Erzählerischen kenne ich nur noch die Ironie”, also das Spiel mit der Wahrheit, das Uneigentliche. – Die Wahrheit über Zeitläufte und Menschen erzählen! Mustergültig scheiterte Samuel Beckett, allerdings höchst schöpferisch, an solchem Anspruch: Er erfand das Absurde Theater, seine Stücke sind finale Äußerungen vor dem Schweigen, für immer, über alles. Denn wir wissen fast nichts.
Die Literatur floriert dennoch weiter, zumindest als Masse von Geschriebenem. Das Ich schüttet sich aus, Familiensagas entstehen, Berichte über alles und jedes.
In jungen Jahren ist man streng. In meinem ersten Roman ‘Nach Ägyppten’ wollte ich bereits im ersten Satz an die Pflicht zum Schweigen anknüpfen, trotzdem erzählen und zugleich keine trügerischen Wahrheiten verbreiten. Aus dieser Perspektive verwandelte sich der erste Buchsatz von ‘Die Witterung machte schachmatt’ in der zwölften Überarbeitung zu “Im Allgemeinen machte die Witterung unter Umständen schachmatt.” Solche Aussage über das Wetter und seine Wirkungen läßt alles offen.
Leidlich geschult an der Moderne versuche ich, die Literatur auch als Spiel zu begreifen; Geschichten, Personen, deren Erfahrungen dürfen selten als endgültige Wahrheit gelten. Die leichtfertig verfemte Postmoderne mit ihrem zarten Wirklichkeitsspiel trug dieser Erkenntnis Rechnung. Dichter können Stichworte geben, als Sinnstifter sind auch sie längst überfordert. Ihre Ohnmacht kann aber auch ihre Grazie und ihr Zauber bedeuten.
Heute sind alle frei, globalsiert, können tun und schreiben, was sie wollen. Formale Kriterien zählen nicht mehr. Eine Theorie für Literatur, die Erzählerperspektive, den allwissenden oder teils unwissenden Erzähler ist nicht mehr vorhanden. Produktionsdruck, rein kapitalistisch, sowie das Gebot, möglichst “packend” zu erzählen, bestimmen das Literatur-Trabrennen. Der gewaltige Ausstoß an Geschriebenem geschieht geradezu stumm: Geschichten leben für ein paar Monate auf, sinken ab; das wirkt ebenso vulkanisch wie trostlos. Das meiste Geschriebene ist wahrscheinlich dichterisch altmodischer als Flaubert. Über Moderne wird nicht mehr diskutiert, sie geschieht einfach. Was weiß der gegenwärtige Autor? Das, was er weiß und was ihm einfällt. Da keine Theorie ihn mehr bändigt, schreiben wir vielleicht erstmals in völliger Freiheit, mit dem Risiko, vornehmlich nur noch von uns selbst verstanden zu werden.
Eine Warnung zum Schluß.
Die gefährlichste Erzählerhaltung und Perspektive ist das “Ich”. Besonders junge Autoren laufen Gefahr, von sich und ihrem Leben zu erzählen. Doch der autobiographische Stoff ist rasch verbraucht. Und wer nicht gelernt hat, Geschichten zu erfinden, fremden Seelen nachzuspüren, ja, auch Historie, als unseren Humus, ins Berichtete einzubringen, der steht rasch ausgebrannt da. Falls Wissen nicht erdrückt, schärft es den Stil.
Am meisten gefällt es mir, wenn ein Autor die Entwicklung der Literatur, Petrarca und Beckett, kennt, ihre Errungenschaften und dann, im eigenen Erzählen, glaubwürdig zu einer Schlußstimmung findet, wie Gottfried Benn sie formuliert hat: “Alles bleibt offen.”
Damit entrinnen Autor und Leser, das Erzählte auch jeder voreiligen Tristesse.

Hans Pleschinski, geboren 1956, Schriftsteller (u.a. “Brabant” 1995) und Übersetzer (u.a. Briefwechsel zwischen Voltaire und Friedrich dem Grossen 1992, Briefe von Madame de Pompadour 1999), lebt in München.

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