Klartext (11.11): Katja Lange-Müller

Na sicher – und richtig, ja, gut so: Das Leben, in dem wir drinstecken, ist der Literatur, die uns umgibt oder zumindest umwirbt, der jeweils neuesten neuen, nicht besonders ähnlich. Dennoch, es wundert und es ärgert mich, immer ärger, immer öfter: Die Familie hat in der Gegenwart, in der wir uns aufhalten – und die uns aufhält, während wir unserem biologischen Verfalldatum denn doch lieber entgegengehen als entgegensehen, kaum mehr Bedeutung, eine umso größere dafür aber der Familienroman. Die Ära der Familie, die Marx einst als die „kleinste Zelle der Gesellschaft“ bezeichnete, die Familie, die vor Jahrzehnten bereits einnoch auf bürgerlichem Acker großgezogener 68iger-Barde mit diesen Worten infrage stellte: „Das sag ich dir im Abendlande/ Und außerdem als Mensch und Christ/ Vielleicht dass die Familienbande/ Die schlimmste aller Banden ist“ – geht sie nicht vorbei, vorüber, dahin?! Falls doch, und manches Indiz spricht dafür, woher mag es dann kommen, dass Familienromane bei den – meist geschiedenen oder sozial-autistischen oder individualistischen – Verlegern unseres Landes und vieler weiterer Länder ebenso beliebt sind wie bei den Lesern, respektive den Buchkäufern Europas, von denen nicht wenige auch geschieden, sozialautistisch, individualistisch sein dürften, sein müssten? Oder lügen die Statistiken, die Umfragen, die Gäste diverser Talkshows? Ist die Familie etwa kein gefährdetes, aussterbendes, das Aussterben von uns Deutschen zum Beispiel gleich mitbewirkendes Modell? Das Modell Familienroman, ach was, Familiensagadagegen denkt gar nicht ans Aussterben! O nein, es erlebt eine Renaissance nach der anderen und ist in der qualitätsinstabilen Masse, in der es die Regale der Buchladenketten füllt, ohne Frage eine Plage, womöglich nicht allein für mich, die ich nie, niemals jene mehr oder weniger „kleinste Zelle“ zum Gegenstand meiner schriftlichen Bemühungen machte; ich denke auch nicht daran, dies je zu tun, obwohl man bekanntlichnie „nie“ sagen sollte.Wenn der Familienromanboom, der offensichtlich den vielbeschworenen, aber ausbleibenden oder noch immer beendeten „Geburtenboom“ kompensiert, nur daher rührte, dass die Literatur von jeher den Hang hat, sich dem Verschwindenden zuzuwenden… Doch so kann ich dies „Phänomen“ (typisch Phänomen eben!) weder sehen noch deuten. Eine plausible Erklärung dafür habe trotzdem nicht. Oder? Vielleicht ja diese: Die meisten Buchpreise der letzten Jahre, insbesondere den einträglichsten unserer zahlreichen Buchpreise, den, der seit 2005 auf der Frankfurter Buchmesse verliehen wird, gewannen nahezu ausschließlich Familienromane – und nicht gerade die schlechtesten – beeile ich mich zu ergänzen. Wie sehr das Genre Familienroman bevorzugt wird von den immerhin wechselnden Jurys, das fiel mir allerdings erst in diesem Jahr so richtig auf. Nichts gegen Eugen Ruge und seinen wahrlich großen, also generationenüberspannenden, figurenreichen, wenngleich recht konventionell erzählten „DDR-Buddenbrook-Roman“ (Iris Radisch) „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, dochmit Angelika Klüssendorfs wesentlich, und damit meine ich auch wesentlich, schmalerem Band „Das Mädchen“ wäre endlich auch einmal ein Roman zu seinem nicht geringeren literarischen Recht gelangt, dessen Heldin nicht auf einem bürgerlichen Acker gediehen oder eben verkümmert ist, eine, die wohl Geschwister hat, sogar Mutter und Vater, aber keine Familie, eine plebejische Heldin, die sich selbst „zur Welt“ bringt, einer Welt, die sich stark von jener unterscheidet, auf die sie gekommen war, mit einem Wort: ein Antifamilienroman. Von denen, das wäre womöglich weniger verlegerfreundlich und umsatzfördernd und auch nicht unbedingt lebensnäher, aber poetisch wichtig (und gut für mich alten Familienmuffel) würde ich gern mehr lesen. Womöglich ja nicht ich allein.

Katja Lange-Müller ist 1951 in Ostberlin geboren. Sie lernte Schriftsetzer, arbeitete später als Hilfspflegerin auf psychiatrischen Stationen, lebte ein Jahr in der Mongolei und verließ die DDR 1984, fünf Jahre vor dem Mauerfall. 1986 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis, 1995 den Alfred-Döblin-Preis für ihre zweiteilige Erzählung “Verfrühte Tierliebe”. Stadtschreiberin in Mainz im Jahr 2002.

2 Gedanken zu “Klartext (11.11): Katja Lange-Müller

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