Klartext (16.11): Wolfgang Schömel

Statement

Wenn Literatur als Kunst daran zu erkennen ist, dass sich der präsentierte Text erstens auf der Ebene existentiell relevanter Themen bewegt, dass er zweitens bewusst konstruierte Tiefenebenen hat, also verschlüsselt und entschlüsselbar, interpretierbar ist, dass er drittens mit einer Sprache aufwartet, die sich selbst extremen Beschreibungsanforderungen gewachsen zeigt , dass er viertens von der ersten bis zur letzten Zeile erkennbar und identifizierbar sprachlich vom Autor bearbeitet ist, wenn dies alles gilt, dann ist die Lage der deutschsprachigen Literatur als Kunst offensichtlich schlecht, und zwar bis hinein in die Langlisten der Buchpreise, von den Bestsellerlisten ganz zu schweigen.

Sollte in der Flut der Neuerscheinungen in der sogenannten Belletristik (dieser Begriff gehört sofort abgeschafft bzw. aufgespalten) tatsächlich Literatur als Kunst im genannten Sinn vorhanden sein, hat sie schwindende Chancen, zum Leser zu gelangen, selbst wenn wir voraussetzen, dass es diesen Leser von Literatur als Kunst überhaupt noch in nennenswerter Zahl gibt, worüber eventuell zu reden sein wird.

An der schlechten Lage der Literatur als Kunst ist keine einzelne Berufsgruppe schuld, auch nicht ein einzelnes Phänomen. Da gibt es am Anfang den begabten, alerten und hormonstarken jungen Menschen, der jedoch immer weniger Lust mehr hat, sich ausgerechnet für die Kunst zu quälen. Ihn locken lohnendere Dinge. – Da gibt es später den Verleger oder den Lektor, der abwinkt, wenn ein Text seiner Meinung nach zu komplexe Sätze und zu komplexe Gedanken oder zu viel schlechte Laune oder gar – das Schlimmste überhaupt! – zu viel Pessimismus enthält. Die in schierer Panik sich befindlichen Literaturverlage ersetzen, vorauseilend, ihre literarischen Entscheidungen noch schneller durch Marketingentscheidungen, als der Markt es von ihnen verlangt. Aber sie sind immer zu langsam, diese Hasen. Der Igel ist immer vorne und verhöhnt sie, unter anderem mit dem E-Book. – Und natürlich gibt es dann den Kritiker, die Kritikerin, der oder die zelebritätsgeil am allerliebsten diejenigen Werke hingebungsvoll kritisiert, die von Fernsehmoderatorinnen oder dergleichen geschrieben werden. Zu viele unter diesen Kritikern und Feuilletonchefs wollen möglichst nahe an der zelebritären Macht sein, sich in ihr spiegeln, selbst aufsteigen zu kapitalstarken Playern an den Aufmerksamkeitsbörsen. Das wichtigste Mittel hierfür ist die eklatante Nicht-Beschäftigung mit der Sprache der besprochenen Bücher, bis hin zu der Behauptung, auch schlecht Geschriebenes könne durchaus Literatur sein. – Auch auf die Macht der Leser bzw. vor allem diejenige der Leserinnen braucht man nicht isoliert einzuschlagen. Nicht auf den kunstignoranten Mann, der keine Bücher kauft und liest, es sei denn, sie haben unmittelbar mit seinen sportlichen-, penetrativen- oder Karriereplänen zu tun oder mit den infantilen elektronischen Gadgets, die ihn aufgeilen.  Auch nicht auf die Kitschgehirne der typischen Chick-Lit-Vampir-Beziehungsroman-Wellness-Leserinnen, die sehr viele Bücher kaufen, den Hauptumsatz der sogenannten Belletristik generieren und damit die meisten Inhalte indirekt vorgeben.

Hinter allem steckt ein und dieselbe große Veränderung. Warum etwa quält sich der begabte junge Mensch nicht mehr mit Kunstproduktion? Zum Beispiel deswegen, weil selbst intelligente Groupies sich eher für Diskjockeys und Türsteher und neuerdings sogar für Fußballspieler interessieren – für Investmentbanker sowieso – als für Loser-Dichter, und weil die bedeutenden, reichen, mächtigen Männer eher fünfklassige Fernsehakteurinnen anbeten als Loser-Dichterinnen. Warum tun sie das? Weil die Macht, die Zelebrität, der Adel der Aufmerksamkeit, natürlich auch das Geld woanders sind, nicht mehr bei der Kunst, schon gar nicht bei der Literatur als Kunst, wo das alles ja auch früher fiel seltener vertreten war als zum Beispiel in der Musik. Ich zitiere Gerhard Schulze: “…mit dem Übergang … zur bürgerlichen Öffentlichkeit wurde die Kunst zum höchsten Gut. Die Kunst verlieh geistigen Adel statt Adel durch Geburt.”[i]

Diese Zeiten sind gründlich vorbei. Allenfalls das sogenannte Bildungsbürgertum, das als Begrifflichkeit nach wie vor überall auftaucht, in der Wirklichkeit unserer Städte jedoch häufig nur noch als Halluzination, verehrt den Künstler und die Kunst als Höchstes – oder tut zumindest so, weil das im Showbusiness des Höheren Kulturbetriebs ähnlich gut ankommt wie die Erzählung, man besitze aus Prinzip keinen Fernseher. Im Vergleich zu früher, ich zitiere abermals Gerhard Schulze, “ist die Kunst marginal geworden, oft nur ‘eine Kultur’  für’s Wochenende.  Auch in der repräsentativen Öffentlichkeit war die Kunst marginal, aber sie war es auf ganz andere Weise als heute. Damals war sie auf ein politisches oder religiöses Zentrum bezogen. Heute dagegen existiert alles und jedes für sich ohne Bezug zueinander und türmt sich zu einem gestaltlosen Haufen, dem die Kunst ebenso angehört wie die Spielvereinigung Greuther Fürth.”[ii]

Künstler und Schriftsteller haben markant an gesellschaftlicher Bedeutung verloren. Einzig der Hebel der Haupt-Aufmerksamkeitsmaschinen kann ihnen diese Bedeutung verleihen. Die Schriftsteller haben mit ihren Werken nichts anderes als geringwertige Optionsscheine, die nicht ihre Verlage, nicht sie selbst, sondern erst die Aufmerksamkeitsmaschinen einlösen können. Georg Franck schreibt dazu, ich zitiere: “Auf den Finanzmärkten der Beachtlichkeit treffen und mischen sich die Vertreter der einst sauber getrennten Sparten der hohen und populären Kultur im Buhlen um die Gunst der Investoren. Den Investoren ist die Sparte egal, solange sich die Investition in Sachen Quote lohnt”[iii]

Soweit einige Gedanken zur Lage der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.



[i] Gerhard Schulze: Kunst und Publikum im digitalen Zeitalter. Vortrag. Quelle
[ii] Ebda
[iii] Georg Franck: Celebrities: Elite der Massengesellschaft. In: Merkur. Zeitschrift für europäisches Denken. Heft 4/2011. S. 300-311.

Wolfgang Schömel, geboren 1952 in Bad Kreuznach, studierte Literatur und Philosophie in Mainz und Bremen, veröffentlichte Arbeiten u.a. über den heroischen Pessimismus, über Nietzsche und Ingeborg Bachmann. Schömel ist seit 1989 Hamburger Literaturreferent, seit 1992 Mitherausgeber des literarischen Jahrbuchs “Hamburger Ziegel”.

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