Klartext (16.11): Jens Sparschuh

Vor ein paar Jahren als Gastdozent ans Leipziger Literaturinstitut bestellt, fiel es mir ein, einen Kurs „Kreatives Streichen“ anzubieten. So pflügten wir also Texte auf der Suche nach Pleonasmen durch, entdeckten jede Menge Verzichtbares – und mitten in unserem Streich-Rausch stellte sich die Frage: Was ist eigentlich unverzichtbar?

In seinen Rhetorikunterweisungen fordert Seneca, man solle die sprachlichen Mittel stets „bis an den Rand“ des Fehlers nutzen. Übersetzt in die Sprache der Informationstheorie, heißt das: Je unwahrscheinlicher ein Ereignis, desto größer sein Informationswert. Einfacher gesagt: Würde ein pinkfarbener Elefant in der Antarktis gesichtet, hätte dieses Ereignis einen sehr hohen Informationswert. Wenn wir uns eine Skala von 0 (Unmöglichkeit) bis 1 (Gewißheit) denken, findet man die besten, interessantesten ( = unverzichtbarsten) Wahrheiten also am ehesten in unmittelbarer Nähe des Unmöglichen, des Fehlers.

Um es nun konkreter zu machen, richten wir den Blick auf die kleinsten Einheiten des Textes: Sätze und Wörter. Hier findet die innere Spannung, der wir nachfahnden, ihren Ausdruck im sogenannten Oxymoron – das heißt: in einer kühnen Verbindung sich eigentlich widersprechender Begriffe. Thomas Mann war ein Meister in dieser Form – also, um es anders zu sagen: bei der Verwendung schräg gesetzter Adjektive. (Da es hier speziell um Gegenwartsliteratur gehen soll, füge ich noch eine Hilfsdefinition ein: „Gegenwartsliteratur ist für mich die Literatur, die mir gegenwärtig ist.“)

Machen wir also aus dem „Krull“ die Probe aufs Exempel. Dort läuft einiges, nicht nur bei den Adjektiven, auf höchst kunstvolle Weise schief:

„Eine Stunde später kam Sanitätsrat Düsing. Er war unser Hausarzt seit dem Tode des alten Doktor Mecum, der meine Geburt bewerkstelligt hatte, – ein langer Mann von schlechter, gebückter Haltung und mit aufrechtstehendem eselgrauem Haar, der in fortwährender Abwechslung seine lange Nase zwischen Daumen und Zeigefinger hindurchzog und sich die großen, knochigen Hände rieb. Dieser Mensch hätte mir wohl gefährlich werden können – nicht durch seine ärztlichen Fähigkeiten, um die es, glaube ich, dürftig bestellt war (und gerade der bedeutende Arzt, welcher der Wissenschaft mit Ernst und Geist um ihrer selbst willen und als Gelehrter dient, ist sogar am leichtesten zu täuschen) wohl aber durch die plumpe Lebensklugheit, die ihm, wie so vielen untergeordneten Charakteren eigentümlich war und in der seine ganze Tüchtigkeit beruhte.“

Ein Text mit gleich mehreren Untertexten! Sofort fällt einem die „plumpe Lebensklugheit“ auf. Plump steht laut Synonymwörterbuch für „grob“, „ungeschickt“, Klugheit für „Gescheitheit“ oder „Gelehrigkeit“. Wir könnten uns die plumpe Lebensklugheit also als „ungeschickte Gelehrigkeit“ übersetzen, womit wir fast an den Rand eines Widerspruchs gelangen. Aber wer eine besondere Spezies von Hausärzten kennt, wird sofort die tiefere Wahrheit dieser eigenwilligen Formulierung erkennen.

Leicht schräg steht desweiteren auch ein Verb. Die Geburt wurde „bewerkstelligt“. Dies nun ist synonym mit „meistern“, „ermöglichen“. Es klingt also so, als wäre hier das Unmögliche geleistet worden. Das stimmt ja auch: Der arme Doktor Mecum hat schließlich keinen normalen Menschen ans Licht der Welt gezogen, sondern niemand geringeren als den Hochstapler Krull.

En passant wird schließlich noch mit einem weiteren Klischee aufgeräumt. Eine etwas einfältigere Seele als Krull hätte damit angegeben, daß es ihm gelungen sei, selbst bedeutendste Ärzte und Forscher zu täuschen. Krull, der eben nicht nur Hochstapler ist, sondern, notgedrungen, in diesem seinen Beruf auch Menschenkenner sein muß, sieht genauer hin. Deshalb weiß er, daß gerade Spezialisten leicht zu täuschen sind, weil sie sich mit einfachen Wahrheiten oft schwer tun, ihr spezialistisches Herangehen ihnen den Blick auf ganz elementare Zusammenhänge verstellt.

Wenn wir den Blick wieder heben und aufs Ganze richten, merken wir, daß die schillernden Oxymorone ein latenten Gegenläufigkeit von Gesagtem und Gedachtem befördern, Ironie in Reinform also, die Thomas Manns „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ verzaubert. Es  wird nicht irgendwie über Hochstapelei räsoniert, wir lernen die Grammatik eines Hochstaplers kennen. Das ist kein Kunststück, das ist Kunst.

Jens Sparschuh wurde 1955 in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz geboren. Von 1973 bis 1978 studierte er Philosophie und Logik an der Universität von Leningrad (heutiges St. Petersburg). Die nächsten fünf Jahre war er als wissenschaftlicher Assistent an der Ost-Berliner Humboldt-Universität tätig. 1983 promovierte er dann mit einer Arbeit in seinem Spezialgebiet der Philosophie der Logik. Seitdem schreibt Sparschuh freiberuflich. Er erhielt das Anna-Seghers-Stipendium der Akademie der Künste, den Ernst-Reuter-Hörspielpreis und 1989 den Hörspielpreis der Kriegsblinden.

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