Klartext (12.11): Judith Kuckart

Der Stoff, der auf den Nägeln brennt

Inspiration funktioniert nicht auf Bestellung, Schreiben nicht nach Modethemen. Welcher Stoff kommt überhaupt »auf die Nägel«, wie kommt er dorthin und was wird dort mit ihm?

• Was noch auf den Nägeln brennt, ist kein Stoff.
Dabei ist egal, ob es um aktuelle Themen geht, die alle betreffen, oder um Persönliches. Sie sind kein Stoff für mein Schreiben.
Es mag aber sein, dass aktuell ein Feuer brennen muss, um über irgendetwas anderes, das längst vergangen und erkaltet ist, schreiben zu können.
Zum Beispiel, meine London Erfahrung im letzten Jahr: Die Zeit wird irgendwann zeigen, was ich aus diesem halben Jahr erzählen muss und was nicht. Vielleicht muss ich aber auch gar nichts von jenem Aufenthalt erzählen, sondern die Monate dort waren heiß genug, um Wärme in eine Zeit vor langer Zeit abzustrahlen.

• Wenn etwas also auf den Nägeln brennt, ist es noch nichts für einen Text?
Das Material muss abgekühlt und in inneren Bildern, die nicht gleich abrufbar sind, verschwunden sein. Wenn diese dann plötzlich auftauchen , sind sie vielleicht der Stoff, für den man ein Sprache finden will. Das schönste Erzählen ist immer das Erzählen, mit dem ich mich selber überrasche. Also kein Thema, an dem ich schon lange herumdenke, oder das sich mir aktuell aufdrängt. Das hängt mit dem Schreibprozess zusammen, in dem manchmal die Worte schneller sind als die eigenen Gedanken, schneller als man selbst, also als der, der denkt. So wird etwas sichtbar, was schon längst irgendwo verschwunden zu sein schien und wirft zuletzt irgendein Licht zurück, irgendeine Einsicht, so als wären die Sätze dort von anderen geschrieben.

• Ich erzähle, weil ich eine Frage habe, und in diesem Moment meines Lebens, der nun schon fast zwanzig Jahre andauert, bin ich mir nicht sicher, ob ich dieser Frage auf einem anderen Weg so gut näher käme wie beim Schreiben.
Ich schreibe, weil ich Geld verdienen muss.
Ich schreibe, weil ich sterben muss.
Das ist der kleinste gemeinsame Nenner mit allen Menschen auf der Welt. Und das brennt allen auf den Nägeln.

• Ist so ein neuer Text im Entstehen also erst mal kein niedergeschriebenes Erlebnis?
Nein, erst mal nicht.
Ist er reanimierte Erinnerung?
Schon.
Oder ein endlich in der Schrift abgelegter Schmerz?
Wenn ich ehrlich bin, oft.
Oder traut er (der Text) sich, endlich zu erzählen, was man sich gewünscht hat in einem durchlässigen Moment, und was dann nicht eintrat, weil die Wirklichkeit sich dagegen stellte?
Auch das.
Aus diesen wider die Realität angeeigneten Vorgängen ist der Stoff meiner Bücher, glaube ich.
Eigentlich schreibe ich immer über das gleiche und schäme mich nicht dafür. Ich schreibe, so hat mal jemand gesagt, vom ersten Roman an bis zu momentan letzten, vom deutschen Alltag der letzten 50 Jahre und seiner Vorgeschichte, von Beziehungen (zwischen Frauen und Männern, Kinder und Eltern, Untergebenen und Vorgesetzten), von Untreue, von Freundschaften, von Berührungen (zärtlichen und gewaltsamen) – und vermutlich auch von Liebe. Vielleicht nicht von der wahren, aber von der wirklichen.

• Zur aktuellen Arbeit: Ich wollte mit 16 oder 17 zu Polizei, Kriminalpolizei. Als das wegen der schlechten Augen und aus anderen Gründen nicht klappte, gab es einen zweiten Berufswunsch in meinem Leben.
Mit zwanzig wollte ich Filme machen.
Vielleicht sieht man das meinen Büchern an, dass ich das nie gemacht habe, aber dass dieser Wunsch mir noch immer auf den Nägeln brennt. Vor allem im Moment, wo ich an einem Buch schreibe mit dem Arbeitstitel CUT.

* Zurück zur Frage: Was auf den Nägeln brennt.
Vielleicht … gerade das auszuschalten, was tagtäglich auf den Nägel brennt. Nicht nur die Tagesschau, sondern auch die Emails, den Alltag, die Wohnungssuche.
Vielleicht auch die Absurdität, der eigenen Kindheit solche Aufmerksamkeit zu schenken, wenn woanders Kinder verhungern.

Judith Kuckart, geboren 1959 in Schwelm/Westfalen. Studium der Literatur- und Theaterwissenschaften in Köln und Berlin, Tanzausbildung in Düsseldorf und Essen (bei Hans Züllig). 1985 Choreographisches Theater Heidelberg (Johann Kresnik). 1986 gründete sie das Tanztheater Skoronel in Berlin. Bis 1998 realisierte sie siebzehn Skoronel-Produktionen, u.a. in Koproduktion mit der Oper Wuppertal, Oper Duisburg, Berliner Ensemble, Landestheater Tübingen, Teatro Vascello Roma. Sie lebt als Schriftstellerin und Regisseurin in Berlin und Zürich.

3 Gedanken zu “Klartext (12.11): Judith Kuckart

  1. Pingback: Was Sie schon immer über das Schreiben wissen wollten | fabmuc

  2. Hallo!
    Zählt die Samstagnachmittagserklärung auch als “Klartext”? Ich bin verwirrt.
    Und gebt ihr hier auch bekannt, wann die Sendung bei BR alpha ausgestrahlt wird, das wäre toll, für alle, die nicht dabei sein konnten.
    Danke und Servus
    Gitte

    • Danke für die gute und sinnvolle Frage! Wir haben tatsächlich die Texte der Klartext-Veranstaltungen und die Samstags-Statements für die Websites unter dem gleichen Label verortet; das heißt auch, dass von einigen Autoren, die an beiden Veranstaltungen teilnehmen (bspw. Norbert Gstrein), verschiedene “Statements” zu lesen sein werden. Die Sendetermin waren 7. und 14. Januar 2012.

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