Klartext (17.11): Feridun Zaimoglu

Die deutsche Schreibung der Gegenwart ist Subventionsprosa minus Gegenwart. Stubenbleiche Bürgerbuben und ‑mädchen haben in den späten 1980em erfolgreich geputscht. Damals rief man die Schreiber dazu auf, bitteschön Geschichten zu erzählen. Schluß mit der Satzzeichenakrobatik und der Arno-Schmidt-Imitation! Schluß mit Anti-Grammatik, mit Nachkriegsscham und rot lackiertem Kunsthandwerkskrempel! Die Zeit war reif, das Neue fraß das Alte weg, die Postmoderne erklärte Gewäsch und Gerede für zulässig. Bürgers Söhne und Töchter folgten den Ruf – sie kassierten hohe Vorschüsse, verhämten die guten Dichter, präsentierten ihre Abschlußarbeiten. Nach der Lektüre von dutzenden Büchern schwor man der Dutzendware ab: Hier waren simple Seelchen auf Sinnsuche; hier wurde man bedrängt, Innenwelt-Aquarelle zu bestaunen. Die Neuen Wilden erzählten Gute-Nacht-Geschichten, sie waren der schreibende Arm der Ofenbürgerbewegung. Manch ein Lausmädchen versuchte sich als Saugglocke – was quoll aus dem verstopften Rohr heraus? Quallenbrei der Sentimente, Gefühlsgrütze, Haarknäuel der Erinnerung, Beischlafgefummel. Betäubte gaben sich als Anästhesisten aus. Sie waren humorlos und langweilig wie Absolventen eines Literaturinstituts. Wer nach dem Systemfehler suchte, wurde fündig – fast all diese braven Mäuse kamen aus gutem Hause, sie hatten vielleicht heftig pubertiert, dann aber zu Benimm und Bildung zurückgefunden. Ausgerechnet während ihres Studiums erlebten sie die Zeit ihres Auf‑ und Ausbruchs. Sport, Haferflocken, Seminare, Partys und unbedingt eine Beziehung. Was bekamen die angehenden Schreiber von wirklichen Leben mit? Fast nichts. Sie glaubten, die philosophiegetränkte Paraphrase ersetze die Tat und das Tun. Und also schwärmten diese Berufserwachsenen aus, und nur einige Jahre später wurden sie für ihre Poesiealben beklatscht. Von wem? Von vielen, allzu vielen Literaturkritikern. Wieso? Weil die Experten sich gerne auf das Neue stürzen. Weil sie schon immer Realismus mit Realität verwechselt haben. Sie loben die Fleißarbeiten junger Bürgersöhne im Inland und schwärmen für die schamlosen Schreiber aus Frankreich und Amerika. Den Kritikern der Kritiker werfen sie vor: Anti-Intellektualität, Kraftkerlpathos, Experimentierunlust. Mädchen und Buben der Avantgarde können nicht erzählen – dies ihr Unvermögen wird als besonderes Talent gedeutet. Die relativ jungen Protagonisten dar Literatur und des Theaters im deutschsprachigen Raum haben eins gemeinsam: Sie schöpfen nicht aus den herrlichen Quellen der Sprache. Ihr Deutsch ist entstellt heutig, ist mediales Gequatsche, ist Studentengebrabbel. Ihr Deutsch kennt Metaphern, aber keine Bilder; kennt moderne Klassik, aber nicht Barock; kennt Muskel und Muff, aber nicht Fleisch und Geist. Kennt Klugschwätzertiraden und Menschenhaß, aber nicht Verschwendung und Dekadenz. Weil sie, die Knechte und Mägde des Betriebs, nicht weiterkommen, haben sie sich auf Ahnenforschung verlegt. Aber ach – auch diese ihre Bücher aus der alten Zeit lesen sich wie öde Traktate.

Meckern kann jeder, was also tun? Mein Vorschlag zur Güte: Zurück zur Sprachherrlichkeit! Weg vom postpostmodernen Stümpergestammel. Deutschpflicht für Bürgertöchter und Bürgersöhne. Viele Bücher gelesen zu haben, ist keine Tugend. Hoch die Reaktion! Man muß in diesen Zeiten unbedingt ein harter Reaktionär sein. Überlassen wir die Sprachhygiene den Spießern. Wir aber meinen etwas anderes: Sprachpracht und Sprachmacht. Sollen die Sprachschützer englische Wörter tilgen und ihre Lebenszeit vergeuden. Wir aber meinen: Volkes Polyphonie. Die verschriftlichten Überlieferungen der einfachen Menschen. Deutsche Quellen und deutsche Worte. Auf daß man wieder gut und besser über reine Lust und bösen Niedergang schreibe.

Feridun Zaimoglu, geboren 1964 in Bolu, Türkei. Er lebt seit mehr als 30 Jahren in Deutschland, seit 1985 in Kiel. Zaimoglu studierte Kunst und Humanmedizin und arbeitet heute als Schriftsteller, Drehbuchautor und Journalist. Zaimoglu ist “Gründer” und spiritueller Leader von “Kanak Attack”. 1997 erhielt er den “civis Hörfunk- und Fernsehpreis” zusammen mit Thomas Röschner für den Beitrag “Deutschland im Winter – Kanakistan. Eine Rap-Reportage”. 1998 wurde ihm der Drehbuchpreis des Landes Schleswig-Holstein verliehen. Im November 2000 kam der Film “Kanak Attack”, die Verfilmung seines Buches “Abschaum”, in die Kinos. Feridun Zaimoglu wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter 2007 mit dem Grimmelshausen-Preis und 2010 mit dem Jakob-Wassermann-Literaturpreis.

Nachtrag: ein Original-Zaimoglu-Fax

2 Gedanken zu “Klartext (17.11): Feridun Zaimoglu

  1. Pingback: Der fünfte Klartext: Zaimoglu wow, Thesen mow | fabmuc

  2. Ein fettes Lob und dickes Danke an Lino und alle Beteiligten. Ein Super-”Service”, wunderbar zum Nachlesen und Erstlesen, wenn man nicht teilnehmen konnte.

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