forum:autoren vorgestellt (20): Andreas Maier, Literaturapostel


Bild: Jürgen Bauer

Ich glaube, es war „Kirillow“, sein dritter Roman, der mich auf den Provinzromancier Maier aufmerksam machte. Auf dem Cover des Buches war der wunderbare Stich aus dem Frontispiz von Thomas Hobbes‘ „Leviathan“ zu sehen – eine zugleich martialische wie geheimnisvolle Leibespyramide, verbunden mit dem dunkel knuspernden Romantitel, mit dem ich nichts Rechtes anzufangen wusste.

Erst später fand ich heraus, dass Kirillow eine 7000-Einwohner-Stadt in Nordwestrussland ist. Was das mit dem dazugehörigen Roman zu tun hatte, habe ich vergessen: Vermutlich hing es mit den ominösen Russen und Russinnen zusammen, die irgendwann in die Romanhandlung rumpeln und das vor sich hinphilosophierende Leben der Langzeitstudenten Kober und Nagel weiter aus der Bahn zu werfen drohen. Irgendwann ist dann von einem Andrej Kirillow (also doch ein Name, nix Kleinstadt!) im fernen Chabarowsk die Rede, der Nagel, mehr noch Kober ähneln soll. Von diesem Kirillow (der Klang! Der Klang!) kursiert ein Manifest über den Zustand der Gesellschaft, das die Menschheit mit einem wuchernden Krebsgeschwür gleichsetzt. Kurz: Alles wird immer dostojewskischer, wohl auch henscheidscher, dessen – leider einziger – Erfolgsroman „Die Vollidioten“ nicht zufällig ebenfalls in der Frankfurter Studentenszene spielt.

Von da an schob sich Andreas Maier, dieser merkwürdige Erlöserbartträger mit dem Allerweltsnamen, immer häufiger in mein Leben. Kaum fing man an, Thomas Bernhard zu imitiieren – ein Zwischenschritt, den heute anscheinend jeder Jungautor/in zu machen hat –, hatte Maier eine Doktorarbeit drüber geschrieben. Als alle anderen nach dem großen deutschen Gegenwartsroman riefen, veröffentliche Maier mit „Bullau“ ein kleines, fast intimes Buch, eine éducation naturelle, über Vogelstimmen und die flanierende Kunst, Bäume an ihrer Blattform zu erkennen.

Und dann seine Frankfurter Poetikvorlesungen, die sicher keinen Frankfurter Poetikvorlesungen zuvor glichen (zumal sie den dogmatischen Titel „Ich“ trugen), und in denen sich völlig literaturferne und dennoch aufrichtig gemeinte Sätze fanden wie:

Sie steigen in Berkersheim in Ihr Auto, kommen hierher, suchen sich einen Parkplatz, gehen in den Hörsaal und hören Andreas Maier. Diese Handlung ist falsch, schon allein wegen der Autofahrt. Jeder weiß, daß der Privatverkehr auf eine hinausausgezögerte Katastrophe zusteuert. Diese müßte verhindert, nicht aber Maier angehört werden. […] Kurz gesagt, Sie suchen eine Abendunterhaltung und vernichten dafür die Welt, Sie schädigen alle Menschen, als zählten diese nicht, aber Ihre Abendunterhaltung.

Was Wunder, dass die taz in Maiers jüngstem Roman neben „schlimmen anachronistischen Sätzen“ auch einen christlich fundierten Wertkonservatismus, fundiert von einer exzentrischen Misanthropie, vorgefunden haben will. In diesem Buch, dem „Zimmer“, geht es um einen sonderbaren, bereits aus anderen Zusammenhängen bekannten Onkel, Sozialhilfeempfänger und Puffgänger, der die Filme von Luis Trenker liebt und denkbar ekelhaft, aber schlicht bleibt. Robert-Gernhardt-, Hugo-Ball- und Raabe-Preis für Maiers vielromaniges Werke scheinen da sämtlich zu passen; zerbrochene Idylliker allesamt.

Sie merken schon: Es fällt nicht leicht, den Autor Maier zu lieben, der den „Redeschwall aus eingedickten Bewusstseinsströmen“ (Christian Thomas in seiner exzellenten Rezension) beherrscht wie kein zweiter Gegenwartsautor. Man weiß nämlich nie so recht, welche moralisch-weltanschaulichen Fallstricke unter den ironisch fortwabernden Erzählteppichen Maiers gespannt werden.

Zurzeit, so munkelt es, werkelt Maier an einer elfbändigen (!) hessischen Familiensaga, die – wie fast alle seine Bücher – in der Wetterau spielen, jenem hessischen Tiefland mit der Haupteinheit 234, an dessen Rändern auch Stephan Thomes „Grenzgang“ wildert. Mit dem „Haus“, das im nächsten Jahr erscheint, baut er das „Zimmer“ von diesem Jahr in jedem Fall schon mal weiter aus.

Ich jedenfalls bin gespannt auf das „Grundstück“, die „Siedlung“, der „Stadtteil“ etc. – bis schließlich, unweigerlich: die „Wetterau“.

•••

Termine

Freitag, 11.11.2011, 20 Uhr
Ich bin doch (k)ein Berliner
Lesung und Diskussion
Mit Katja Lange-Müller und Andreas Maier
Moderation: Uwe Wittsock
Literaturhaus Saal
Eintritt 9,– / 7,–
Karten unter: 089 – 54 81 81 81 oder www.muenchenticket.de

Freitag, 11.11.2011, 16 Uhr
Klartext

Mit Christoph Bartmann, Silke Behl, F.W. Bernstein, Bas Böttcher, Lydia Daher, Alex Dreppec, Norbert Gstrein, Felicitas Hoppe, Wend Kässens, Katja Lange-Müller, Michael Lentz, Jörg Magenau, Andreas Maier, Julia Westlake.
Moderation: Matthias Politycki und Prof. Sven Hanuschek
LMU Hauptgebäude, Raum F107, Eintritt frei
In Zusammenarbeit mit dem Institut für deutsche Philologie der LMU

Ein Gedanke zu “forum:autoren vorgestellt (20): Andreas Maier, Literaturapostel

  1. Pingback: “Die Welt ist eine Bühne mit Ausschank” – Katja Lange Müller und Andreas Maier | fabmuc

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


× eins = 4

* Copy This Password *

* Type Or Paste Password Here *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>