Klartext (12.11): Josef Winkler

Meiner neuen, als Buch erschienen Prosa habe ich den Titel „Die Realität so sagen, als ob sie trotzdem nicht wär“ gegeben. Das ist ein Satz, der mir in den letzten Jahren oft als immer wiederkehrende Wortschleife durch den Kopf gegangen ist und den ich schon seit Jahrzehnten kenne. Der Satz stammt vom norwegischen Komponist Edvard Grieg. Aber erst jetzt habe ich versucht, ihn, diesen Satz also, zur Anwendung zu bringen. In diesem Fall habe ich ihn als Titel für einen Roman benutzt, denn ich versuche im Text, und das habe ich wohl auch schon bei meinen früheren Büchern versucht, bei bestimmten Passagen jedenfalls, die Realität so sagen, als ob sie trotzdem nicht wär und als ob sie „Trotz dem“ wär oder auch nicht wär, also Schreibumwege suchen, die sogenannte Realität hintergehen und trotzdem, obwohl sie trotzdem nicht wär, in ihrer Nähe bleiben, sie belauern, ja die Realität mit Worten belauern. Julien Green schreibt in seinen Tagebüchern: „In den Bekenntnissen der Schriftsteller müßte viel eher der Wunsch sein, ganz aufrichtig die Wahrheit zu sagen, als sich in seiner Wahrheit zu suhlen. Schreiben, nicht um sich zu zeigen, sondern um sich nicht zu verbergen, was überhaupt nicht dasselbe ist. Ich stelle mich nicht zur Schau. Ich ziehe vorbei, und wer will, sieht mich.“

Vom Anfang meines Schreibens – mein erstes Buch erschien im Jahre 1979, also vor über dreißig Jahren – hat mich in der Literatur, in meiner eigenen Sprache und Sprachentwicklung, und eigentlich auch schon beim sehr frühen Lesen, selten interessiert, was man sagt und schreibt, sondern wie man es sagt, die besondere Ausdrucksweise, der besondere Umgang mit dem Wort mit der Sprache beim Lesen und beim Schreiben. Mitteilungsliteratur hat mich immer gelangweilt und wird mich wohl ewig und immer langweilen. Bereits als Jugendlicher und junger Mann habe ich mich, um es so zu sagen, durch die Weltliteratur gelesen. Ich konnte natürlich nicht alles lesen, ich konnte nur vieles lesen, aber mir ist dann später aufgefallen, daß mir gerade zu dieser Zeit, vor allem auch bevor ich den ersten Satz geschrieben habe, der es wert war, umformuliert oder zerstört zu werden, in unzähligen Romanen und Erzählungen geschmökert habe, mir die Sprache, die Ausdrucksweise, die Wortwahl und Wahl der Worte angeschaut, also immer und immer wieder das „wie“ gesucht habe, wie kann man, darf man soll man, muß man sich ausdrücken und was kann ich, was werde ich eines Tages können und auch nicht können mit der Sprache.

Sehr früh schon – ich war vielleicht 16 Jahre alt – bin ich auf Peter Weiss gestoßen. Im katholischen Bauerndorf, in dem ich aufgewachsen bin, gab es keine Bücher, ich habe auch keine Bibel gesehen, nur die katholischen Gebets- und Gesangbücher. Meine bäuerlichen Eltern weigerten sich, mir ein Buch zu kaufen. Aber mein Bedürfnis nach Sprache und nach dem Wort war bereits in meiner Kindheit enorm. Das soll natürlich jetzt nichts heißen und hat auch wahrscheinlich keine Bedeutung, aber – und in dem ich „aber“ sage, sage ich schon zuviel und gleichzeitig gar nichts – mir fällt also „aber“ dann und wann doch die Anekdote aus meiner Kindheit ein: Meine Tante verbreitete öfter, daß sie mich bereits als einjähriges Kind ständig mit einem Bleistift in der Hand gesehen habe. Jedenfalls ahnte ich bald, daß mich Wort und Sprache und also Literatur ein ganzes Leben lang beschäftigen werden. Da ich an keine Bücher herankommen konnte, begann ich von meinem Vater Geld zu stehlen. Meine ersten Bücher waren „Schnee am Kilimandscharo“ von Hemingway, „Die Pest“ von Camus, „Der Fremde“, „Der Fall“ von Camus, „Abschied von den Eltern“ von Peter Weiss, „Der Schatten des Körpers des Kutschers“ von Peter Weiss, ja, ich bin durchs Dorf gegangen, ich bin in die Auen gegangen, ich stand am Flußufer, während mir, also wiederum als Wortschleife, stundenlang der Buchtitel „Der Schatten des Körpers des Kutschers“ durch den Kopf gegangen ist, und ich hatte damals eigentlich gar nichts mehr im Kopf als die Literatur, den schönen Klang der Worte, damit konnte ich mich stundenlang beschäftigen. Über mehrere Jahre habe ich von meinem Vater Geld gestohlen, um mir Bücher kaufen zu können, eine ganze Bibliothek habe ich mir auf diese Art und Weise angeschafft, die ihm mindestens einen Pinzgauer-Stier gekostet hat.

Ich habe damals vor allem Bücher gelesen, die mich tief berührt haben. Ich habe zum Beispiel Thomas Mann lieber gelesen als Robert Musil, Marcel Proust noch lieber als Thomas Mann. Es war mir auch als Jugendlichen nicht wichtig, Bücher aufzuzählen, zu sagen, welche Bücher ich gelesen habe, welche man gelesen haben muß, das Buch mußte mir wehtun, also gut tun, ich brauchte das Herzklopfen beim Lesen und suche es heute noch, alles andere ist für mich vergedeutete Zeit, schade um jeden Pulsschlag.  Später stürzte ich mich jahrelang ins Werk von Jean Genet und Hans Henny Jahnn, in den „Fluß ohne Ufer“,  auch einer der bedeutendsten, einer der radikalsten Romane der deutschen Literatur des vergangenen Jahrhunderts. Wer liest den heute, frage ich mich öfter, diese großen Romane „Fluß ohne Ufer“ von Hans Henny Jahnn, wer liest den Romangigant „Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss, wer liest „Korrektur“ von Thomas Bernhard, das beste Buch, das Thomas Bernhard geschrieben habe, viele reden über Thomas Bernhard, fast nie höre ich jemanden über den Roman „Korrektur“ reden, den übrigens auch Thomas Bernhard selber für seinen besten Roman hält, sein Halbbruder hat es mir erzählt.

Und dann sehr bald, um wieder  zu mir zurückzukommen, beim eigenen Schreiben, war mir nicht wichtig, war mir egal, wer das lesen soll, auch heute blickt mir beim Schreiben keiner über die Schulter und sucht die Gefälligkeit auf meinem Papier, ich selber auch nicht und ein anderer schon gar nicht, die Gefälligkeit, und damit meine ich natürlich die sprachliche Belanglosigkeit. Früh schon habe ich von Julien Green erfahren, daß der erbauliche Roman vom Teufel geschrieben wird und daß man, so Julien Green, nie erfahren wird, welches Unheil diese Literaturgattung angerichtet hat. Julien Green ist übrigens in Klagenfurt begraben, in der Stadtpfarrkirche, bei einem Nebenaltar. Paul Valéry sagt, und meint damit wohl die Literatur: „Man darf nicht zögern, das zu machen, was einem die Hälfte seiner Anhänger kostet und die Hälfte der Liebe derer, die noch übrig sind.“ Und Emily Dickinson sagt: „Wenn ich ein Buch lese, und es macht meinen Körper so kalt, daß kein Feuer mich je wärmen könnte, weiß ich, das ist Dichtung. Wenn ich mich fühle, als würde meine Schädeldecken abgenommen, weiß ich, das ist Dichtung. Nur auf diese Art weiß ich es. Gibt es denn eine andere?“

Josef Winkler, geboren 1953 in Kärnten, lebt in Klagenfurt. 1973 bis 1979 arbeitete er in der Verwaltung der Klagenfurter Uni. 1979 gewann er mit seinem Roman “Menschenkind” den zweiten Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb; zusammen mit den Folgeromanen “Der Ackermann aus Kärnten” und “Muttersprache” bildet dieser Roman die Trilogie “Das wilde Kärnten”. 2008 erhält er den Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Ein Gedanke zu “Klartext (12.11): Josef Winkler

  1. Pingback: Was Sie schon immer über das Schreiben wissen wollten | fabmuc

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


× 8 = dreißig zwei

* Copy This Password *

* Type Or Paste Password Here *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>