Zwischenruf! Julian Heun

Bislang erschienen in unserer Rubrik “Zwischenruf” Beiträge von Tobias Kunze und Christian Kreis, die sich mit Poetry Slam und Lesungswesen auseinandersetzten. Heute meldet sich Bühnendichter Julian Heun mit einem weiteren Debattenbeitrag zur Lesekultur zu Wort.

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Hype oder Fluch
oder
“Kommt ma klar, jetze!”

Seit etwa 17 Jahren bevölkern diese “ominösen Poetry Slams” die Clubs und Bars, die Theaterhäuser und Eckpinten Deutschlands, mitunter auch die Fernsehsender und Kleinkunstpreise.
Und noch immer kommt es vor, dass Menschen, denen man berufsbedingte Kenntnis der Kulturszene Deutschlands unterstellen müsste, keine Ahnung von Poetry Slam haben und – noch schlimmer – eine Einstellung, die eher angebracht ist, wenn ein stadiongroßes Ufo über dem eigenen Schrebergarten rotiert:
“Keine Ahnung, was das ist, aber es bewegt sich und ist verdammt groß. Scheiße, hab ich Angst! Hoffentlich passiert meinen Traubenhyazinthen und dem Elfenbeingartenzwerg nichts.”

So kommt es zu Texten wie dem “Zwischenruf” von Christian Kreis, in dem literarischer Futterneid und schlichtes Unwissen zusammen ein Schreckgespenst von Poetry Slam beschwören, das erstaunlich viele Menschen in der Kulturszene teilen.
Es taucht da “plötzlich” (gut 17 Jahre lang) ein Veranstaltungsformat auf, das auch Zuhörer anspricht, die für Lyrik verloren geglaubt waren, ein Format, dem die Türen eingerannt werden, das auch akustische Publikumsresonanz hat, die zehn konventionelle Lyriklesungen zusammen nicht aufbringen und den Vergleich mit Rockkonzerten nicht scheuen muss. Da wird man schon mal neidisch. Klar. Nur hat sich Poetry Slam das Publikum und seine Resonanz erarbeitet und verdient, denn: Poetry Slam scheut sich nicht, zu unterhalten, Poetry Slam schreckt nicht vor Feedback zurück und versteckt sich hinter Unverständlichkeit und: Poetry Slam hat nicht vergessen, dass Kunst auch eine Kommunikationsleistung ist.

Und dann muss man sich von einem vermutlich kulturerfahrenen Mann wie Christian Kreis solche Unwahrheiten gemischt mit Selbstbeweihräucherungen anhören: Das Slam Publikum habe die “Konzentrationsfähigkeit von ADHS-Patienten”, die mit “Gegenständen werfen” würden. Er vermisse als Autor die “Aura des Besonderen, des Unnahbaren”. Und: “Ja wer bin ich denn? Ein Gladiator? Ich bin Lyriker.” Eine so vermessene Haltung würde beim Poetry Slam abgestraft. Und zwar zu Recht. Lyrik schreiben allein ist keine Leistung. Ferner sei er zu “bequem” zum Stehen und könne sich seine Gedichte nur schlecht merken. Ihm ist also schlicht die Mühe und Anstrengung zu viel, dem Publikum eine ansprechende Performance zu bieten.

Um das Publikum, das Slam hat, hat sich die konventionelle Lyrik eben schlicht nicht bemüht. Wer für sich selber und einen kleinen Kreis schreibt, wer sich für Unterhaltung zu schade ist, wer sich meilenweit über dem Volk schweben sieht, nur weil er ein paar Worte zu hermetischen Strickmützen stopft, weil er ein “Bitte verbeugen und lobpreisen Sie jetzt”-Lyriker ist, der füllt nun einmal keine Hallen. Und das ist doch auch in Ordnung.

Poetry Slam kann vieles auch nicht: Sehr langstreckige Gedankengänge gehen verloren oder ein Vers, dessen Wahrheitsgehalt dem Hörer erst Tage später aufgeht, der nachhallen muss, findet sicherlich nicht seine gerechte Beachtung. Und, ja, es ist einfach, mit schlichtem Humor zu gefallen.
Nur heißt das nicht, dass man mit einem guten ernsten Text nicht auch gewinnen kann, oder dass das Publikum intelligenten Humor nicht schätzt. Es gibt auch Texte, die auf anderen Bühnen einfach besser zur Geltung kommen.
Poetry Slam kann so viel und vieles auch nicht, aber er ist dabei ganz bestimmt keine Bedrohung für die konventionelle Lyrik. Die Existenz beider Formate ist ein Geschenk und keine Konkurrenzsituation. Wer sich bedroht sieht, der versteht Poetry Slam nicht oder neidet ihm um etwas, das er selbst aber nie erreicht hätte.
In den Medien wird Slam häufig entweder aufgeplustert oder schlicht missachtet. Entweder wird er als “die neue Literatur” überhypet oder als bühnenförmige Resterampe, als flache Studentenprosa und Kitschlyrik im Sozialromantiksud abgetan. Und dann kommt irgendwann immer noch einer um die Ecke und sagt: Das ist so’n Rap-Battle, oder?!

Die Ignoranz der Feuilletons ist teilweise schon peinlich. Stück für Stück wird es die letzen Jahre etwas besser, aber langsam. Und so ist es meines Erachtens nach nur eine Frage der Zeit, bis Journalisten die Feuilletons leiten, die mit Poetry Slam aufgewachsen sind oder sich daran gewöhnt haben, dass es da ein Format gibt, das nicht durchweg literarisch bedeutsam ist – aber mitunter – und das eine Menge kann.

Nun, liebe Freunde der Komplexität, ihr, die ihr den Slam für seine Plakativität abstraft, seid eurem eigenen Anspruch gerecht und gewinnt mal ein Bild von Poetry Slam, das Komplexität zulässt.
Da sind die Hobbypoeten, die mal eben etwas geschrieben haben, die einfach mal auf eine Bühne wollen, da sind die Witzbolde, die sich unter Applaus über die Bühnen der Studentenstädte kalauern, da sind die, die völlig ersetzbar sind, deren Text man schon beim Hören wieder vergisst, da sind auch die zum Fremdschämen und da sind eben auch die einzigartigen Performer, die, die gestandene Kabarettisten erzittern lassen, da sind die Charismaexplosionen, da sind die tiefschürfenden Bühnenlyriker und die, die man schlicht nicht beschreiben kann.
Da sind sie alle, in einer reichhaltigen Vielfalt, die Angst machen kann, aber nicht sollte.
Also, liebe Verteidiger der denkmalgeschützten Schwimmfestung im Wasserglas und lieber Christian Kreis, schaut euch einfach einmal in Ruhe ein paar Poetry Slams an. Aber seid vorgewarnt: Der Moment, in dem ein Raum voller Menschen die Kraft von Poesie feiert, könnte süchtig machen.

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Zum Autor: Julian Heun (*1989) ist Poetry Slammer und Autor. Er studiert Komparatistik und Germanistik an der FU Berlin. Ferner ist er Mitglied des Performance-Lyrik-Kollektivs Allen Earnstyzz und der Lesebühne “Spree vom Weizen”. 2007 wurde Julian wurde deutschsprachiger U20-Meister im Poetry Slam, 2008 Vizemeister bei den Erwachsenen, 2011 Vizemeister im Team sowie Vierter bei den Weltmeisterschaften 2009. Zudem gewann er den Stuttgarter Besen und war für das Goethe-Institut in Rom, beim Other Words Festival in San Francisco und beim Internationalen Poesiefestival in Medellin.

4 Gedanken zu “Zwischenruf! Julian Heun

  1. “Poetry Slam kann so viel und vieles auch nicht, aber er ist dabei ganz bestimmt keine Bedrohung für die konventionelle Lyrik. Die Existenz beider Formate ist ein Geschenk und keine Konkurrenzsituation. Wer sich bedroht sieht, der versteht Poetry Slam nicht oder neidet ihm um etwas, das er selbst aber nie erreicht hätte.”

    Das ist der wesentlichste Teil für mich gewesen. Slam profitiert aus dem klerusartigen Charakter “konventioneller” Lyrik. Seit fünf Jahren beschäftige ich mich Tag für Tag mit den Gedichten der deutschen Gegenwartslyrik und bis jetzt sehe ich nur Fortschritt im Mikrometerbereich. Sie leiten sich prinzipiell kulturhistorisch ab, bedenken aber nicht, dass jede Generation ihrer Epoche genauso kritisch wie aufsaugend gegenüberstand. Ich lese hier von Rick Reuther, dem Schoßknaben von Daniela Seel und vielleicht gepushtesten Junglyriker heutzutage, Gedichte, die aus virtuos aneinandergeklebten Fremdwörtern bestehen, mit der Begründung, dass nur noch “zitieren möglich sei”. Weder gibt es eine Ambition neue Formate zu erkunden um Lyrik spannender, zeitgemäßer zu machen, noch das Bewusstsein sich aus den eigenen verfaulten Moder zu erheben. Klar Poetry Clips ist ein Format, aber ein unreflektiertes. Was soll ein Poetry Clip schaffen, das ein Film nicht auch kann? Slam hat nicht ohne Grund soviel Zulauf. Slam ist FastFood. Slam ist unglaublich dynamisch, jungendlich und erfrischend. Ein Freund von mir, jahrenlanger Besucher von Slamveranstaltungen hat sich nun Gedichtbände von mir ausgeliehen, weil ihm der Slam nicht intellektuell befriedigen konnte. Muss dazu auch sagen, dass ich diskussionslos dem Lager der Lyrik angehöre, weil mir der Slam leider! nicht die Plattform bieten konnte, die Komplexität zu erreichen, die ich in Gedichten schaffe. Ich spreche generell nur vom deutschen Slam, der amerikanische hat eine andere Form und Tradition. Vielen Dank für diesen sehr, sehr guten Artikel.

  2. Lieber Julian, so ist das, wenn man ins Alter kommt. Man wird neidisch, vergesslich, selbstgefällig und bequem. Mit anderen Worten, ein Dichter.
    herzlich/ Christian

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