forum:autoren vorgestellt (24): Dirk von Poetasdorff


„So war mein Herz, das nichts begründen konnte.“

Als profunder Literaturwissenschaftler weiß Dirk von Petersdorff, dass es einem Lyriker nur zum Vorteil gereichen kann, seinen Gedichten gleich noch die passende Poetik, sprich: theoretische Unterfütterung, mitzugeben: Diese dient im besten Fall dazu, der forschenden Nachwelt gleich Anreiz und Schlüssel mitzuliefern, wie das eigene Werk aufzuschließen sei (so haben es Musil und Thomas Mann gehalten); und im schlimmsten Fall kann die eigene Poetik immer noch als Rechtfertigungsschild wider die Stimmen der Kritik erhoben werden, nach dem Motto: ‚Ihr habt mich nur nicht recht verstanden, so und so war es doch eigentlich gemeint.‘
Glücklicherweise hat Dirk von Petersdorff weder das eine noch das andere nötig, seine Essays, wissenschaftlichen Arbeiten und Gedichte fügen sich zu einem soliden Bau, in dem der poeta doctus Petersdorff in Ruhe seinen lyrischen Forschungen in Vers und Wissenschaftsprosa nachgehen kann (zuerzeit übrigens in Berlin).

In seinem Essayband „Verlorene Kämpfe“, der 2001 erschien, legte von Petersdorff die poetologischen Grundlagen, die er 2005 mit seiner Habilitation zu den ‚Fliehkräften der Moderne‘ und der ‚Ich-Konstitution in der Lyrik des frühen 20. Jahrhunderts‘ zu einem wasserdichten Theoriegebäude hochmauerte:
In seinen Essays rechnet der Autor mit den alten und neuen Avantgarden der deutschsprachigen Literatur ab und erklärt die ästhetische Moderne in summa für bankrott, deren Stürmer-Impetus er gegen sich selbst wendet: „200 Jahre deutsche Kunstreligion“, so heißt es, sind schließlich genug!
Die Moderne muss sich schelten lassen, dass sie „heute einschnürt und beengt, dass ihre Reste, und mehr sind es ja nicht, wie Gespenster durch unsere Diskurse treiben; dass die ästhetische Moderne eine große Vergangenheit hat, aber keine Zukunft“.

Nachdem also dem Baum des deutschen Gedichts alle geilen Triebe gekappt wurden, muss Dichter sich wieder zurück zu den Wurzeln wenden. Und das meint: Formbewusstsein, Beschäftigung mit der Vergangenheit, Festhalten an Reim und Metrum; und alles fest auf dem Boden einer demokratisch-heilen Verfassung verankert und mit einer ordentlichen Prise Ironie à la Postmoderné abgeschmeckt. Was Wunder, dass Clown Gernhadt, Rauschkopf Rühmkorf und Edelstahl Enzensberger da eher auf der Plusseite auftauchen, während Benn im Trüben verraunt.

Gefordert ist auch eine neue Verständlichkeit des Lyrischen, die den Zaubertrick vollbringt, die Voraussetzungen der Moderne gleichermaßen zu akzeptieren und zu ignorieren, fortzuführen und zu überwinden: von hinten durch die Brust ins Auge ins Gehirn. So setzt Petersdorff in heinesken Achtzeilern an, die Gegenwart als Nachahmer, Neusortierer und Umgestalter zu durchforsten. Ein Sesamstraßen-Sketch (s.u.) wird so flugs in ein barockes Enblem umgeschmiedet, das in einer kunstvoll reimlosen Zeile ausläuft.

Da Bert in die Banane spricht
– Hallo! Hallo! Hier! –,
lehnt Ernie, dieses Mondgesicht,
kichernd, schnarrend in der Tür.

Nun wird das Bild erklärt:
Der alte Glaube, das ist Bert,
ruft und redet, niemand hört.
Im Rücken das Lachen.

Allegorisch lackierte Verse wie diese darf man straffrei sowohl clever und smart als auch (dies nur ernie-halber) völlig Banane finden. Ich persönlich neige zu Ersterem, weil Petersdorffs Lyrik glücklicherweise das Siegel der Ironie dickflüssig aufgeschmolzen ist, jene Schreib-, Rede- und Lebensform, die unter Literaten, Geistesarbeitern und Kulturphilosophen seit jeher – Schiller, die Tieck/Schlegel-Boys, nochmals T. Mann, Walser, Rorty etc. pp. – als das Zauberwort zur Aufhebung störender (moderner!) Gegensätzen und als generell würdigste – man darf ruhig schreiben: coolste – Weise gilt, den Schrecken des Geworfenseins entgegenzutreten.

Glücklicherweise hat Petersdorff damit auch gleich die Kollegen Jacobs, Opitz, Dreppec, Eckenga und Bernstein (fehlt noch Nitzberg) im Sack und auf seiner Seite, die sämtlich das Münchner Literaturfest mitbespielen und Form wieder in ihr Recht setzen werden: Dass sich freier Vers und Humor nämlich nicht recht vertragen, hat schon Robert Gernhardt selig seinerzeit gemunkelt.
Was den Zuhörern – aber hier mutmaße ich nur vor mich hin – durchaus zupasskommen wird.
Ich jedenfalls (hat man’s deutlich genug rausgehört?) freue mich sehr darauf.

•••

Termine

Sonntag, 13.11.2011, 20.00 Uhr
Lyriklounge. Gute Gedichte. Sonst nichts
Mit Hellmuth Opitz, Fitzgerald Kusz, Steffen Jacobs , Nora Bossong, Dirk von Petersdorff, Fritz Eckenga, F.W. Bernstein, Ulrike Almut Sandig, Thomas Rosenlöcher und Ulla Hahn
Moderation: Matthias Politycki und Julia Westlake (NDR)
In Zusammenarbeit mit dem Lyrik Kabinett und der Zeitschrift DAS GEDICHT
Ort: Ampere, Eintritt: 12,– € / 9,– €
Karten unter: 089 – 54 81 81 81 oder www.muenchenticket.de

Montag, 14.11.2011, 16 Uhr
Klartext
Mit Nora Bossong, Meike Feßmann, Ulla Hahn, Steffen Jacobs, Fitzgerald Kusz, Sibylle Lewitscharoff, Paul Nizon, Hellmuth Opitz, Thomas Rosenlöcher, Ulrike Almut Sandig, Hansjörg Schertenleib, Xochil Schütz, Christoph Siemes, Michael Stavaric, Dirk von Petersdorff
Moderation: Matthias Politycki und Prof. Friedrich Vollhardt
LMU Hauptgebäude, Raum F107, Eintritt frei
In Zusammenarbeit mit dem Institut für deutsche Philologie der LMU

2 Gedanken zu “forum:autoren vorgestellt (24): Dirk von Poetasdorff

  1. Pingback: Raoul Schrott, Arthur Jacobs: Gehirn und Gedicht | Lino Wirag

  2. Pingback: Nachlese: Lyriklounge – der Dichtermarathon | fabmuc

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