Kommt jetzt die „neue Unlesbarkeit“? Schriftsteller antworten!

Die Deutsche Presse-Agentur hat Kurator Politycki mit den Worten zitiert, er spreche sich für eine „neue Unlesbarkeit“ der deutschen Gegenwartsliteratur aus, die nicht jeden „Tausendsassa, die jetzt auch noch ein Buch schreibt“ im Club der Schriftsteller willkommen heißt.
Wir haben Autorinnen und Autoren (die teilweise bereits auf fabMUC in Erscheinung getreten sind) gefragt, wie sie zu dieser Aussage stehen.

Michael Schönen, Autor: Ob eine Verweigerung dafür sorgt, dass Literatur dem Leser wieder wertvoller erscheint? Vielleicht sollte man die Schriftsteller schreiben lassen, wie sie wollen, und dafür in Buchhandlungen demnächst die Ware nach “Anfänger” und “fortgeschrittene Leser” sortieren.
PS: Ich finde ja, dank der Rechtschreibreform mit drei aufeinanderfolgenden Konsonanten ist schon genug für die „Unlesbarkeit“ getan.

Andreas Heidtmann, Autor und Herausgeber: Es mag sein, dass Erzählungen und Romane, vor allem Debüts, immer wieder eine gewisse Vergleichbarkeit aufweisen, es wird zuweilen wenig erlebt und das wenig Erlebte schlicht beschrieben. Aber die Literaturlandschaft ist viel zu differenziert, als dass man ihr mit allgemeinen Etiketten beikommen könnte. Wir haben, etwa auch in der Lyrik, viele Autoren, die sich gerade von der Alltagslesbarkeit abwenden und mit großer Kenntnis und Intuition mit der Sprache arbeiten, so dass wir alles andere als eine auf Lesbarkeit abzielende Dichtung haben.

Stefan Mesch, Autor: Sprache, die sich sperrt? Gedanken, die lustvoll Haken schlagen? Für Kurzprosa, für Lyrik, für den schnellen und effektvollen Zweit- oder Drittplatzierten beim Klagenfurter Bachmannpreis ist das – nicht erst seit 15 Jahren – eine dank- und fruchtbare Taktik.
Lange Romane aber? Erzählentwürfe über vier-, fünfhundert Seiten? Helen deWitts “Der letzte Samurai” (2000), Hallgrímur Helgasons “Vom zweifelhaften Vergnügen, tot zu sein” (2001) und Fiona Maazels “Last last Chance” (2008) sind meine drei besten … schwierigen Empfehlungen der letzten 10 Jahre. In Deutschland leistet sich vor allem Dietmar Dath den Luxus, kapitelweise mit Diskursen, Versatzstücken, Genres und Klischees zu jonglieren.
Als Leser braucht man dafür einen langen Atem.
Als Autor braucht man dafür eine ruhige Hand. Vertrauen ins Publikum. Und eine gewisse Unverfrorenheit.
Andererseits: Schmöker, Young Adult-Reihen und Unterhaltungsliteratur sind heute so komplex, geschickt und eindringlich wie nie zuvor. Auf dem Gebiet der “neuen Unlesbarkeit” wäre ebensoviel zu lernen, und ebenso viel zu gewinnen. Wer geht das an? Wer leistet sich diese Nischen-, Rand- und Pionierarbeiten? Freiwillige vor! Ich kenne – in Deutschland, aktuell – keinen.

Alexander Gumz, Autor: “Neue Unlesbarkeit” ist hier natürlich bewusst als Schlagwort gesetzt. Wäre Literatur ganz “unlesbar”, führte sie sich selbst ad absurdum. Ich möchte lieber, etwas milder, von “sperriger Schönheit” sprechen.
Literatur – und jede andere Kunst – sollte, finde ich, Perspektiven eröffnen, die man zuvor nicht hatte. Das heisst, sie muss – wie subtil oder plakativ auch immer – gegen den Strich des Gewohnten arbeiten, wenn sie erhellende, gar beglückende Momente schaffen will.
Eine Literatur, die auf reine Unterhaltung aus ist, nur fertige Erwartungen reproduziert, und auch Verlage, die allein auf Verkaufszahlen schielen, verhalten sich genauso absurd wie eine Kunst, die überhaupt niemanden erreichen will.
Sie schaffen das Erkenntnispotiential der Kunst ab, und damit ihre Schönheit. Ideal wäre für mich eine Literatur, die unterhält, indem sie Horizonte erweitert.

Axel Klingenberg, Autor: „Neue Unlesbarkeit“? Das klingt wie der alte Traum von der Hochkultur, die sich über die Niederungen des Lebens und den Geschmack des Pöbels erhebt. Was wir aber wirklich brauchen sind Bücher, die endlich wieder Inhalte transportieren – ohne, dass das auf Kosten der Lesbarkeit und der Verständlichkeit geht.

Anton G. Leitner, Autor und Herausgeber: Eine „neue Lesbarkeit“, die sich angeblich durchgesetzt haben soll, kann ich in größeren Teilen der deutschsprachigen Gegenwartslyrik nicht erkennen. Als preiswürdig für Jurys erscheinen schon seit Jahren insbesondere Lyrikerkollegen aus der jüngeren Generation, die bisweilen tollkühn eine Metapher an die andere reihen und mit ihrer Bilderflut tatsächlich eine „Neue Unlesbarkeit“ oder eitle, codierte „Hermetik“ produzieren (unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit).
Matthias Politycki hat mich als Herausgeber der Zeitschrift DAS GEDICHT zusammen mit der Stiftung Lyrik-Kabinett als Kooperationspartner für das diesjährige Lyrik-Programm ins Boot geholt. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir fürs Literaturfest München Lyriker ausgesucht, die eher „lesbare Texte“ produzieren und deshalb beim Vortrag ein Publikum begeistern können. Hat inzwischen ein Paradigmenwechsel stattgefunden? „Lesbar“ muss nicht platt heißen. Es gibt nichts Schwierigeres, als einen komplizierten Sachverhalt mit einfachen Versen auszudrücken.
Matthias Politycki tut dies bislang mit seiner eigenen Lyrik. Hat er jetzt über Nacht seine Poetik geändert?

Ein Gedanke zu “Kommt jetzt die „neue Unlesbarkeit“? Schriftsteller antworten!

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