Klartext (14.11): Dirk von Petersdorff

Manchmal versteht man die eigene Situation besser, wenn man den Weg über die Vergangenheit nimmt. Mir scheint, dass einige Passagen aus Hegels „Ästhetik“ etwas über die Möglichkeiten der Literatur in der Moderne sagen und daher für uns hilfreich sind. Denn Hegel spricht in seiner „Ästhetik“ nicht über Genies, über die Autonomie der Kunst, über literarische Sonderwelten, sondern über die Bedeutung der Kunst ‚für uns‘. Dabei geht er von einer geschichtlichen Situation aus, in der es keine „Bestimmtheit“ einer Weltbeschreibung mehr gibt, die für alle Mitglieder einer Gesellschaft verbindlich wäre. Es git daher für den Künstler keinen Gehalt mehr, der ihm vorgegeben ist, „mit der er seiner innersten Subjektivität nach in ursprünglicher Einheit lebt“. In dieser Situation der Wahlfreiheit kann „der gesamte Inhalt der äußeren Welt“ zum Gegenstand der Kunst werden. Hegels ästhetischer Subjektivität ist also alles erlaubt. Das moderne Innere „kann sich deshalb an allen Umständen zeigen, in tausend und aber tausend Lagen, Zuständen, Verhältnissen, Irrungen und Verwirrungen, Konflikten und Befriedigungen umherwerfen, denn es ist nur seine subjektive Gestaltung an ihm selbst, die Äußerung und Aufnahmensweise des Gemüts, nicht aber ein objektiver, an und für sich gültiger Gehalt, was gesucht wird und gelten soll.“

Das ist Anfang des 19. Jahrhunderts geschrieben. Die Mehrheit der deutschen Künstler hat im 19. und 20. Jahrhundertnatürlich ein ganz anderes Modell gewählt und gerade behauptet, dass Kunst Wahrheit repräsentiere, dass sie Urteile spricht, letztgültige Diagnosen formuliert, den Weltgeist in Bilder und Töne fasst. Hegel dagegen individualisiert die Kunst, weil er das moderne Nebeneinander verschiedener Weltdeutungen und Normen akzeptiert hat. Keine Ästhetik mit ihren Geboten und Verboten kann diese Gleichzeitigkeit des Verschiedenen beseitigen, indem sie bestimmte Ausdrucksweisen als ‚wahr‘ und ‚fortschrittlich‘, andere als ‚konservativ‘ und ‚falsch‘ bezeichnet. Das heißt, sie kann es natürlich tun, aber sie bleibt damit eine Stimme im großen Konzert der Meinungen. Diese Erweiterung betrifft die Inhalte, aber genauso die Formen der Kunst. Hegel entgrenzt auch den Formenkanon. Der Künstler nimmt sich die Wirklichkeit in ihrer „schrankenlosen Modifikation“ zum Inhalt, wandert bis an die „äußersten Enden der Zufälligkeit“ und macht das „für sich Bedeutungslose“ durch die subjektive Form der Darstellung bedeutend.

Aber wird die Kunst damit nicht flach und beliebig? Das muss nicht sein. Sie kann Vorstellungen von Zugehörigkeit und Heimat formulieren. Es handelt sich dann um vorläufige und begrenzte Heimaten; ein letzter O-Ton-Hegel: „Hiermit erhält der Künstler seinen Inhalt an ihm selber und ist der wirklich sich selbst bestimmende, die Unendlichkeit seiner Gefühle und Situationen betrachtende, ersinnende und ausdrückende Menschengeist, dem nichts mehr fremd ist, was in der Menschenbrust lebendig werden kann. Es ist dies ein Gehalt, der nicht an und für sich künstlerisch bestimmt bleibt, sondern die Bestimmtheit des Inhalts und des Ausgestaltens der willkürlichen Erfindung überlässt, doch kein Interesse ausschließe, da die Kunst nicht mehr das nur darzustellen braucht, was auf einer ihrer bestimmten Stufen absolut zu Hause ist, sondern alles, worin der Mensch überhaupt heimisch zu sein die Befähigung hat“. Darum geht es: Nicht mit einem „absolut zu Hause“ sein herumzufuchteln, sondern vorzuführen, wie man sich in einer Welt ohne letzte Gewissheiten einrichten kann.

Dirk von Petersdorff, 1966 in Kiel geboren. Seit Juli 2003 ist von Petersdorff an der Universität des Saarlandes habilitiert. Bis 2008 arbeitete er dort als Wissenschaftlicher Oberassistent. Heute lebt er in Jena, wo er an der Friedrich-Schiller-Universität als Professor für Neuere Deutsche Literatur tätig ist. Dirk von Petersdorff ist als literarischer Autor vorwiegend als Lyriker und Essayist tätig.

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