Klartext (15.11): Thomas Hürlimann

Dichter und Grenze

„Wir, die Dichter, müssen die Grenzen, dies es nicht mehr gibt, mit herrischer Gebärde schliessen.“
Dieser Satz, vor gut zwanzig Jahren geschrieben, in der „Weltwoche“ veröffentlicht, löste in der Schweiz eine Kontroverse aus. Heute versteht man ihn besser. Der Globus hat sich globalisiert, die Welt ist zum Weltstaat geworden, und die EU, die neue, supranationale Grenzen zu ziehen versucht, wird kollabieren wie vor ihr andere Supranationen kollabiert sind, etwa die UdSSR oder Jugoslawien. Das Internet, die Finanzströme, eine atomare Wolke – sie kennen keine Grenze. Die Flüsse Babylons fallen, fliessen, reissen alles mit.

Was heisst das für die Literatur? Auf einer Kugel, sagt Ernst Jünger, ist jeder Punkt ein Mittelpunkt. Genau. Darum geht’s: im Überall und Nirgendwo den Punkt setzen, den Mittelpunkt. Dieser Mittelpunkt kann eine Seele sein, ein Auge, eine Erkenntnis, ein Liebespaar, ein Dorf, eine Stadt, und heisst die Stadt, um ein Beispiel zu nennen, Wien und der Mann Ulrich, wird zwar von einem beschränkten Bezirk, einer beschränkten Zeit und einer höchst seltsamen, von Mathematik und Mystik faszinierten Seele erzählt, aber gerade durch seine Begrenzung wächst Musils Roman über diese hinaus, gerade durch seine Enge wird er weit, mit anderen Worten: Indem Musil auf seinem Punkt beharrt, erreicht er das grosse Ganze – diese Literatur ist Weltliteratur.
Musils „Mann ohne Eigenschaften“ spielt im Jahr vor dem Ersten Weltkrieg. Das Buch, schrieb sein Autor während der Arbeit, wird mir unter der Hand historisch. Inzwischen war der Zweite Weltkrieg im Gang, und hätte sich noch ein Kritiker oder ein Lektor um Musil gekümmert, hätte der wohl gesagt: Lass es sein, Musil. Du bist hoffnungslos zu spät.

Nein, für den Autor gibt es kein Zuspät, für ihn gilt der innere Fahrplan. Seine Zeit ist der Stoff, aus dem er träumt, der ihn beherrscht und quält und am Leben hält. Musils vermeintlich zu spätes Buch kam zu früh. Topaktuell ist es erst heute. „Der Mann ohne Eigenschaften“ schildert mit akribischer Genauigkeit das Kollabieren eines supranationalen Gebildes.
In der „Welt“ vom 29. Oktober fragt Tilman Krause: „Wer interessiert sich eigentlich noch für die untergegangene DDR?“ Niemand, ist seine Antwort. „Nichts wird bleiben von jenen anmassenden Versuchen, einen neuen Menschen und eine neue Gesellschaft zu schaffen, wie sie dem Sozialismus vorschwebten. Sie waren samt und sonders auf Sand gebaut. Und dieser Sand verfliegt.“ – es sei denn, der Autor hält den fliegenden Sand fest. Ich kann mir vorstellen, dass die Mauer, richtig erzählt, über sich selbst hinausweist – dass sie den Riss zeigt, der durch die Welt geht.
Wenn alles fliegt wie Sand, wenn alles fliesst wie die Flüsse Babylons und das Überall sich verliert im Nirgendwo, dann gibt es nur eins: auf dem Mittelpunkt beharren. Die eigene Geschichte erzählen. Wir, die Dichter, müssen die Grenzen, die es nicht mehr gibt, mit herrischer Gebärde schliessen.

Thomas Hürlimann wurde 1950 in Zug, Schweiz, geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums in der Stiftschule Einsiedeln Studium der Philosophie in Zürich und an der FU Berlin. Während zweier Jahre arbeitete er als Regieassistent und Produktionsdramaturg am Schiller-Theater. Seit 1985 lebt Hürlimann wieder in der Schweiz. Seit dem Wintersemester 2000 lehrt Thomas Hürlimann am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig.

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