Klartext (15.11): Uwe Wittstock

2007 wurde der Roman „Esra“ von Maxim Biller durch das Verfassungsgericht endgültig verboten. Das Urteil weist erstaunliche Argumentationsbrüche auf, es eignet sich nicht dazu, bei der schwierigen Abwägung zwischen Kunstfreiheit und Persönlichkeitsschutz Rechtssicherheit zu schaffen. Dennoch ist es derzeit eine feste juristische Orientierungsgröße und wird das auf heute unabsehbare Zeit bleiben.

Inzwischen zeigt sich deutlich, dass dieses schlechte Urteil fatale Auswirkungen für die Literatur hat. Allein 2011 mussten drei Romane vom Buchmarkt zurückgezogen werden, weil sie angeblich Persönlichkeitsrechte verletzten: nämlich die Romane „Das Da-Da-Da-Sein“ von Maik Brüggemeyer, „Ein Traum von einem Schiff“ von Christoph Maria Herbst und „Last Exit Volksdorf“ von Tina Uebel, die heute Abend mit auf dem Podium sitzt.

Abgesehen von dem Fall Herbst sind diese Vorwürfe gerichtlich nicht überprüft worden. Vielmehr wurden die Bücher bereits nach der Androhung juristischer Schritte von den Verlagen zurückgezogen, durch die Autoren überarbeitet und dann in einer Form wieder vorgelegt, die den Wünschen ihrer Gegner weitgehend entsprach. Die Frage, ob sie tatsächlich die Literaturfreiheit überdehnt haben, wurde nie von Richtern entschieden.

Ein Grund dafür ist das Esra-Urteil. Seine inneren Unstimmigkeiten machen entsprechende Prozesse zu einem schwer kalkulierbaren Kosten-Risiko. Also verzichten die Verlage auf einen Rechtsstreit und drängen die Autoren, ihre Bücher zu entschärfen. Die Autoren haben erst Recht kein Geld für Prozesse, zudem gehört zum üblichen Verlagsvertrag eine Klausel, in der jeder Autor versichert, mit seinem Buch keine Rechte Dritter zu verletzten. Im Falle einer Niederlage vor Gericht würde der Autor also vertragsbrüchig.

Was diese Entwicklung für eine Literatur bedeuten, die dezidiert gegenwärtige Stoffe zu ihrem Thema macht, liegt auf der Hand. Wenn schon die Drohung mit einer Klage ausreicht, um Autoren und Verlage einzuschüchtern, bleibt von der Freiheit der Literatur nicht viel übrig. Oft wird behauptet, es sei doch für Schriftsteller ein Leichtes, ihre Figuren so zu verfremden, dass niemand sich in seinen Rechten tangiert fühlen könne. Das mag sein, ob das aber in jedem Fall der Qualität der Bücher zuträglich ist, darf man bezweifeln. Es kann gute Gründe für einen Autor geben, sich in seiner Literatur möglichst eng an das zu halten, was üblicherweise die Realität genannt wird.

Nehmen wir zum Beispiel Georg Büchners Stück „Dantons Tod“. An der Wiedererkennbarkeit der darin auftretenden Personen kann juristisch kein Zweifel sein. Als Büchner es veröffentlichte, lebte Dantons Frau noch. Im Stück lässt Büchner sie mit ihrem Mann in inniger Vertrautheit ins Bett gehen und am Ende auf offener Bühne Selbstmord verüben. Beides wäre nach heute geltender Rechtsprechung problematisch, das Stück würde mit einiger Sicherheit verboten. Dennoch war es richtig, dass Büchner reale Personen beschrieb. Denn es ging ihm in „Dantons Tod“ nicht um eine hypothetische Revolution, sondern er zielte auf eine durch historische Tatsachen beglaubigte Dringlichkeit seines Dramas. Dessen Überzeugungskraft wäre geringer, hätte Büchner nicht auf geschichtlich verbürgte Personen zurückgegriffen.

Es muss also keineswegs Skandalgier sein, wenn ein Autor in seinen Büchern auf wiedererkennbare Vorbilder zurückgreift, sondern es gibt, wie das Beispiel Büchner zeigt, dafür mitunter wohlerwogene ästhetische Gründe. Natürlich kann man sich auf den Standpunkt stellen, die Persönlichkeitsrechte seien heute in besonders großer Gefahr und müssten deshalb besonders nachdrücklich verteidigt werden. Das ist sicher richtig, aber die großen Gefahren für die Persönlichkeitsrechte gehen doch wohl vom Boulevard-Journalismus und von Netzwerken wie Facebook aus, nicht aber nicht von der Literatur.

Im Gegenteil, die Literatur braucht Verteidiger. Immer mehr Leser (auch solche in Richterroben) scheinen in der Literatur nur noch einen zu Text geronnenen Abklatsch dessen sehen zu wollen, was der Autor erlebt hat – und übersehen damit die eigentlich literarische, das Erlebnismaterial künstlerisch formende Arbeit des Autors. Ich verstehe bis heute nicht, weshalb nur so wenige Kritiker, Verleger und Schriftsteller bereit waren, sich während der langen Esra-Prozesse öffentlich für die Interessen der Literatur einzusetzen und das Romanverbot als das zu bezeichnen, was es ist: ein Skandal.

Doch jetzt ist das Kind im Brunnen – und dort wird es bleiben, wenn sich Verleger, Autoren, Kritiker, nicht dazu entschließen, künftig energischer für die Rechte der Literatur zu streiten. Ohne Konflikte wird der verlorene literarische Spielraum nicht zurückzuerobern sein. Solange Bücher aber schon bei der Androhung juristischer Schritte sang- und klanglos zurückgezogen werden, ist hier keine Änderung in Sicht.


Bild: Susanne Schleyer

Uwe Wittstock, geboren 1955, war Literaturredakteur im Feuilleton der FAZ, Lektor für deutsch-sprachige Literatur im S. Fischer Verlag und ist heute Kulturkorrespondent für Die Welt in Frankfurt am Main.

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