forum:autoren vorgestellt (2): Im Bernsteinzimmer des gomischen Gedichts

Kein Zweifel, er ist die Wachtel Weltmacht der deutschen Gegenwartslyrik und der komischen Grafik in Personalunion. Vor drei Jahren knackte er die 70er-Marke, nachdem er die Jahre zuvor genutzt hatte, um in eine seiner vielen Masken – darunter die des Kunsterziehers, Satireredakteurs, Dramatikers, Cartoonisten und Professors für Karikatur und Bildgeschichte – zu schlüpfen. Das latent Narzisstische, das seinem Studienfreund und Kollegen Robert Gernhardt eigen war, war F. W. Bernsteins Sache nie. Zum Glück. So konnte er in aller Bescheiden- und Emsigkeit hinter den Kulissen des Krachbetriebs wirken, und nebenbei Generationen von angehenden Künstlern die Weg der Wahrheit weisen: die von Gritik, Gomik und Graphik nämlich.

In den Sechzigern und Siebzigern schuf Bernstein in Personalunion mit Gernhardt und F. K. Waechter das opus magnum der Welt im Spiegel, jener glänzenden Nonsenszeitschrift, die das Komikverständnis des Nachkriegsdeutschlands von den Füßen auf den Kopf stellte. Einige seiner beliebtesten Verse sind hier erschienen.
Fast nebenbei, so scheint es, schüttelte Bernstein dabei auch die unermüdlich zitierten „schärfsten Kritiker der Elche“ aus dem Kordjacket: ebenjene Elche, die später zu den Wappentieren der Neuen Frankfurter Schule avancieren sollten, jener legendären, eher losen Vereinigung von Satirikern, Schriftstellern, Zeichnern und Humorschaffenden rund um die Zeitschriften pardon und Titanic.

Die ZEIT behauptete zwar 2007, Bernstein allein sei „noch übrig vom harten Kern der Neuen Frankfurter Schule“ – was keineswegs der Wahrheit entspricht, auch Eckhard Henscheid, Bernd Eilert, Pit Knorr und Hans Traxler erfreuen sich glücklicherweise noch bester Gesundheit –, doch hat kaum einer von ihnen die komische Landschaft so nachdrücklich beharkt und neubepflanzt.

Bereits an anderer Stelle wurde auf die mittlerweile auch in der Literaturwissenschaft angekommenen Stilmittel verwiesen, die Fritz Weigle (so F. W. Bernstein bürgerliches Pseudonym) der deutschen Sprache geschenkt hat: Zu nennen wären beispielsweise die Bernstein’sche Interjektion (“Nicht drängeln!”), die Weigle’sche Reimklammer (“Sushi vom feinsten / was meinsten?”) und Vokaldehnung (“Vogt. Vohoogt!”) und nicht zuletzt die Bernstein’sche variierte Wiederaufnahme sowie Fritz‘ Unerwarteter Abbru—

Viel zu wenig bekannt ist auch der unermüdliche Leser, Sammler und Editor Bernstein, der beispielsweise das backsteinschwere „Buch der Zeichnerei“ zusammenstellte, jenes „Lehr, Lust, Sach- und Fach-Buch sondergleichen“, das noch heute mit Fug als Standardwerk der Karikaturforschung gelten darf (antiquarisch leider bereits recht teuer). Auch das gemeinsam mit Eckhard Henscheid verantwortete und weithin unverstandene Monsterflorilegium „Unser Goethe“ (antiquarisch glücklichweise noch recht günstig) sollte in keinem Bildungsbürgerboudoir fehlen.

Wenn man auch bedauern darf, dass in den letzten Jahren keine neuen Bernsteintexte mehr erschienen, sondern nur Wiederauflagen alter Vers- und Dichtwerke, so freuen wir doch wachtelmäßig, dass der Meister im November zu uns nach München kommt.

F. W. Bernstein wird am Sonntag, den 13.11, um 17.00 Uhr in der Lyriklounge unter dem Titel „Gute Gedichte. Sonst nichts“ im Münchner Ampere zu hören sein, moderiert von Kurator Matthias Politycki und Julia Westlake (NDR). Lieber Fritz, wir freuen uns auf Dich!

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