Digitale Literatur – Schreckensszenario oder Zukunftsmarkt?

Bei der Podiumsdiskussion zur Lage der deutschsprachigen Literatur, anlässlich der Eröffnung des Münchner Literaturfests am vergangenen Donnerstag, war auch von “digitaler Literatur” kurz die Rede und da waren sie wieder, die Schreckgespenster vieler Literaturschaffender: eBook! Social Media! Blogs! Facebook! Zu Hilfe!

Nicht mal 1-2 Prozent betrüge der Anteil an eBooks auf dem deutschen Buchmarkt, beruhigte Kritiker Hubert Winkels an diesem Abend, jedes Jahr warte man erneut auf den prognostizierten Anstieg der Zahlen, da wachse aber nichts. Schriftstellerin Thea Dorn gab sich ebenfalls gelassen, sie brauche kein Facebook, sie brauche nur eine Kanne Tee und einen Fensterplatz für ihre Arbeit, alles andere sei ihr: „wurscht“.Es wurde beruhigt und beschwichtigt.

Zwar wunderte man sich gemeinsam darüber, dass das Feuilleton, und selbst das Literatur-Fernsehen, den Buchverkauf in vielen Fällen nur sehr mäßig ankurbele: der Leser sei dann wahrscheinlich doch sein eigener Kaufentscheider, wurde gemutmaßt, oft bewege nicht mal eine Doppelseite Feuilleton die LeserInnen zum Buchkauf und selbst von Harald Schmidt in die Late Night-Kamera gehaltene Bücher brächten es mitunter am nächsten Tag auf gerade mal fünf Neubestellungen. Der Einwurf von Gastgeber Matthias Politycki, wesentlich verlässlicher arbeiteten derzeit die Publikumsbewertungen im Onlinebereich dem Buchabsatz zu, versickerte ungehört im Tonmatsch der Hallentechnik. Dann war noch von der Zersplitterung der Gesellschaft die Rede und der Notwendigkeit zumindest dem Bildungsbürger durch ein starkes Leitmedien-Feuilleton vor der Auflösung im Internet zu bewahren.

Es ist genau diese Mischung aus Ängstlichkeit und Unwillen, die die Literaturarbeit in Zukunft in einem Maße erschweren wird, wie es bislang auch schon die Musikbranche konsequent und schicksalhaft durchleben musste. Es gibt kein drumrum: neue Medien werden, insbesondere wenn sie geeignet sind das Leben zu erleichtern, angenommen und genutzt. Für die Literaturarbeit bedeute das: kreativ zu denken, statt einfach nur mit Unwohlsein Bücher schlicht zu digitalisieren. SchrifststellerInnen und Verlage die angstfrei die neuen Möglichkeiten der Medien durchdenken und sinnvoll einsetzen, werden ihren LeserInnen echte Mehrwerte bieten können.

Es ist eine Lösung, dem eBook mit sehr schön und aufwendig gestalteten Büchern etwas entgegen zu setzen, Begehrlichkeiten zu stärken. Das ist schön gedacht und erstrebenswert, gleiches gilt aber überraschender Weise auch für das digitale Buchprodukt: die schlichte Digitalisierung eines Buches geht derzeit oft einher mit einer fahrlässigen Preiskalkulation, das eBook ist in den meisten Fällen günstiger, wird als “Zweitverwertung” schon bei Erscheinen entwertet. Warum eigentlich? Wäre es nicht viel interessanter das, durch den Wegfall der Druck- und Vertriebskosten gesparte Geld in die Entwicklung einer wirklich interessanten, digitalen Version der gedruckten Ausgabe zu stecken?

Was wäre, wenn vermehrt intelligente eBooks angeboten würden, digitale Bücher die mehr können als das Buch, die Bewegtbilder enthielten, Interviews mit dem Autor, einen kurzen Lesungsmitschnitt, Erinnerungen an die Lesetermine des Schriftstellers via online-update, Zugang zur Verlagsseite und einer exklusiven, persönlichen Autorenseite, schlicht: Bonusmaterial wie bei jeder Video-Spielfilm DVD längst üblich? Großen Sinn macht das insbesondere bei den Sachbüchern, sicher aber ist auch der ein oder andere Literatur- und Lyrikband geeignet, als eBook einen Mehrwert zu bieten Wenn man anfängt darüber nachzudenken, fängt es an Spaß zu machen. Natürlich gilt es, den Schriftsteller nicht nur an diesem Prozess zu beteiligen, sondern auch zu vergüten.

Digitale Literatur beginnt aber schon viel früher, beim Schriftsteller und den Verlagen selbst. Schlaue Social Media-Arbeit, die nicht einfach nur als tumb vertrauliche PR-Strategie daher kommt, schafft eine langfristige Nähe und Verbundenheit, weckt interesse. Schon heute bieten Blogs und Social Media-Angebote wie Facebook, google+ und die ungezählten Literaturforen großartige Kommunikationsmomente und Dialog-Möglichkeiten, hier tauschen sich Fachleute und Zielgruppe pur aus, eine Buchbesprechung wird hier als Empfehlung unter Freunden verstanden und nicht als Werbung. Es mag “nur” eine virtuelle Nähe sein, ja vielleicht, aber es ist eine Nähe und eine Einladung zu einem Thema, einem Buch, einem Autor, einem Verlag. Warum nicht!

Auch die oft gehörte Sorge um einer Zersplitterung der Gesellschaft in Special Interest-Internet-Einzelgruppen kann doch der Vielfalt der Literatur nichts Bedrohliches sein, denn die Literatur hat längst ihren Platz im Internet gefunden und der aufgeschlossene, interessierte “Bildungsbürger” ist ebenfalls längst im Netz angekommen. Ungezählte Onlineangebote bieten individuelle und qualifizierte Auseinandersetzung mit Literatur, laden zum Mitdenken, zu Dialog und Austauschen ein. Eine wunderbare Ergänzung (!) zu den Leitmedien und ein riesiger Marktplatz für Bücher und Ideen.

Viele Literaturschaffende, insbesondere die kleineren und unabhängigen Verlage und eine junge Generation von SchrifststellerInnen engagieren sich schon mit großer Selbstverständlichkeit in “Digitalien”. Eine durchdachte, kreative Beschäftigung mit den neuen Möglichkeiten macht Sinn.

4 Gedanken zu “Digitale Literatur – Schreckensszenario oder Zukunftsmarkt?

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  2. Ja, ja, das böse Internet! – Ich kann es nicht mehr hören. Mit ihrer Ignoranz verbauen sich die dünkelhaften Abwehrstrategen die eigene Zukunft: Der Zug wird ohne sie abfahren. Selber schuld. Ist Intelligenz nicht auch neugierig zu sein? – Thea Dorn mag ihre Bücher streicheln…sie wird es nicht entdecken, wie inspirierend das Netz ist und welche wunderbaren Möglichkeiten es hat. – Außerdem geht mir folgender Diskurs, dem man regelmäßig ausgesetzt ist, wenn es um Bücher geht, auf die Nerven. Um es deutlicher zu machen, sage ich es so: Staubsaugervertreter beklagen sich auf der Bühne vor einem Publikum aus Staubsaugerkonsumenten, dass sie nicht genug Staubsauger absetzen…Ein äußerst spannendes Thema!

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