Kommt jetzt die „neue Unlesbarkeit“ (3)? Noch und noch mehr Schriftsteller antworten!

Die Deutsche Presse-Agentur hat Kurator Politycki mit den (missverständlichen) Worten zitiert, er spreche sich für eine „neue Unlesbarkeit“ der deutschen Gegenwartsliteratur aus, die nicht jeden „Tausendsassa, die jetzt auch noch ein Buch schreibt“ im Club der Schriftsteller willkommen heißt. Bereits gestern und vorgestern haben zwölf Autorinnen und Autoren zu dieser Aussage Stellung bezogen. Heute folgen sechs weitere Herren, die Damen werden aber nicht vergessen: versprochen.

Jan Drees, Autor und Journalist: Matthias Politickys Sehnsucht nach dem Kollektiven ist bemerkenswert. Doch bezweifele ich, dass sei “Forderung nach Neuer Unlesbarkeit” eine Auswirkung haben wird. Seine frühere “Forderung nach Neuer Lesbarkeit” hat schließlich auch keine Anschlusskommunikationen innerhalb des Literaturbetriebs provoziert. Niemand schreibt auf eine spezifische Art und Weise, weil der geschätzte Kollege ein Plädoyer erstellt. Die immer wiederkehrende Behauptung angeblicher Literaturkollektive (Fräuleinwunder, Institutsliteratur etc.) ist darüber hinaus ein wenig langweilig und erinnert an den halbjährlich wiederkehrenden Feuilletontext “Liebe als neues Thema in der Gegenwartsliteratur”. Im vorliegenden Fall drängt sich der Verdacht auf, der Plädierende habe festgestellt, seine Literatur sei inzwischen unlesbar und deshalb müsste sie als avantgardistisch inszeniert werden. Nice try. Außerdem ist mir nicht klar, nach welchen Kriterien Matthias Politicky die Bücher ausgewählt hat, auf die er sich fürs Pressefoto stützt. Denn es sind augenscheinlich sowohl lesbare als auch unlesbare vertreten.

Christian Kreis, Autor: Als Leser und Schreiber bin ich immer an der Lesbarkeit von Literatur interessiert. Ob jedoch ein Text lesbar für jemanden ist, hängt einerseits vom Geschmack und der Bildung des Lesers ab und andererseits vom Autor, der an den Stellschrauben Stil und Thema drehen kann, damit sein Text für lesbar gehalten wird. Ein Lyriker zum Beispiel darf damit zufrieden sein, wenn er bei den drei Lyrikern, die ihn gelesen haben, als unlesbar gilt, das ist ein Zeichen seiner Qualität. Für mich ist beispielsweise Mallarmé und Charlotte Roche gleichermaßen unlesbar. Beim ersten fehlt mir die Bildung, bei der zweiten der Geschmack. Oder war‘s umgekehrt?

Christian Bartel, Autor: Sich gegen eine „allzu glatte Lesbarkeit, die alles haben mag, bloß keinen Abgrund zwischen den Zeilen“ auszusprechen, ist eine durchaus nachvollziehbare, aber etwas wohlfeile Äußerung, die auch noch vom abgefeimtesten Literaturvermarkter abgenickt werden kann. Da wird man in Zustimmung ersaufen, fürchte ich.
Die Ankündigung dagegen, auf „Lesungen an ungewöhnlichen Orten“ zu verzichten, erfüllt mich mit tiefer Freude. Anbei eine Liste mit ausgesucht unpassenden Veranstaltungsorten, die der Autor bereits vergeblich mit Prosa zu beschallen hatte:
a) die Verkehrsinsel (zu laut)
b) das leerstehende Heizkraftwerk (mind. zwei Fußballfelder zu groß, ganz schlimmes Echo)
c) die Fußgängerzone am Samstagnachmittag (zu lebensfeindlich).

Jan Fischer, Autor: Ich habe vor ein paar Monaten eine Gruppe Abiturienten vor einer Tanzschule stehen sehen, in voller Abendgarderobe, die beobachteten, wie einer von ihnen in einen Krankenwagen verladen wurde, und gegenüber stand der stadtbekannte Bahnhofspunk, der sich eine Ente namens McNuggins als Haustier hält und brüllte irgendwas zu ihnen rüber.
Das ist eine so schöne, so klare Szene, die sich gut erzählen lässt und sich als Szene gut selbst erklärt. Aber gleichzeitig kam ich mir vor wie in einem Rätselbild wie aus einem Tom-Waits-Song, dass sich beliebig lange beliebig oft entschlüsseln lässt, in dem sich immer noch weitere Bedeutungschichten auftun, wenn es sein muss, das sich aber nie ganz lesen lässt.
Oder anders gesagt: Unlesbare Texte halte ich für unhöflich gegenüber denen, die sie ja doch lesen müssen. Lesbare Texte haben immer nur eine kurze Halbwertszeit. Ich bin für die Unlesbarkeit, die tief in die Lesbarkeit eingewoben ist, für Sätze, Figuren, Szenen, die immer wieder anders zum Klingen gebracht werden können, die sich nicht sperren, sondern,  im Gegenteil, sich ständig und andauernd öffnen: Magische Türen, die immer woanders hinführen, Sedimentschichten des Unlesbaren unter den Feldern der Lesbarkeit.

Stephan Maus, Autor: Unlesbarkeit bedeutet mir nichts. P. meint wohl einfach gute Literatur, was auch immer das jetzt schon wieder sein mag. Die kann so lesbar wie bei Chesterton oder so unlesbar wie bei A. Schmidt sein. Lesbar, unlesbar ­ das ist alles so windig, dass ich gleich schon wieder die Lust verliere, mir darüber noch weiter Gedanken zu machen.

Martin Spieß, Autor: Eine ‘neue Unlesbarkeit’ für Literatur zu fordern ist genauso sinnvoll wie die Idee, Autos ohne Lenkrad zu bauen. Ohne Lesbarkeit verliert Literatur ihren Sinn und ihre Berechtigung. Karl Eibl, emeritierter Literaturprofessor an der LMU, hat mal gesagt, Literatur sei gesellschaftliche Restebewältigung, stelle sich also nicht geführten oder unbeendeten Diskursen. Wie soll sie das bewerkstelligen, wenn der Autor sich in stilistischen Frickeleien ergeht? Literatur kann und muss Arbeit sein. Aber diese Arbeit darf sich nicht in Sprache oder Stil finden. Sie findet sich im Thema, in der Geschichte: Lässt den Leser nicht mehr los, verschreckt ihn, verändert ihn im besten Fall sogar. ‘Neue Unlesbarkeit’ machte nur eins: Die Funktionalität der Literatur zu beenden.

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