Klartext (16.11): Kathrin Schmidt

Gegenwartsliteratur in Schaukelmanie

Die Frage, ob ich reich sei, verneine ich nach wie vor, obwohl mir der 2009er Buchpreis Schmott in die Taschen gespült hat, von dem ich nicht träumte. Ich habeeinen guten Teil davon an mir nahestehende  Vereine und Organisationen gespendet, was soll ich mit viel Geld. Dennoch ist genug übrig, dass ich mir erst einmal nicht viele Sorgen machen muss. Als ich also wieder einmal eine Mail von Amazon bekam, die mir etwas Hübsches anbot, überlegte ich nicht lange. Obwohl das Hübsche eigentlich sehr hässlich ist, habe ich es mir zugelegt: Den Smoby 412005, einen Bubble Go Komfort Schaukelrutscherweiss/orange. Auch wenn meine Kinder zu  groß sind dafür, nur noch eines lebt 14jährig zu Hause. In der letzten Woche erreichte mich die Ankündigung des fünften Enkelkindes, also  werde  ich den Smoby 412005 schon wieder los. Ich bin neugierig. Ob er unter mir zusammenbricht? Egal, ich lasse es darauf ankommen. In der umgebauten Version für mehr als zwölf Monate alte Kleinkinder passe ich gerade so hinters Lenkrad. Die geänderte Perspektive lässt die Bücherregale an  den Wänden beängstigend hoch erscheinen. Ich muss den Bauch einziehen. Meine beiden Thesen kommen gerade noch so heraus:

  1. Die deutsche Gegenwartsliteratur wirftsich mit Realismus und Naturalismus mehr und mehr in einen Topf und verkocht zu einem Massenprodukt.
  2. Diesem Topf entwachsen umso trefflicher  herrliche Exemplare der deutschen Gegenwartsliteratur, die über Naturalismus und Realismus hinausgehen und zu schönster Blüte geraten.Die deutsche Gegenwartsliteratur wird immer besser.

Kann das sein? Alles ist eine Frage des Bezugsrahmens, lernten wir schon in der siebten Klasse.  Ich muss also den Bezugsrahmen bestimmen, indem ich das ausspreche. Ich sitze unterdessen im 21. Jahrhundert und auf einem Smoby 412005, während Naturalismus und Realismus Begriffe des 19. sind, streng genommen.  Um die nahezu ungeheuerlich gewordene Produktion von Literatur wahrzunehmen, muss ich nicht zur Frankfurter Buchmesse fahren. Es genügt, sich die Halbwertzeiten von Büchern in meinem Regal anzusehen, die stetig abnimmt. Wir eilen nicht mehr nur von Saison zu Saison, sondern von Woche zu Woche mit ihren Neuerscheinungen. Schon lange gibt es niemanden mehr, der alles lesen kann, was geschrieben wird. Aussagen wie die meiner Thesen können allenfalls eine Tendenz vermelden, die ich  persönlich auszumachen meine im Buchgestrüpp. Realismus und Naturalismus des 19. Jahrhunderts hatten etwas Egalitäres gegenüber zum Beispiel klassischen Ambitionen, die Kenntnis  und Vertrautheit mit Tradition voraussetzten. Wer heute zehn Jahre zur Schule gegangen ist, kann in der Regel einen Roman lesen. Das macht, dassich heutigen Schriftstellern oftmals ein Schielen auf Massengeschmack und Verkäuflichkeit unterstelle, was sich in „guter Lesbarkeit“ niederschlägt. Aber so einfach ist es nicht, ein gut lesbarer Roman ist nicht von vornherein ein schwächelnder, und beileibe nicht jeder, der zehn Jahre zur Schule gegangen ist, liest Romane.  Umgekehrt kommt es mir aber zuweilen so vor, als fühle sich jeder, der zehn Jahre zur Schule gegangen ist, berufen und befähigt, Romane zu schreiben…Aber zurück zum Bezugsrahmen – er ist ja auch deutsch und damit ziemlich zentraleuropäisch. Um etwas zur deutschen Literatur der Gegenwart auszusagen, muss sie eigentlich verglichen werden. Mit jener Literatur, die andere Regionen der Welt zum jährlichen Literaturaufkommen beisteuern. Das kann ich nicht leisten. Aber ich las in diesem Jahr zum Beispiel den hervorragenden Roman Fegefeuer der Finn-Estin Sofie Oksanen, blutjung im Verhältnis zu mir, und kann sagen, dass sich der Rahmen seiner Handlung vom Estland des vergangenen Jahrhunderts über den Fernen Osten um Wladiwostok bis ins heutige Berlin spannt. Auch viele deutsche Autoren sind mit ihren Büchern längst über alle Grenzen gegangen, wobei zunehmend sogar der Osten ins Blickfeld gerät. Das kann ich eigentlich nur gutheißen. Am liebsten verortete ich mich  also auch zentraleuropäisch deutsch mit Tentakeln in alle Richtungen, ich weiß jedoch, dass mein Lesetempo nach einem vor 9 Jahren geplatzten Hirnaneurysma nicht ausreicht dafür. (Der Smoby sieht auf einmal nicht mehr orange/weiß, sondern gelblich/grau aus. Er wechselt die Farbe wie ich die Stimmungen.)Ich bin im falschen Film, ich bin eigentlich nicht aussagefähig, ich lese naiv, gern, gründlich und hoffentlich vorurteilsfrei. Dabei setze ich mich öfter in die Nesseln, wenn mir Texte gefallen, die bei anderen, von mir geschätzten Autoren einfach durchfallen würden.

Letzte Woche saß ich noch nicht schaukelmanisch imSmoby, sondern in der Jury für den Berliner open mike. Der open mike ist als Geschäftstürenöffner gedacht für junge Autoren. Was mir auffiel: Jeder junge Autor scheint über eine ausgearbeitete Poetik zu verfügen, ist ein Vortragsgenie und versucht mitunter, aus Scheiße Bonbon zu machen mit vollendeter Performance. Zwischen der Zeit (und dem Ort, zugegeben) meines Beginns und der heutiger Autoren liegen Welten. Man ist ja schon froh, wenn einer sich in der Bescheidenheit übt, einfach seine Arbeit vorstellen zu wollen. So fertig geben sie sich, die Jungen unter uns, dass  mir schwindlig wird. Dabei waren zum Beispiel die Gedichte eines Lyrikers, las man sie, entgegen der ausgestellten Setzung mit Längsstrichen, Zeilenbrüchen, rechts und links im Blocksatz gestellten Blöcken, hintereinander weg, geradezu einfach, um nicht zu sagen schlicht. Umso größer war mein Erstaunen, dass man mir hinterher sagte, man wundere sich, dass dieser Lyriker den Lyrikpreis nicht bekommen habe. Ja, da kommt mir mein Hang zum Konservativen doch seltsam vor, ich fühle mich alt dabei und mag dennoch nicht glauben, dass ich mich grundsätzlich irre.

Solange ich im Smoby sitze, liegen die Bücher, die ich mir zuletzt gekauft habe, in Augenhöhe auf meinem Schreibtisch. Natürlich lassen sie keinerlei Tendenz zur Vollständigkeit erkennen: Schalanskys Giraffenhals, Buselmeiers Theaterroman, Lewitscharoffs Blumenberg, Ruges Familiengeschichte, aber auch Stefan Mosters „Lieben sich zwei“, dazu die Gedichtbände von Marion Poschmann oder Lutz Seiler, Kevin Vennemanns „Nahe Jedenew“ oder Nora Bossongs „Webers Protokolle“  – ich lasse sie gerne für meine zweite These sprechen. Ich gebe zu, sie meist über Amazon bestellt zu haben, gebraucht, denn Bücher sind teuer. Ja, der Bezugsrahmen meiner bescheidenen Aussagen wird auch bestimmt durch mein mangelndes Lesetempo, die Tatsache, dass ich mein Geld doch lieber zusammenhalten will, denn es hängt ein ganze Anzahl lernender und studierender Kinder daran, und das, was man „das Gespräch“ nennt. Was im Gespräch ist, wird eher gekauft als manch anderes Buch, das es nicht minder verdient hätte. Nun schäme ich mich auf einmal des Smobys, den ich mir unbedachterweise zulegte. Eigentlich hatte ich ja ein Buch bestellen wollen. Die Idee, mir auf diesem Gerutsch Gedanken zur deutschen Literatur zu machen, ist auf einmal sehr befremdlich. Und meinen Enkeln möchte es in seiner Hässlichkeit auch nicht mehr zumuten.

Eine halbe Stunde später habe ich das Ding eingestellt, auf ebay.

Und hoffe, dass mich niemand enttarnt.

Kathrin Schmidt, geboren 1958 in Gotha, arbeitete als Diplompsychologin, Redakteurin und Sozialwissenschaftlerin. Für ihre Romane und Gedichte erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Leonce-und-Lena-Preis 1993. “Die Gunnar-Lennefsen-Expedition” wurde mit dem Förderpreis des Heimito von Doderer-Preises und dem Preis des Landes Kärnten beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 1998 ausgezeichnet. Kathrin Schmidt lebt in Berlin.

Ein Gedanke zu “Klartext (16.11): Kathrin Schmidt

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