Klartext (11.11): Silke Behl

Eine Bestandsaufnahme der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Um nichts weniger geht es den Münchner Veranstaltern. 50 Autoren sind zum Literaturfest geladen. 50 von wie vielen eigentlich? Über Island wissen wir das seit der Frankfurter Buchmesse auf den Punkt genau.

Dreihundertneunundneunzig. Vor allem aber wissen es die Isländer. Ein lesendes Volk. Ein Volk, dem seit Jahrhunderten bewusst ist:  Die Literatur hebt Menschheitsgedächtnis auf. Island, das  ist allerdings auch eine Literaturgesellschaft, die erst seit Haldor Laxness darüber streitet, wie das Schreiben von der Verpflichtung auf eine Art illustrierender Geschichtsschreibung befreit werden kann, um sich der ästhetischen Moderne zu öffnen. Wir bewegen uns in umgekehrter Richtung.

Regelmäßig mahnt das Feuilleton Positionsbestimmungen an, ein Zugehen auf die großen, brennenden Fragen der Gegenwart. Die Literatur soll alles auffahren, die Politik mit anderen Mitteln fortsetzen. Fragen stellen, Antworten geben, den allseits empfundenen Mangel an politischer Kompetenz irgendwie ausgleichen. Der Lärm draußen ist kaum noch zu überbieten. Europa am Abgrund, die Welt in der Krise, das Klima im Wandel. Alles scheint in Auflösung begriffen – und die Schriftsteller sitzen ungerührt an ihren Schreibtischen? Verweigern sich der Stellungsnahme?Ein Wunder, dass sie das überhaupt noch können und die Nerven behalten. Sich nach wie vor konzentriert auf die Suche machen und die Welt anders zur Sprache bringen, als sie uns tagtäglich aus den Nachrichten entgegen springt. Dass sie den Fragen auf der Spur bleiben, woher wir kommen und wer wir sind. Und dafür sorgen, dass uns das gewohnte Hören und Sehen vergeht.

Für morgen hat Matthias Politycki die ‚Samstagnachmittagerklärungen’ von acht Autoren  angesetzt. Die zu moderieren erfordert eine andere als die übliche Vorbereitung. Es passiert nicht mehr oft, dass so viele unterschiedliche Bücher nebeneinander auf dem Schreibtisch zu liegen kommen. Das Alltagsgeschäft, der Druck, in schneller Folge Besprechungen abzuliefern, lässt das kaum noch zu. Aber gerade das Nebeneinander macht Eindruck. Es gibt Vielfalt zu entdecken in der deutschsprachigen Literatur, ausgeprägtes  Formbewusstsein und ein nicht nachlassendes Ringen um die Frage, was literarisches Sprechen ist und was es bewirken kann.

Die Autoren schreiben über den zerrütteten Zustand dieser Welt. Über Krisen und Kriege, über Familie und Geschichte, über die Zurichtung des Individuums, über alle erdenklichen Lebenslagen. Sie machen sich auf in die Fremde oder bleiben zu Hause. Für einige muss das Material erst erkaltet sein, bevor es genau in Augenschein genommen werden kann, um dann neu zur Sprache zu kommen.  Andere lösen sich ganz von  Raum und Zeit, vertrauen allein auf die grenzüberschreitende Kraft der Sprache oder nutzen das Schreiben, um die biographische Bühne leer zu fegen.

Wenn es neben dem Sprachbewusstsein überhaupt so etwas wie einen gemeinsamen Nenner gäbe, dann wäre es vielleicht die Dringlichkeit des Erzählens. Sie bleibt spürbar, greifbar hinter all den so unterschiedlichen Texturen, Themen, Tonlagen und Stoffen.  Deutungshoheit beansprucht hier niemand. Es geht um Suchbewegungen, um ein Ausprobieren, und immer auch um die Einsicht, dass der Beobachtende das Beobachtete verändert.  Ist es nicht gerade dieses Wissen, das wir brauchen, um Orientierung zu finden im heillosen Chaos? Ist es nicht gerade dieser Punkt, an dem Gestaltung auch Haltung beanspruchen darf und weit hinausweist über aktuelle Konfliktlagen?

Viele von uns haben in dieser Woche die Bilder aus London gesehen, als die National Gallery ihre Ausstellung eröffnete mit Gemälden von Leonardo da Vinci, die  buchstäblich unter die Haut gehen. Diese Art von Berührung erreicht uns auch nach 500 Jahren. Nicht nur, weil Leonardo die Anatomie des Menschen gründlich studierte und wusste, was den Körper zusammen hält. Dass diese Kunstwerke über all die Jahrhunderte zu uns sprechen, liegt vielmehr daran, dass Leonardo da Vinci die Seele offen legt und mit seiner Kunst das Objekt der Betrachtung gleichsam befreit, aus der Zeit hebt. Ein Künstler übrigens, der selbst immer als Suchender, Irrender erkennbar bleibt.

Literaten können und dürfen das bekanntlich auch. Aber wer erinnert uns daran? Die Schule nicht. Und die Universität – ich fürchte es – auch nicht. Schüler und Studenten sind seit langem darauf trainiert, die Literatur nach dem Offensichtlichen und schlank Verwertbaren zu durchforsten. Alles über den einen groben Kamm zu scheren. Die Feinheiten, das Wissen um Farbe, Textur, Form und Phantasie bleiben auf der Strecke oder einem kleinen, erlesenen Publikum vorbehalten.

Michael Krüger lobte im Umfeld der Buchmesse den einmaligen Standard der deutschen Literaturkritik, räumte jedoch auch Verfallserscheinungen ein. Eine wirkliche Lesekultur brauche neben der ‚Petersilie’ – also den Promi-Bestseller-Gewächsen und ihrer Vermarktung  – auch die ‚Hardcore-Literaturkritik’ in den Zeitungen, die das Gute vom Minderen und das Kluge vom Dummen unterscheide. Sollten die wirklich wichtigen Fragen in Zukunft tatsächlich nur noch im immer schmaler werden Literaturteil der Feuilletons zur Debatte stehen?  Auf einem akademischen Niveau, das die meisten potentiellen Leser von Literatur gar nicht mehr anspricht? Das wäre fatal. Die Literaturkritik braucht Filter im Krügerschen Sinn, keine Frage. Aber sie braucht weitere Zentren. Eine breitere Debatte, mehr Beteiligung, Sensibilisierung und auch, ja, Begeisterung.  Und die resultiert nun mal nicht aus einer ohnehin nach Anstrengung klingenden ‚Literaturvermittlung’, sondern  aus der Begegnung mit Büchern und Autoren. Eine steile These zum Schluss: Das Bedürfnis ist vorhanden und die Möglichkeiten sind es allemal.

Silke Behl, promovierte Germanistin, arbeitet als Journalistin, Moderatorin und Literaturkritikerin bei Radio Bremen.

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