Klartext (15.11): Tina Uebel

Wellnessoase Gegenwartsliteratur

Fünf Minuten, da muß ich mich schnell und intensiv aufregen, was mir nicht schwerfallen sollte, nicht nur als Schreiber und Leser, sondern auch als Literaturveranstalter, der über eine Dekade einen Literaturclub monatlich mit drei Schriftstellern bestücken mußte.

Seit Jahren überfällt mich beim Durchsehen der Frühjahrs- und Herbstprogramme eine tiefe, majestixmäßige Müdigkeit: Schon wieder alles voll von dem, was ich Eskapismusliteratur für Anspruchsvollere nenne. Sackweise Familien­generationen­­romane, und immer noch der Naziopa – respektive Stasionkel – im Keller, und immer noch eine jüdische Urgroßmutter auf dem Dachboden, und am Horizont geht unweigerlich noch irgendwo die Gustloff unter. Oder die Mauer. Oder auch beides nacheinander. All das in Zeiten, in denen ich noch nie einen lebenden Menschen traf, der sich als Teil einer generationenlangen Familiensaga begriffe, in denen wir Monaden & Nomaden kaum auch nur den Mädchennamen unserer Oma kennen, die zudem wahrscheinlich irgendwo im Altersheim einer anderen Stadt in Händen kompetenter Pflegekräfte dahinsiecht, in denen sich die Leute allenfalls fragen, ob ihr aktueller Lebensabschnittspartner lange genug bleiben wird, bis ein eventuelles Kind in die Vorschule käme. Oder doch wenigstens bis zur Zeugung.

Diese Art Generationenroman erzählt meines Erachtens von einer Lebens­wirklichkeit, deren Realität und Relevanz in einer Liga mit Hogwarts spielt – und tummelt sich bezeichnenderweise im Handel in einer Liga mit dem parallel grassierenden Fantasy-Geraffel. Ich nehme an, der Impuls des Lesers oder eher der Leserin ist derselbe, der den Großstädter die „Landlust“ abonnieren läßt – Defizitdeckung, Wellnesseskapismus, der sich vielleicht qualitativ, aber nicht ursächlich von Schwedenkrimis und Vampirschwulst unterscheidet. All das auch noch gern in einer sprachlich so sauberen und braven Narration, sie gemahnt an das Plätschern eines Fengshui-Zimmerspringbrunnens.

(Als identifikatorisch weniger abstruse Alternative existiert natürlich noch das Genre „Mittelmäßige Mittdreißiger mit Midlifecrisis beim mittelgroßen Macciato in Berlin-Mitte“, ein Sujet, das mich aber derart anödet, daß ich in Katatonie zu verfallen drohe, wenn ich nur dran denke.)

Man verstehe mich nicht falsch, es geht mir nicht darum, konkrete Romane oder Schriftsteller zu dissen, wie man unter uns Homies sagt, oder gar die literarische Auseinandersetzung mit Historie generell in Zweifel zu ziehen – und mir fallen naturgemäß auch diverse Gegenbeispiele ein, Bücher, die mich in den letzten Jahren vor Begeisterung jubilierend auf die Straße rennen ließen. Aber mich stört die mutlose Monokultur in der literarischen Landschaft, und das dominierende Pflänzchen schmeckt mir nicht.

Literatur, die dort stattfindet, wo sie mich interessiert, an der Schnittstelle von Psychologie, Philosophie, Soziologie und Politik mit der sogenannnten Seele, dort, wo eben keine Wissenschaft mehr hinkommt, sondern nur eine Kunst, die Identifikation und Empathie ermöglicht und mit Analyse und Poesie verschmilzt, in einer Sprache, die mich hinreißt, verwirrt und frappiert, scheint den Weg des Tasmanischen Beutelwolfes zu beschreiten.

Keine Ahnung, ob sie nicht geschrieben oder bloß nicht publiziert wird. Ja, gibt es denn nichts zu sagen und zu sorgen über und um die Gegenwart, die Zukunft, die Restwelt jenseits von Berlin-Mitte? Eine Anekdote meinerseits: Ich schrieb vor einiger Zeit eine Science-/Social-Fiction-Groteske, die zwanzig Jahre in der Zukunft in den USA spielt, eine überkandidelte Dystopie der Gated Communities. Keine Ahnung, ob’s nun taugt, meinem damaligen Lektor immerhin gefiel es eigentlich sehr, er mußte mir aber bedauernd mitteilen, ein deutscher Schriftsteller dürfe keinen Roman schreiben, der in Amerika spielt.

Was soll man dazu sagen? „Hase, ich sag’s dir nur ungern, aber Bram Stoker war auch kein Vampir und hat trotzdem Dracula geschrieben?“ Und stand das in diesem Wortlaut eigentlich auf Moses’ Tafeln? Oder hieß es gar „Du sollst keine Chuzpe zeigen“?

Dann ist es vielleicht kein Wunder, daß mir allüberall Literatur entgegentritt, die am knisternden Kaminfeuer in einem großen Ledersessel gelesen werden sollte. Bloß, daß mir noch nie ein echter Mensch begegnet ist, der tatsächlich einen Kamin sein eigen nennt.

Tina Uebel, geboren 1969 in Hamburg, ist Autorin, freie Journalistin und Literaturveranstalterin.

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