Klartext (11.11): Michael Lentz

Die gegenwärtige Literatur ist das Resultat der Gegenwart und vorgängiger Literatur. Jede Literatur schreibt für die Antike, weil sie Antike werden wird. Es gibt keine Meisterwerke mehr, da das Große stets schon da ist, indem in seinem Namen das Gegenwärtige abgewertet wird. Das Große ist immer das Vergangene, entschärft und homogenisiert, das Gegenwärtige kann ebenso wenig groß sein, wie Größe eine Kategorie des Gegenwärtigen sein kann. So empfand es schon Nietzsche für seine Zeit. Letztmals groß waren Céline und Beckett. Beckett war allerdings zu bescheiden für seine Größe. Herta Müller ist sehr groß trotz ihrer Größe.

Der Heroismus des Großen ist ein Anachronismus, eine kurze Erinnerung im rhizomatischen Meer des herrschenden Allgemeinen. Mit Macht drängt die Kritik die Indifferenz der Literatur zur Macht, indem sie sich für die eine Seite der Differenz entscheidet. Sie entscheidet sich für das Indifferente. Wer so denkt, leidet unter Verfolgungswahn. Die Kritik drängt ihre eigene Differenz zur Macht, sonst nichts. So dass sehr viele Leser vermeintlich ein Buch gelesen haben, tatsächlich aber nur eine Kritik dieses Buches, an die sie sich partikelweise als Buch erinnern.Die gegenwärtige Literatur ist die beste aller möglichen gegenwärtigen Literaturen.

Die Autoren gegenwärtiger Literatur wollen das Gute in antizipierender, das Beste aber in Folge-Weise. Ihre veröffentlichten Bücher und unveröffentlichten Manuskripte haben nicht anders zustande kommen können, als sie zustande gekommen sind. Der Autor versucht stets das Beste. Schriebe er nicht stets das beste aller seiner möglichen Bücher, er würde überhaupt keins schreiben. Etwas anderes anzunehmen, entbehrt der Plausibilität und Notwendigkeit. Über die Verbesserung eines Buches unter anderen Entstehungsbedingungen nachzudenken, setzt voraus, dass dieses Buch unter anderen Bedingungen überhaupt hätte entstehen können. Das gilt es zu bezweifeln. Ein Buch wächst aus einer spezifischen Lebenssituation heraus, es ist mit dieser Lebenssituation eigentümlich verklebt. Selbst wenn es auf dem Mond geschrieben würde. Das Buch ist das Krisenmanagement dieser Lebenssituation, indem es den Autor vom Leben außerhalb des Buches abgehalten hat. Folglich hat die Gesellschaft genau die Literatur, die ihr gemäß ist, es sei denn, man setzt voraus, dass ein Autor nicht zur Gesellschaft gehört – sondern zu einer anderen. Hier wäre in Anschlag zu bringen, was Leibniz über die Welt sagt: „’Welt’ nenne ich (…) die ganze Folge und das ganze Beieinander aller bestehenden Dinge, damit man nicht sagen kann, mehrere Welten könnten zu verschiedener Zeit und an verschiedenen Orten bestehen.“

Welche Art von Literatur fehlt denn? Die politische, die moralische, die ökologische, die visionäre, die gesellschaftsrelevante, die zeitkritische, die staatsdenkende, die weltliterarische, die neue, die so neu ist, dass keine neuere ihr mehr wird folgen können…? Wir kennen die meisten Bücher doch gar nicht. Es müsste Ende des kommenden Jahres ein Kongress einberufen werden zu allen Büchern, die dieses Jahr erschienen oder nicht erschienen, aber geschrieben worden sind. Jeder wird ungefähr 100 Bücher lesen müssen, auch die Autoren. Folglich werden 2012 keine neuen Bücher geschrieben werden können. Eine unvorstellbare Wohltat. Man wird zu dem Ergebnis kommen, dass jedwede Spielform von Literatur in Deutschland im Jahre 2011 bedient worden ist. Man wird vielleicht zu dem Ergebnis kommen, dass das Buch Sand von Wolfgang Herrndorf das aufregendste und wagemutigste Buch des Jahres 2011 gewesen ist. Überhaupt der Wagemut. Möglicherweise wird sich auf diesem Kongress von der Größe ganz Münchens, was sage ich, ganz Deutschlands, herausstellen, dass die Feststellung, „Der Fehler liegt im Nicht-Tun und in dem Kleinmut, der nichts wagte“, zwar aus Ezra Pounds Pisaner Cantos stammt, aber auf die deutsche Literatur des Jahres 2011 nicht zutrifft.

Es fehlt also nichts. Warum dann eine künstliche Befruchtung? Eine künstliche Befruchtung fruchtet hier nicht. Welche gesellschaftliche Instanz sollte eine andere Literatur in Auftrag geben? Die Bundesregierung? Die Kritiker? Die Kritiker sollen sich ihre Literatur selbst schreiben. Ob die derzeitige Bundesregierung lesen kann, ist nicht sicher. Selbst in Diktaturen konnte und kann Auftragskunst nur ansatzweise verordnet werden. Braune Tonkunst als Resultat eines Wettbewerbes unter Maßgabe ‚deutscher’ Kriterien war zuweilen dermaßen peinlich, dass der Wettbewerb von den Kunstrichtern der Macht still und heimlich annulliert worden ist. Nicht umsonst empfahl Georg Lukács, den Kanon einer zukünftigen sozialistisch-realistischen Literatur mit einem bürgerlichen Erbe zu grundieren, zu dem neben der Konstruktion eines vorbildlichen, da gesellschaftsrelevant adaptierbaren „mittleren Helden“, wie er ihn in den Romanen von Walter Scott vorfand, auch Goethe und Thomas Mann gehörten.

Mindestens die Hälfte der heute als herausragend gehandelten Autoren wird in der Antike der Zukunft vergessen sein. Das Dekor der Hochdekorierten unter ihnen verstellt immerhin heute bereits den Blick auf ihre Literatur. Von den nicht als herausragend gehandelten Autoren werden in der Antike der Zukunft mindestens achtundneunzig Prozent vergessen sein. Man muss also dafür Sorge tragen, zu den Hochdekorierten zu zählen, es sei denn, man fürchtet sich vor der Unsterblichkeit wie die Unsterblichen in Arno Schmidts Erzählung Tina oder Über die Unsterblichkeit. Aus der Hölle der Unsterblichkeit entlassen wird nur der, dessen Name eine Zeit lang nirgends mehr Erwähnung findet, auf dem Papier nicht, aus einem Munde nicht. Wie vermeide ich Unsterblichkeit? Gegen Ende seiner Erzählung gibt Arno Schmidt folgende Ratschläge: „Aufs Dorf ziehen. Doof sein. Rammeln. Maul halten. Kirche gehen. Wenn n großer Mann in der Nähe auftaucht, in n Stall verschwinden: dahin kommt er kaum nach!“ Da von den Heutigen niemand außer Martin Walser unsterblich werden wird, muss nur Martin Walser aufs Dorf ziehen undsoweiter. Die unsterbliche Rede des Jahres 2011 wurde am 29. Mai in der Berliner Akademie der Künste gehalten. Eugen Ruge sprach über sich und Alfred Döblin, den er ohrenscheinlich kaum gelesen hatte. Er nahm sich und den Anwesenden dreißig Minuten Zeit, aufreizend langsam nichts zu sagen. Was denn auch?

Das moralisch Böse wollen die Autoren gegenwärtiger Literatur nicht, wenigstens nicht unbedingt. Warum eigentlich nicht?

Michael Lentz, 1964 in Düren geboren, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Aachen und München, 1998 promovierte er mit einer Arbeit über Lautpoesie und -musik nach 1945. 2001 erhielt Lentz den Ingeborg-Bachmann-Preis.

2 Gedanken zu “Klartext (11.11): Michael Lentz

  1. Pingback: Endlich wurde Klartext geredet! | fabmuc

  2. Hinweis: Lautréamont Les chants de Maldoror 1988 bei Rowohlt auf Deutsch erschienen

    Maldoror, der Einsame , der das Böse, den Hass auf die Menschen, die Lust an ihrer Folterung, Tötung, Zerstörung in immer neuen kreisenden Variationen hymnisch besingt.
    Wirklich harter Tobak, aber durch die Sprachmusik so schön, so klangvoll, dass man fast mehr durch die Schönheit als durch das Böse getroffen wird.

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