Klartext (11.11): Jörg Magenau

Leser sind immer unterwegs. Lesen ist eine Art, sich durch die Welt zu bewegen. Es setzt die Bereitschaft voraus, sich auf andere Denk- und Empfindungsweisen einzulassen, sich anderen Erfahrungen zu öffnen, die eigene Lebenswirklichkeit zu relativieren. Das Lesen ist dem Reisen verwandt; Literatur ist ja eine Art Reise in fremde Köpfe, eine Methode der Welterkundung oder des Zusammenbuchstabierens von Wirklichkeit im Raum der Fiktion. Wer nicht liest, weiß und ahnt nichts. Er weiß vor allem nichts von anderen Menschen. Das ist der Grund, weshalb Literatur in Diktaturen als Bedrohung wahrgenommen wird. Leser können keine Fundamentalisten sein. Leser wollen die Totalität der Lesevielfalt, aber sie sind zwangsläufig antitotalitär.

Und doch ist Literatur hierzulande ein gesellschaftliches Minderheitenprogramm. Politik, Wirtschaft, Sport: Darauf kommt es an. Auf Dinge also, die mit harten Fakten zu tun haben. Zu den Fakten gehört all das, was quantifizierbar ist und sich in Umfragewerten, Börsenkursen, Bilanzen oder Spiel-Ergebnissen ausdrücken lässt. Allerdings lernen wir zurzeit, auch den Zahlen zu misstrauen und sie als fiktive Größen wahrzunehmen. Milliarden können verschwinden, Bilanzen zusammenbrechen, Spielergebnisse manipuliert sein. Das Fiktive ist auf dem Vormarsch und in den Bereich der Fakten eingedrungen. Das ist es, was wir derzeit ,,Krise” nennen, weil es ein Gefühl der Verunsicherung auslöst – vor allem bei denen, die es nicht gewohnt sind, mit Fiktionen umzugehen. Die Wirklichkeit wird literarischer. Sie wird geradezu phantastisch. Also reicher. Man könnte das, anstatt von ,,Krise” zu sprechen, auch als Gewinn verbuchen.

Die ,,Krise“ ist ein Moment der Entscheidung, in der etwas schwach gewordenes Altes durch etwas Neues übenvunden wird. Das Alte ist in diesem Fall eine Gesellschaft, die so durchdrungen ist von der Bedeutung des Faktischen, dass für das Fiktive – oder nehmen wir ein anderes Wort: für das Mögliche – keine Aufmerksamkeit übrig bleibt. Deshalb ist die Tagesschau gefüllt mit langweiligen Beiträgen über Parteipolitik, Koalitionsausschüsse, Tarifverhandlungen und Krisensitzungen, garniert mit ein paar handfesten Naturkatastrophen. Dass es sich dabei um eine Abbildung von ,,Realität” handelt, ist eher unwahrscheinlich. Aber es ist das, was wir uns als Wirklichkeit zu betrachten angewöhnt haben. Schließlich sind wir am Ende selbst dafür verantwortlich, was wir uns als Realität vorsetzen lassen.

Literatur schafft eine andere Wirklichkeit: eine Wirklichkeit im Konjunktiv. Jeder Roman ist ein Entwurf: So könnte es (gewesen) sein. Damit öffnet sich hinter den Fakten in Raum und Zeit eine vierte Dimension, eine Tiefenschicht der Erfahrungen, die der äußeren Welt hinzugefügt werden darf. Dieser Raum der Möglichkeiten, der Sichtweisen, der Subjektivität, ist in jedem Augenblick der Geschichte unendlich viel größer als das Feld der tatsächlichen Ereignisse. Die Armut der Medienöffentlichkeit besteht darin, dass sie diesen Möglichkeitsraum ignoriert.

Dass die Welt nicht so sein muss wie sie ist, sondern auch ganz anders sein könnte, erfährt man nicht in der Tagesschau, sondern in Romanen. Sie vermitteln, was es bedeutet, in einer bestimmten Epoche oder Weltgegend zu leben. Weltatlas und Geschichtsbild entstehen und verändern sich auf diese Weise. Geschichte ist das, was gewesen ist; Poesie ist, wie es hätte sein können. Geschichte ohne Poesie bleibt flach und leblos. Oder, um es mit Ernst Bloch zu sagen: „Was nicht geschehen ist, müssen wir überliefern.“

Wenn ich von Literatur als einem Möglichkeitsraum der Realität spreche, dann meine ich gar nicht so sehr die utopischen Partikel, die darin stecken, dass eben auch das Versäumte, Unentwickelte, Verworfene, Verpasste, Übersehene, Unterschätzte, Missachtete zur Sprache kommen kann. Dass Literatur das Erwünschte, Erhoffte, Herbeigesehnte als Wirklichkeit behaupten kann. Vielmehr enthält die Fiktion schon vor allen konkreten Erzählstoffen ein utopisches Potential. Wirklichkeit verändert sich schon dadurch, dass sie erzählt wird. Fakten sind dann nicht mehr nur Fakten, sondern mehr als das: Möglichkeiten. Das gilt auch für den lückenlos durchrecherchierten Dokumentarroman und das autobiografische Erzählen, das allerdingsfürmeinenGeschmack allzu sehr zugenommen hat – als würden auch die Autoren der Fiktion misstrauen.

Jede Erzählung entfaltet eine eigene Welt, ein eigenes lnnenleben, eine eigene Perspektive. Sich lesend darauf einzulassen heißt immer auch zu staunen über die besondere Art und Weise, in der Welt zu sein, die darin zum Ausdruck kommt. Dieses Staunen ist das literarische Elementarereignis. Das ist eine Größe, die nicht quantifizierbar ist. Aber doch ein Faktum, mit dem zu rechnen ist.

Jörg Magenau studierte Philosophie und Germanistik. 1990 gehörte er zu den Gründern der Wochenzeitung der Freitag, deren Literaturredakteur er bis 1996 war. Nach einer Zwischenstation bei der Wochenpost wechselte er 1997 zur taz. Von 1999 bis 2002 schrieb er vor allem für der „Berliner Seiten“ der FAZ. Seither ist er freier Autor, unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, Deutschlandradio Kultur, taz und den Tagesspiegel. Von 2002 bis 2008 war er Kolumnist und redaktioneller Mitarbeiter der Zeitschrift Das Magazin, 2009 Redakteur der Literaturzeitschrift Literaturen.

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