Klartext (11.11): Bernhard Landkammer

Wie das Ich hinter dem Ich verschwindet – Scheinbare feste Identitäten in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur

Wovon spricht man eigentlich, wenn der Begriff „Gegenwartsliteratur“ ins Spiel kommt? Verstehen wir doch heute einmal darunter, ganz im Sinne dieser Veranstaltung, Literatur, die wirklich „gegenwärtig“ stattfindet und vornehmlich heute noch lebenden Autoren mit einschließt. Bedenkt man nun, dass eine Literatur immer auch in enger Verbindung mit den zeitlichen und den gesellschaftlichen Umständen steht, in welcher sie verfasst wird, befinden wir uns scheinbar in einer schizophrenen, von Unsicherheit geprägten sowie selbst-darstellerischen Zeit.

Literaturwissenschaftlich stellt sich mir persönlich bei der Lektüre von „gegenwärtigen“ Romanen in letzter Zeit häufig eine natürlich nicht ganz neue Frage: Wer spricht da eigentlich? Welche Stimme vernehmen wir, wenn wir einen Gegenwarts-Roman lesen? Und gibt es einen Grund, wieso ich so häufig an diesen Aspekt denken muss? Gibt es so etwas wie eine auffällige, häufig wiederkehrende Erzählstrategie, die mir hier ins Auge sticht? Ich denke schon.Wer ist es denn, der in „der“ Gegenwartsliteratur erzählt? Wie Maxim Biller in einem vor kurzem in der Frankfurter Sonntagszeitung veröffentlichen Artikel schreibt, ist überraschend oft eine Rückkehr zum „Ich“ auszumachen. Auch wenn hiermit nun keine Rückkehr zu einem starken Autorbegriff festzustellen ist, so spielen, nach Biller, zumindest die biographischen Erlebnisse der Autoren und Autorinnen notwendigerweise eine starke Rolle hinsichtlich der Produktion sowie der Rezeption.

Zu einem gewissen Grad ist dies sicherlich richtig. Das häufige Auftreten vieler Autoren auf Lesungen, die vielen biographischen Details, welche der Allgemeinheit bekannt sind und auch in aktuellen Interviews nachgelesen werden können, sowie die manchmal beinahe Popstar ähnliche Stellung und Selbstinszenierung mancher Autoren lassen diese Schlussfolgerung nachvollziehbar erscheinen, und viele Autoren kokettieren in der Öffentlichkeit mit dieser Verbindung von Person und Werk.

Doch gerade in dieser Selbstdarstellung und dieser Erzählform scheint sich mir eine Tendenz in der neuesten Literatur zu zeigen, diesen Erfahrungsschatz und dieses „Ich“, sei es bewusst oder unbewusst, zu verzerren. Wenn nun zum Beispiel in „Schwindel.Gefühle“ von W.G. Sebald Passfotos des Autors auftauchen, ist man versucht die Erzählerfigur mit dem Verfasser gleichzusetzen – gleichzeitig ist man sich dieses „Tricks“ natürlich bewusst. Wenn im, zugegeben schon älteren, Roman „Die Forschungsreise“ von Urs Widmer der Name des Autors am Rand einer wahnwitzigen, träumerischen Geschichte fällt, fragt man sich, was diese Selbst-Einschreibeung und teilweise auch Selbst-Erschreibung bewirkt. Wenn nun schließlich in „Sämmtliche Gedichte“ von Dietmar Dath eine Figur mit dem Namen „Dietmar Dath“ eine tragende Rolle spielt, die in dieser Form wenig bis gar nichts mit dem was man über diesen Autor zu wissen glaubt zu tun hat, wird, so glaube ich eine Tendenz erkennbar.

Die Erzählposition in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur mag häufig ein starkes Ich sein, und häufig in enger Verbindung mit dem Autor oder der Autorin stehen – doch mir kommt es so vor, dass dies lediglich ein Spiel mit den Erwartungen des Rezipienten ist und für eine beeindruckende Selbstreflexivität der Literatur steht. Der Autor wird hierin nicht bestärkt, sondern gerade in seiner expliziten Stellung im großen Verweis-Spielbrett vollständig ausradiert. Das so betriebene Verwirrspiel suggeriert ein tatsächliches Ich, welches eigentlich nur eine Form des abstrakten „Ich“ ist, und somit nur scheinbar als Eindeutigkeit im Kopf des Rezipienten exisitert. Durch diese suggerierte feste Identität kommt eine Form von Beruhigung in die Lektüre – die Welt da draußen ist doch kompliziert genug, es gibt nichts festes mehr, und nun hat man immerhin in der Kunst etwas, woran man sich festhalten kann. Tatsächlich aber waren die Erzählpositionen noch nie so verschwommen und die Stimmen noch nie so undeutlich, wie sie es in dieser scheinbaren Festigkeit sind.

Die Frage, die sich mir anhand der verworrenen Erzzählsituationen stellt ist nun also: Kommentiert die Gegenwartsliteratur durch ihre permanente subtile Selbsthinterfragung die Lesegewohnheiten und Grundstrukturen ihrer Gesellschaft? Ist das Interesse alles genau zu wissen, der Drang nach Glaubwürdigkeit und Identität so groß? Wozu ließt man einen Roman heute: um Literatur zu lesen, oder eine realistische, am besten sogar biographische Geschichte? Will man, um ein Beispiel zu nennen, in Friederike Mayröckers „Paloma“, welches durch 99 Briefe strukturiert ist, tatsächliche die echten Briefe der Autorin lesen, oder sich dem literarischen Text in Form von Briefen zuwenden?

Diese Gedanken führen nun also zu meinen eingangs genannten Kriterien hinsichtlich der Gegenwartsliteratur und der gegenwärtigen Gesellschaft zurück. Letztere ist scheinbar von Unsicherheit geprägt und sucht nach festen Identitäten in einer häufig nur noch verweisenden Welt. Diese Konkretheit bietet sich nun scheinbar in der Literatur – diese ist nun aber in ihrer gleichzeitigen Bedienung und Hinterfragung dieser Forderung in einer Art schizophrenen Selbstdarstellung verhaftet.

Vielleicht leben wir, um auf Maxim Biller zurückzukommen, in einer Art „Ichzeit“. Allerdings nur in dem Sinn, dass jeder versucht ein Ich zu finden, um schlussendlich nur ein Ich zu erfinden, dadurch mehrere Ichs zu erfinden und schließlich vollständig unter einem Ich-Berg zu verschwinden.

Bernhard Landkammer studiert in München Neuere deutsche Literatur auf Magister, und hat dieses Jahr im Mai an der Washington University in St. Louis seinen Master in Germanic Languages & Literatures gemacht.

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