Klartext (11.11): Alex Dreppec

Wohin entwickelt sich die Literatur? So fragt man. Das ist eine große, große Frage. Wohin entwickelt sich das Universum? „Es dehnt sich aus“ ist hier eine Antwort, aber vielleicht können sich auch Fragen ausdehnen.

Sicher, manches Allgemeine lässt sich sagen. Alle Künste haben sich, in unterschiedlichem Ausmaß, mit den Folgen des Internets auseinanderzusetzen, das neue Möglichkeiten sowie neue Gefahren mit sich bringt – so klar dieser Umstand mittlerweile jedem geworden sein dürf­te, so sehr befinden wir uns doch auch noch inmitten der dadurch angestoßenen Ent­wick­lungen – als Stichworte seien „Urheberrecht“ und „Piratenpartei“ genannt.Weiter lässt sich allgemein sagen, dass die zunehmende Filialisierung der Buchhandlungen die Vielfalt des Literaturangebots dramatisch einschränkt, eine Entwicklung, die besonders die Lyrik trifft. Der Masse wird nicht mit Vielfalt begegnet. Auch dieser Umstand dürfte hinreichend bekannt sein, sollte deshalb jedoch keinesfalls in den Hintergrund geraten.

Wohin entwickelt sich die Literatur? Wird die Frage inhaltlich ausgelegt oder bezieht sie sich auf das literarische Handwerk, auf die Stilmittel, die Zugänglichkeit oder Nichtzugänglichkeit und dergleichen, wird sie noch größer.

Könnte jemand mit gleicher Ernsthaftigkeit fragen: wohin entwickelt sich die Musik?

Man könnte es ihm nicht verbieten, würde sich aber wundern – über die Größe und Breite einer solchen Frage, würde den Fragenden vielleicht für etwas naiv halten oder für ver­messen. Zu vielfältig ist „die Musik“ – und jeder weiß und akzeptiert das.

Im Bereich der Literatur aber verwundert eine solche Frage weniger. Hier wird versucht, allgemein gültige Linien auszumachen. Manchmal, so wie hier, eher aus Lust am Debattieren, manchmal aber aus dem ernst gemeinten Versuch heraus, zu bestim­men, was man heutzutage als Wortkünstler zu tun oder zu lassen habe, um bestimmte Güte­siegel zu erlangen. Schnell erhält also eine Frage wie die zu Beginn gestellte einen nor­ma­tiv-vorschrei­ben­den anstelle eines nur deskriptiv-beschreibenden Charakter.

Gleiches traut sich in der Musik schon lange niemand mehr. Was macht den Unterschied aus?

In der Musik ist das Publikum in aller Regel mächtiger. Es hat die Gütesiegel zumindest zum Teil in der Hand, und das sicherlich nicht immer zugunsten künstlerischer Qualität. Darin liegt genauso wenig ein Glücksversprechen wie in der Definitionsmacht kleiner Zirkel.

Aber es finden viele Musikrichtungen ein Publikum, und oft geht der Weg der Hörerin und Hörer von der ersten Begeisterung für sehr Populäres, trotz der großen Trampelpfade, hin zu Versteck­te­rem, Speziellerem.

Ich wünsche mir auch in der Literatur mehr Verständnis für den Wert der Vielfältigkeit und mehr Kol­le­gialität über Unterschiede hinweg. Ich hoffe, dass die Allein­ver­tretungsansprüche à la „nur das und das ist zeitgenössische Lyrik/Literatur“ weiter ins Hin­ter­treffen geraten.

Alex Dreppec *1968 in Jugenheim (Bergstraße). Promovierter Psychologe, Promotionsstipendiat des Landes Hessen, Erfinder einer Salatsoße: Erdnussbutter warm machen und mit warmem Wasser und Joghurt mischen, Salz, Pfeffer, Zitrone oder heller Essig, etwas Zucker oder Akazienhonig, Koriander (frisch und klein gehackt oder gemahlen). Nach Geschmack etwas (Frühlings-) Zwiebel, Knoblauch passt nicht dazu.

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