Endlich wurde Klartext geredet!

Die Uni, Viertel vor vier. In Raum F107 ist ein großzügiges Podium aufgebaut, die Stühle mit 70 120 Besuchern bereits voll besetzt. 50 Menschen stehen vor der Tür und wollen noch hinein, doch ein Hüne in Loden verwehrt ihnen den Weg: aus Feuerschutzgründen. F107 ist kein Hörsaal, nur ein großer Seminarraum. Mehr wollte oder konnte die Uni nicht zur Verfügung stellen.
Als die acht Diskutanten – darunter Kurator Politycki, die Schriftsteller Michael Lentz und Katja Lange-Müller – sich durch den Pfropf der Wartenden gedrückt haben, fallen die Türen hinter ihnen ins Schloss.
Und während drinnen Politycki die Regeln der Diskussionsrunde zu erklären beginnt, werden draußen silberhaarige Gasthörer aggressiv, die für ihr sit-in mit Schriftstellers eine wertvolle Stunde ihrer Tagesfreizeit abgeknapst haben.
Draußen wogt jetzt der Diskurs. Drinnen bekommt man davon nichts mit.
Man hat Zeit, die Riege der Charakterköpfe zu studieren: Von Julia Westlakes dynamischer Haar-Brillen-Kombi links außen über Lydia Dahers trotzig-schöne Mädchenphysiognomie und Michael Lentz‘ Glühbirnengesicht, aus der die Ohren scharf herausragen, bis zu F.W. Bernsteins nobel zerknautschter Altherrenmiene.
Dann, plötzlich, Anspannung in den Reihen: Kurator Politycki schweigt und fischt den ersten Zettel aus der beklebten Blumenvase, die als Lostopf dient; unwillkürlich zucken alle Hände zu den Taschen und Tischen, wo die säuberlich ausgeschriebenen Statements aufbewahrt werden.
Eröffnen darf Katja Lange-Müller, die eine scharfe Anti-Familienroman-Tirade mitgebracht hat und ‚Genre‘ in (einem längst ausgestorben geglaubten) Berlinerisch als ‚Schangre‘ ausspricht. Sie wünscht sich wieder mehr plebejische Un-Bürgerlichkeit in der deutschen Literatur. Dann sekundiert F. W. Bernstein mit drei Gedichten aus eigener Feder, die den Sinnverlust feiern, bevor sich der Grande wieder darauf besinnt, die übrigen Diskussionsteilnehmer in sein Notizbuch zu zeichnen.
Sofort ergreift Literaturkritiker Jörg Magenau Lange-Müllers Hand (freilich nur metaphorisch), um zu beklagten, die jungen Schriftsteller bedienten sich bei den Geschichten ihrer Großeltern, weil sie selbst nichts mehr zu erzählen hätten; Norbert Gstrein – der als Schriftstellerphilosoph die durchdachtesten aller Beiträge liefern wird – mutmaßt, der Familienroman sei lediglich ‚Eskapismus in der Form‘ und setzt dann zur These an, der traditionell erzählte, lineare Roman und seine literarischen Mittel perpetuierten eine falsche Sicherheit in der räumlichen und zeitlichen Wahrnehmung, die in der späten Moderne nicht mehr haltbar sei. Stattdessen spricht sich Gstrein mit einem ‚real realism‘ für einen neuen Realismusbegriff und den Versuch aus, mit literarischen Mitteln so viel Information wie möglich in einen Augenblick zu pressen: eine aufregende Forderung, die leider der theoretische Höhepunkt der Abends bleibt.
Bas Böttcher nimmt den Faden auf, um für die Bühnendichtung als ‚realste‘ Form der literarischen Kommunikation zu werben, die in der Echtzeitkommunikation so viel verdichtete Erfahrung wie möglich in einen Augenblick verpacke; einzig Lydia Daher verweigert sich effektvoll dem ganzen akademischen Diskursgeschehen und beharrt trotzig auf einen empathisch-emphatischen Zugang zur Literatur. Norbert Gstrein am entgegengesetzten Ende des Podiums wirft sie damit durch die Blume vor, sich lediglich als ‚erhaben‘ stilisieren zu wollen. Dahers Klage, die Autorinnen und Autoren in Deutschland hätten es ohnehin schon schwer genug und sollten zusammenhalten, wird besonders von Seiten des studentischen Publikums mit spontanem Applaus bedacht.
Nebenan wird Böttcher langweilig, der auf sein Handy einzutippen beginnt, bis endlich Michael Lentz aus dem Hut (meint: Vase) gezogen wird und in typischem Stakkato ein wortmächtiges Statement verliest, das in der überraschenden (und erfreulich kontroversen) Frage auslautet – unterbrochen nur von Polityckis Klingeln, der Zeitüberschreitung anmahnt –, ob das ‘reine Böse’ in der Literatur darstellbar sei.
Und wenn ja, wer diese Aufgabe endlich auf sich nehme (oder nähme, je nachdem). Eine Frage, die die meisten Diskutanten und Zuhörer – auch aus Zeitgründen – unbeantwortet mit nach Hause nehmen mussten.

fabMUC sagt: Nach dem langsamen Auftakt am Donnerstag war die erste Klartext-Debatte der eigentliche Startschuss des Literaturfests, der nicht nur vor, sondern auch hinter den Türen der Münchner Hörsäle für deutliche Worte sorgte.

Michael Lentz macht sich über Martin Walser lustig; daneben: Bas Böttcher.
Fotos: Juliana Krohn

8 Gedanken zu “Endlich wurde Klartext geredet!

  1. Freue mich schon sehr auf die heutige Debatte – also die IM Raum und nicht die VORM Raum. Am Freitag waren es übrigens 120 Stühle (nicht 70, lieber Chronist) und heute sind es noch ein paar mehr. Harte Zeiten an der LMU mit dem Ansturm des doppelten Abi-Jahrgangs. Bitte weiterhin so zahlreich erscheinen!

  2. Pingback: fabMUC: 6. Zwischenstandsmeldung | Lino Wirag

  3. Ich frage mich die ganze Zeit: Was macht diese Dame (die mit dem roten Schal) am unteren Bildrand? Liest sie in einem unsichtbaren Buch? (Ist die Gier nach Büchern schon so groß?!) Oder guckt die nur, ob sie sich die Hände ordentlich gewaschen hat? Ein Dank also nicht nur an den Autor, sondern auch an den Fotografen/die Fotografin(?): sehr schöner Blick für den merkwürdigen Moment!

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