Klartext (11.11): Bas Böttcher

Direkte Dichtung

Enthüllungen werden verpackt und veröffentlicht. Selbst die Verpackungen werden enthüllt, verpackt und veröffentlicht. – Es ist ja alles schon öffentlich. Da stellt sich die Frage: Was bedeuten die Begriffe VÖ und Publikation überhaupt?

Der Begriff der Publikation im alten Sinne muss neu verhandelt werden. Um in der Flut der Veröffentlichungen bestehen zu können, muss eine literarische Veröffentlichung stilistisch und medial inszeniert werden. Der Rahmen muss her, der Knalleffekt, die Limitierung.Der Begriff Publikation meint heute eigentlich Inszenierung: VÖ-Termine werden künstlich zugespitzt, Buchbesprechungen zeitlich konzertiert, Prominente als Autoren inszeniert und Skandale lanciert. Dass Buchverlage, Zeitungsverlage und Fernsehanstalten teilweise unter dem Dach desselben Medienkonzerns wirken, verstärkt diese Art des Cross-Marketing. Management-Kunst gleich Kunst-Management.

Bühnenliteratur und Slam Poesie sind auch inszenierte Literatur. Die Darbietung liegt in der Natur des Genres. Slam Poesie wird für die Bühne geschrieben und ist gezielt an das Publikum gerichtet. Als Bühnendichter betrachte ich die Inszenierung des Wortes als Teil der Kunst. Lyrische Form, mediales Format und inhaltliche Formulierung bilden eine Einheit. Der Rezipient ist sich dieser Inszenierung bewusst.

Dass aber auch jede andere Buchveröffentlichung eine Form von Inszenierung ist, wird oft übersehen und teilweise gern verschleiert. Verlage, Journale und Feuilletons bilden die Bühne, so wie Tucholskys Weltbühne sich als Zeitschrift und gleichermaßen als Bühne verstand. (Auf der die Redakteure als Protagonisten in verschiedenen Rollen auftraten.)

Auf meinen Tourneen habe ich die Bühne als Ort der Inszenierung zu schätzen gelernt. Ich liebe ihre Janusköpfigkeit vor und hinter den Kulissen. Auch die Mechanik der Attrappen, Scheinwerfer, Lautsprecher und Masken ist gleichermaßen faszinierend und desillusionierend. Die Mechanik der Hinterbühne (vgl. Erving Goffman) ist eine Erscheinungs-Maschine. Sie wirkt durch das Verstecken und das Verbergen. Innerhalb eines Zeit- und Guckfensters wird der Ablauf von Bildern, Worten und Handlungen kunstvoll inszeniert.

In einer Welt der theoretisch unbegrenzten Verfügbarkeit von Information und Inhalten stecken Verlage nun in einer Zwickmühle: Sie müssen in Ihrer Funktion als Bühne einerseits zeigen, ermöglichen und vermitteln aber andererseits verbergen, verhindern und verschließen. 100% Verlag gleich 80% Jura und 20% Lektorat. Die Eingeschränktheit der Bühne soll gewahrt bleiben, um den Effekt der Inszenierung aufrechtzuerhalten.

Vertreter der direkten Dichtung (Bühnenliteratur, Slam Poesie) dagegen müssen sich über Kopierschutz weniger Gedanken machen, denn für sie ist die Idealform eines Gedichtes ist die unkopierbare, zeitlich inszenierte und rhythmisch arrangierte Schallwelle zwischen Mund und Ohr.

Bas Böttcher, geboren 1974 in Bremen, studierte Mediengestaltung in Weimar und lebt in Berlin. 1997 gewann er den 3. Internationalen Poetry Slam in Amsterdam. 2000 war er Stipendiat des Literarischen Colloquiums in Berlin, 2005 “Ecrivain en residence” an der Sorbonne Nouvelle, Paris.

Ein Gedanke zu “Klartext (11.11): Bas Böttcher

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