Klartext (11.11): Norbert Gstrein

Hat der Roman seine Zeit?

D e r Gemeinplatz über die Wirklichkeit, zumal über die moderne Wirklichkeit, ist, sie werde zunehmend komplexer, was auch immer genau das heißt; für den Augenblick: weniger verstehbar.

Gleichzeitig kann man zum Befund kommen, viele Romane in und aus unserer Mitte, wenigstens jene, die gekauft und vielleicht auch gelesen werden, zielen in die andere Richtung, sind zusehends weniger kopmplex, also auch verstehbarer. Das ist kein Schaden, wenn man nicht gleichzeitig den Anspruch erhebt, das, was seit geraumer Zeit als Realismus und realistisches Erzählen gefeiert wird, für genau das halten zu müssen: nämlich für Realismus und realistisches Erzählen.

Weniger verstehbar wird die moderne Wirklichkeit unter anderem dadurch, das so manches, was einmal Ursache und Wirkung war, neuerdings gleichzeitig hier und jetzt zu geschehen scheint, ohne zeitlichen Puffer, ohne räumliche Dehnung, und in der Wahrnehmung lösen sich Raum und Zeit auf. So ist das moderne Empfinden vielleicht auch das Empfinden einer Eintagsfliege. Wenn ich mich nicht täusche, kann das sowohl ein Problem als auch eine Chance für den Roman sein, der neben vielem anderen vor allem das ist: eine grandiose Raum-Zeit-Maschine, die es dem Menschen erlaubt, sich in der vierten Dimension zu bewegen.

Die Frage, wieviel Information in einen Augenblick paßt, ist nur scheinbar eine scholastische Frage; denn die Antwort ist klar: viel, ja, sogar beliebig viel. Der Roman kann das ignorieren oder sich für nicht zuständig erklären; er kann versuchen, sich in ungeheuren Materialschlachten zu erschöpfen, um damit am Ende – vielleicht in wunderbarer Vergeblichkeit, vielleicht groß in seinem Scheitern – doch nur zu beweisen, daß gegen die Wirklichkeit so nicht zu gewinnen ist; oder er kann das tun, was er immer schon getan hat: dem potentiell Unendlichen mit endlichen Möglichkeiten begegnen, d.h. eine Form finden.

Warum ist der Familienroman nicht totzukriegen, welche Sehnsucht nach Ordnung, welche Aufgehobenheit in Raum und Zeit, und welche Realisierung dieser Ordnung verbirgt sich dahinter? Ist ein Roman, in dem am Anfang Leute in Anzügen auf einer Party gezeigt werden und am Ende dieselben Leute in Anzügen, wie sie mit kleinen Pappschachteln vor Bürotürmen stehen oder aus ihren großen Häusern ausziehen müssen, ein Roman über die Bankenkrise? Läßt sich mit dem gängigen Verständlichkeits- und Verstehbarkeitsrealismus überhaupt von hier nach dort kommen, ohne daß es banal wird? Oder muß sich der Roman doch wieder mehr darauf besinnen, was zur Zelt seiner Blüte in der Moderne eine Selbstverständlichkeit war? Muß er sich daran erinnern, daß er mit der Auflösung von Raum und Zeit schon gespielt hat, als die Wirklichkeit noch vergleichsweise geordnet schien?

Es gibt kein „Es war …“, es gibt nur ein „Es ist …“ lese ich in einer der programmatischen Aussagen aus jener Zeit, und damit gemeint ist nicht das gescholtene rasende Präsens der Literaturinstitutsschüler, das manchmal so gegemwartsblind scheint, weil es so auftrumpfend gegenwärtig daherkommt. Damit gemeint ist also nicht: „Ich mache den Kühlschrank auf. Ich nehme mir ein Bier. Ich setze mich ins Fauteuil. Ich schalte den Fernseher an.“ (… was mich an die Stimme des Sportreporters erinnert, die ich in meiner Kindheit bei meinem aIltäglichen Tun und Treiben manchmal im Kopf hatte und die beispielsweise hochdramatisch kommentierte „Er biegt gerade um die Ecke“, wenn ich gerade um eine Ecke bog.) Damit gemeint ist die Gleichzeitigkeit von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft in der Fiktion, die den Menschen in den Spiegel schauen läßt, voll Staunen – und ohne selbst nach siebzig oder achtzig Lebensjahren wirklich zu verstehen –, wie es nur sein kann, daß jedesmal derselbe oder jedesmal ein anderer zurückschaut.

Norbert Gstrein, geboren 1961 in Mils in Tirol, studierte Mathematik in Innsbruck und besuchte dann sprachphilosophische Seminare in Stanford und Erlangen. 1988 war er Gast des Literarischen Colloquiums Berlin, promovierte mit der Arbeit “Logik der Fragen” und veröffentlichte seine erste Erzählung “Einer”. Gstrein erhielt unter anderem den Alfred-Döblin-Preis, den Uwe-Johnson-Preis sowie den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung.

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