forum:autoren vorgestellt (3): Xóchil A. Schütz im Interview: “Ich bin nicht mehr nur Text.”


(Xóchil A. Schütz, Foto Tan Kadam)

Stevan: Xóchil, vor wenigen Tagen ist im Hamburger asphalt & anders Verlag
Dein erster Roman „Was ist“ erschienen. In Deinen eigenen Worten, wovon handelt der Roman?

Xóchil: Es ist eine Liebes- und Familiengeschichte. Ganz schwer und leicht zugleich.
Es ist auch eine Geschichte über Großstädte und über den Versuch, erwachsen zu werden.

Du bist als Lyrikerin bekannt geworden, Deine Kurzgeschichten und Erzählungen sind sprachlich hochfeine und präzise ausgearbeitete Stücke. Mit Deinem Roman gehst Du erstmals auf die „Langstrecke“. Was hat Dich daran gereizt und was waren die Unterschiede und Herausforderungen in der schriftstellerischen Arbeit am Roman?

Irgendwann habe ich mich an den Rechner gesetzt und begonnen, zu schreiben, und im selben Moment wusste ich: Ich schreibe einen Roman. Er war nicht geplant, er hat sich einfach geschrieben.
Viel Zeit habe ich dann in die Überarbeitung und teilweise Neufassung des Romans gesteckt. Das Überarbeiten hat den Roman erst zu dem gemacht, was er ist; es war für mich ein herausfordernder, schöner Prozess, den ich in dieser Intensität bisher nicht kennen gelernt hatte.
Ansonsten reizt mich am Romanschreiben, dass ich nicht auf den Punkt kommen muss, sondern auf viele Punkte kommen kann. Kurze Geschichten, die zum Beispiel bei Poetry Slams funktionieren, habe ich wahrscheinlich immer stark auf etwas zu richten versucht, auf eine ganz bestimmte Schlusspointe zum Beispiel. Der Roman lässt mehr Freiheit. Da kann mehr nebeneinander laufen. Wenn die Slam-Story ein harter Wasserstrahl ist, dann ist der Roman ein Fluss.

Du kommst vom Poetry Slam, giltst als begnadete Performance-Poetin, Deine ausdrucksstarken Lesungen und Auftritte schaffen immer eine große Spannung und Energie, die dem geschriebenen Wort noch mal eine ganz eigene Ebene hinzufügen. Um die 500 Auftritte hast Du in den letzten zehn Jahren absolviert, 2009 hast Du das Sachbuch „Slam Poetry – eigene Texte verfassen und performen“ herausgebracht und im gleichen Jahr für das Album „Perlenkind“ Gedichte und Texte eingesprochen und mit Musik zusammen gebracht. Welche Rolle spielen Stimme, Ton und Körperlichkeit in Deiner Arbeit, welche Rolle der Live-Moment?

Viele Jahre war es für mich von größter Wichtigkeit, meine Texte nicht nur zu schreiben, sondern auf der Bühne zu leben. Es hat zusammengehört. Ich war der Text; der Textkörper. Als einmal ein kleiner Verlag ohne Rücksprache mit mir leicht in einen Text eingegriffen hat, war ich – fassungslos. Es war, als habe jemand heimlich etwas aus meinem (Text-)Körper geschnitten und etwas anderes eingenäht. Schrecklich!
Heute bin ich etwas gelassener, und Lektoren mit Sprachgefühl und Sensibilität dürfen mir auch einmal etwas sagen. Ich bin nicht mehr nur der Text. Und ich finde es genauso schön, wenn ein Text ohne meinen Vortrag funktioniert. Dann kann ich in der Zeit, in der ich früher auf der Bühne stand, spazieren gehen, schlafen, träumen, schreiben. Das passt heute so. Natürlich stehe ich weiter gerne auf der Bühne. Aber es muss nicht mehr dreimal die Woche sein.

Dein Roman erscheint im wunderbaren asphalt & anders Verlag, einem jungen, unabhängigen und sehr ambitionierten Verlag. Eine bewusste Entscheidung? Wie kam es zur Zusammenarbeit?

Ein Text von mir war bereits in einer Anthologie des Verlags erschienen. Bei einer Lesung in Hamburg habe ich Nico Schröder, einen der beiden Verleger, persönlich kennen gelernt. Und dann hat alles gepasst. Ich freue mich sehr, weil ich das Programm des Verlages eigenwillig und schön finde. Ich bin also sehr glücklich.

Auf Deiner Homepage findet sich ein sporadisch befülltes Blog, Du bist bei myspace zu finden und zu hören und hast einen facebook-Acount. Welche Rolle spielt Social Media für Dich als Autorin?

Einerseits finde ich es schön und praktisch, mich online mitzuteilen und mich selbst über Entwicklungen, die mich interessieren, zu informieren. Zugleich empfinde ich das Internet als Zeitfresser. Bei Facebook die interessanteren Beiträge zu finden, macht zum Beispiel Mühe. Außerdem ärgert mich die viele und aggressive Werbung im Netz. Immer wird versucht, alles zu kapitalisieren. Wie nervig. Dann wünsche ich mich plötzlich in die Steinzeit, in der es meiner Vorstellung nach noch um sanft schimmernde Tierfelle ging. Unser Zeitalter ist so grell, und statt Muße ist es ein Muss, überall auf sich aufmerksam zu machen. Dabei ist Bescheidenheit schön. Aber dem Kapitalismus kann man so etwas nicht erzählen. Und er hat sich im Netz doch sehr breit gemacht. Insofern gehe ich jetzt öfter in den Wald und streune über Berliner Brachflächen.
Dennoch: Im Netz stoße ich auch immer wieder auf interessante Blogs, Onlinemagazine, Künstler. Bin am Ende froh, dass es das Netz und das Spinnennetz gibt.

In München wirst Du mit Bas Böttcher, Lydia Daher, Alex Dreppec, Michael Lentz, Albert Ostermaier und der SZ Band „Deadline“ auf der Bühne stehen und auch an einer Klartext-Debatte teilnehmen. Worauf freust Du Dich besonders, was erwartet die Festivalbesucher, was erwartest Du Dir von München?

Ich freue mich, dass ich nicht als Slam Poetin, sondern explizit als Lyrikerin eingeladen wurde. Wahrscheinlich nutze ich die Gelegenheit, um stillere Gedichte zu lesen; Texte, die ich bei Poetry Slams eher nicht vortragen würde. „Flamingo und Gnu“, mein Band mit Liebesgedichten, ist gerade in einer erweiterten Neuauflage erschienen, aus dem werde ich sicher lesen.
Ansonsten freue ich mich darauf, anderen Autoren zu begegnen und einen langen Spaziergang durch München zu machen.

Vielen Dank für Deine Zeit!

Xóchil A. Schütz

wurde 1975 in Mannheim geboren. Mit elf Jahren begann sie, literarisch zu schreiben. Um die Jahrtausendwende veranstaltete sie in Berlin drei Jahre lang „Theodoras Literatursalon“. Dann entdeckte Xóchil A. Schütz den Poetry Slam, und viele Jahre als aktive Slam-Poetin folgten.

2006 produzierte Deutschlandradio Kultur ihr Hörspiel „Im Käfig“. 2007 erschien der Lyrikband „Flamingo und Gnu“, 2008 die Kurzgeschichtensammlung „Was ich nie mehr sagen will zu Mickey Rourke“, 2009 das Poesiealbum „Perlenkind“ sowie das Schulbuch „Slam Poetry – eigene Texte verfassen und performen“. 2011 folgte die Kurzgeschichtensammlung „Auf der Suche nach der entgangenen Milch“ sowie der Roman „Was ist“. Zudem erschien ihr Lyrikband „Flamingo und Gnu“ gerade in einer zweiten, erweiterten Auflage. Xóchil A. Schütz ist Diplom-Politologin und lebt als freie Autorin in Berlin.

Xóchil A. Schütz in München:

Literaturfest
Samstag 12.11.2011 20.00 Uhr
mit Bas Böttcher, Lydia Daher, Alex Dreppec, Michael Lentz, Albert Ostermaier, Xóchil A. Schütz und der SZ-Band Deadline
Moderation: Matthias Politycki und Julia Westlake (NDR)
In Zusammenarbeit mit dem Lyrik Kabinett und der Zeitschrift DAS GEDICHT
Muffathalle
Eintritt 12,– € / 9,– €
Karten unter: 089 – 54 81 81 81
muenchenticket.de

Klartext
Montag 14.11.2011 16.00 Uhr
mit Nora Bossong, Meike Feßmann, Ulla Hahn, Steffen Jacobs, Fitzgerald Kusz, Sibylle Lewitscharoff, Paul Nizon, Hellmuth Opitz, Dirk von Petersdorff,Thomas Rosenlöcher,
Ulrike Almut Sandig, Hansjörg Schertenleib,Xóchil A. Schütz, Christoph Siemes und Michael Stavarič
Moderation: Matthias Politycki und Prof. Friedrich Vollhardt
LMU Hauptgebäude, Raum F107 » Eintritt frei
In Zusammenarbeit mit dem Institut für deutsche Philologie der LMU

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