Klartext (12.11): Norbert Gstrein

Unkonzentrierte Anmerkungen

Einen Berlin-Roman schreiben – oder vielleicht lange schon nicht mehr? Einen Roman zur Bankenkrise in einer Zeit, in der Politiker plötzlich von der Wichtigkeit der richtigen Erzählung sprechen und Literaturkritiker von Algorithmen? Eine Liebesgeschichte zwischen einer Flugbegleiterin (so sagt man doch) und einem DJ (so sagt man doch), mit den Schauplätzen New York, Shanghai und einem kleinen Glück in der Uckermark? Erste Liebe oder doch lieber die letze? Ein alter Mann (wahlweise sehr alt), ein junges Mädchen? Wozu das alles und warum?

Einer der ersten Romane des großen uruguayischen Autors Juan Carlos Onetti, der nicht von ungefähr die Neuerschaffung einer Welt ganz allein aus Worten zum Thema hat, trägt den Titel „Das kurze Leben“, sein letzter „Wenn es nicht mehr wichtig ist“. Auch wenn das vielleicht nicht problematisch gemeint ist, erlaube ich mir für den Augenblick, es programmatisch zu lesen und darin die Dringlichkeit des Anfangs zu sehen und die Gelassenheit und Abgeklärtheit, womöglich auch Resigniertheit des Endes. Damit ist jedenfalls die Klammer aufgespannt, innerhalb derer wir uns die Fragen zu stellen haben: Einen Berlin-Roman? Einen Roman zur Bankenkrise? Erste oder letzte Liebe?

Ich weiß nicht, ob es ein rein deutsches Phänomen ist, daß sich die Kontaktanzeigen in Zeitungen manchmal lesen wie Grabsprüche oder Katastrophenberichte. In der Wochenzeitung, die den Begriff, auf den ich hinauswill, im Titel trägt, habe ich in einer solchen Anzeige folgendes Motto gefunden: tempus fugit amor manet,/ tempus manet amor fugit/ tempus manet amor manet; auf deutsch: Die Zeit vergeht, die Liebe bleibt,/ Die Zeit bleibt, die Liebe vergeht/ Die Zeit bleibt, die Liebe bleibt. Ein frommer Wunsch, könnte man sagen, und es ist natürlich kein Zufa1l, daß die vierte Variante fehlt, die vielleicht die interessanteste ist: Die Zeit vergeht, die Liebe vergeht.

Was also tun, wenn nicht erzählen? Ist das der Stoff, der unter den Nägeln brennt? Ist es also das Erzählen selbst? Ist es die Zeit? Und steht die für die beiden angeblich einzigen großen Themen: Liebe und Tod? Oder in der leicht abweichenden amerikanischen Version: money, sex and death? Und ist das nicht al1es schon in jeder erdenklichen Wendung bei Shakespeare oder gar in der Bibel durchgespielt?

Ich stelle mir ein nicht sehr kluges Computer-Programm vor, das mit allen für den Buchhandel erheblichen Daten gespeist wird und einem helfen soll, den todsicheren Plot zu entwickeln – und was dabei herauskommt, in Stichworten: Eine Frau, nicht mehr ganz jung, die sich nach vielen Enttäuschungen eine Auszeit nimmt (so sagt man doch), eine Spurensuche (so sagt man doch) in der Familiengeschichte, mit einem Großvater, bei dem es nach den Berechnungen dieses Programms kaum eine Rolle mehr spielt, ob er Nazi oder Jude war, Hauptsache eines von beiden, Hauptsache Anschluß an die große Geschichte, eine Recherche-Reise (so sagt man doch), am besten nach Israel, eine neue Liebe, und wenn der Geliebte dann auch noch Buchhändler wäre oder sonst ein literarischer Mensch, könnte das glückliche Paar in alle Ewigkeit Romane lesen, in denen eine Frau, nicht mehr ganz jung, sich eine Auszeit nimmt etc. etc. – während dezent im Hintergrund und für die zarte Liebe keineswegs störend israelische Kampfjets über dem Golan zu hören sind oder die aus dem Gaza-Streifen abgeschossenen Raketen, die in der Wüste einschlagen. Ein nicht sehr kluges Computer-Programm, wie gesagt, und ich hoffe, ich ermutige niemanden, diesen Roman zu schreiben.

Es geht nämlich auch anders, wenn man sich anhört, was einer der einflußreichsten Autoren des vergangenen Jahrhunderts über die Entstehung eines seiner Romane zu sagen hat: „Es begann mit der Vorstellung von einem kleinen Mädchen, das sein Unterhöschen schmutzig macht, als es zum Fenster hinaufklettert, hinter dem seine tote Großmutter liegt. Die Idee hatte große Anziehungskraft für mich, und aus ihr entstand der Roman.“ Der Autor ist natürlich William Faulkner, der Roman „Schall und Wahn“, und in dem Bild, das er da zeichnet, ist alles da: Anfang des Lebens, Ende, Neugier, wie man von da nach dort kommt und der gleiche bleibt oder ein anderer wird … und das Programm ist im Motto formuliert, einem Zitat aus Macbeth: „a tale told by an idiot, full of sound and fury, signifying nothing“.

Norbert Gstrein, geboren 1961 in Mils in Tirol, studierte Mathematik in Innsbruck und besuchte dann sprachphilosophische Seminare in Stanford und Erlangen. 1988 war er Gast des Literarischen Colloquiums Berlin, promovierte mit der Arbeit “Logik der Fragen” und veröffentlichte seine erste Erzählung “Einer”. Gstrein erhielt unter anderem den Alfred-Döblin-Preis, den Uwe-Johnson-Preis sowie den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung.

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