Was Sie schon immer über das Schreiben wissen wollten

Von links nach rechts: Silke Behl, Norbert Gstrein, Judith Kuckart, Matthias Politycki. Foto: Juliana Krohn

Bei der großen Samstagsnachmittagserklärung unter dem Motto „4 Fragen an die deutsche Literatur“ wurden die bislang schärfsten und durchdachtesten Thesen des Literaturfests gewetzt. Matthias Politycki, der als Tausendsassa jedes Plenum und Podiums seines Autoren-Forums bespielen muss, ersetzte einen erkrankten Christoph Bartmann als Moderator und führte gemeinsam mit Silke Behl vom Bremer Radio durch den vierstündigen Poetikmarathon.

In der ersten Stunde tauschten sich Norbert Gstrein und Judith Kuckart über den Stoff aus, „der auf den Nägeln brennt“. Während Gstrein geschickt um den Kern seines erzählerischen Antriebs lavierte und stattdessen die Frage, welches Buch es sich zu schreiben lohne, poetisch-poetologisch noch einmal eindrucksvoll umkreiste, ließ sich Judith Kuckart tiefer in die Karten schauen: Die Autorin, deren strenge Grazie das Publikum genauso in den Bann schlug wie Gstreins wohlformulierte Ansichten, scheute sich nicht, die existenziellen Wahrheiten jeder Schriftstellerexistenz zu benennen: „Ich schreibe, weil ich Geld verdienen muss. Ich schreibe, weil ich sterben muss.“
Kuckart hatte wortwörtlich die Themen ‚Sterblichkeit und Geld‘ als Kerne ihrer schriftstellerischen Existenz ausgemacht; Urmotive, die sich in ihren Romanen immer an verschwundenen Personen manifestieren. Ähnlich hatte Gstrein bereits am Tag zuvor betont, dass das Thema (s)einer verrinnenden Lebenszeit Motivator wie Stoff seiner Arbeit zugleich sei.

Beide Autoren führten auf ihre Weise ein wohlreflektiertes, passiv-aggresives Verhältnisses zu den Stoffen ihrer Literatur und den Anforderungen der Medienlandschaft vor: Geschrieben werden muss, aber nur, was sich unabweisbar aufdrängt.
Gstrein stellte plastisch dar, wie sehr für den künstlerisch Schaffenden Form und Inhalt der eigenen Arbeit verquickt seien, sodass es eine Zumutung darstelle, von einem Autor eine ‚Inhaltsangabe‘ seiner Werke zu erwarten. Er beziehe seine Schreibanlässe vor allem aus dem Verbot oder der Warnung vor einem bestimmten Stoff. So hatte der österreichische Schriftsteller in seinem Roman „Die ganze Wahrheit“ wider besseren Wissens einen literarischen Nachruf aus der Feder von Suhrkamp-Diva Ulla Berkéwicz auf höchstem Niveau durch den Kakao gezogen. „Das Wegbehaupten der Wirklichkeit ist Realität“, postulierte der Autor, um dann doch noch sein poetisches ‚Geheimrezept‘ preiszugeben: „Ich gehe spazieren, und wenn ich es nicht mehr aushalte, setze ich mich an den Schreibtisch und fange an zu schreiben.“

Von links nach rechts: Behl und Politycki mit Hans Pleschinski und Tanja Dückers.
Foto: Juliana Krohn

Auch Tanja Dückers, die anschließend an der Seite von Hans Pleschinski das Podium betrat, wollte in den Medien – genausowenig wie zuvor Gstrein und Kuckart – als Meinungs-Männchen für alles herhalten: Der Schriftsteller, so ließ sie Bordieu für sich sprechen, solle sich lieber in Distanz zum politischen Geschehen üben, so eine der Thesen ihrer persönlichen Positionsangabe zum Thema „Der Standort des Schreibens“.
Auch Pleschinski waren „Bonbongeschwätz“ und die „Whirlpoolisierung der Meinungen“ zuwider. Lieber entfaltete der Autor eine historisch fundierte Ideengeschichte des Verhältnisses zwischen Autor und der ‚Botschaft‘ seiner Texte, die von Horaz bis Beckett reichte. Schlussendlich plädierte Pleschinski für ein postmodern grundiertes, spielerisches Verhältnis zum eigenen Schaffen, das er mit Benn in das Zitat „Alles bleibt offen“ kleidete.
Soziopolitische Inhalte, da waren sich beide einige, sollten also lieber literarisch ver‑ und bearbeitet werden; schließlich hätten sich in der späten Moderne die festen Standorte aufgelöst, aus dem Individuum sei ein Dividuum (so Politycki mit Rückgriff auf Nietzsche) geworden: eine Entwicklung, der auch die Literatur Rechnung tragen müsse.
Während Dückers diesen Wandel beispielsweise durch den Einsatz multiperspektivischen Erzählens berücksichtigt, beharrte sich Pleschinski darauf, dass jeder Literatur dennoch ein Rest von moralischer – und das meint: politischer – Stellungnahme überhaupt nicht verlorengehen könne: „Moral“, so war er sich sicher, „beginnt beim Satzbau.“ Die ‚Tonart‘ jedes Autors bestimme auch eine bestimmte ethische Haltung, die sich selbst im Umgang mit dem eigenen Romanpersonal ablesen lasse.
Zum Abschluss verständigten sich Moderatoren und Autoren darauf, dass Komik und Ironie immer noch ein ausgezeichnetes Mittel seien, um auch die großen Themen literarisch zu bewältigen.

Josef Winkler steht Rede und Antwort. Foto: Juliana Krohn

Mit Annette Pehnt und Josef Winkler betraten schließlich zwei sehr unterschiedliche Autoren die Bühne, die auf die – ironisch grundierte – Frage „Haben Sie das alles selbst erlebt?“ Auskunft gaben. Während Winkler mit seiner Büchner-Preisrede das Credo „Die Realität so sagen, als ob sie trotzdem nicht wär“ ausgab und von den schriftstellerischen Etüden seiner Jugend erzählte, gab Pehnt persönliche Einblicke in die Prozesse, durch die sich selbst Erlebtes in erzählbare Stoffe wandle. Beim Verfassen ihres Buchs „Mobbing“ habe beispielsweise (noch) nicht genug Distanz zwischen der eigenen Erfahrung und der literarischen Bewältigung bestanden, sodass Pehnt diesen ihrer Romane heute am wenigsten schätzt. Bei Winkler schien der künstlerische Aneignungsprozess schneller vonstatten zu gehen: „Sobald ich etwas sprachlich und formal genügend durchgearbeitet habe“, so der Autor, „entfernt es sich von meiner Erfahrung.“
Zum Abschluss der intensiven Gesprächsrunden unterhieltn sich schließlich Martin Mosebach und Dagmar Leupold darüber, ob die deutsche Sprache ein Auslaufmodell sei.

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