Klartext (15.11): Dirk Kurbjuweit

Warum ich die Gegenwartsliteratur brauche

Ich brauche die Gegenwartsliteratur, weil sie mich unbrauchbar macht. Sie macht mich unbrauchbar für diese Welt, unbrauchbar für mein Leben.
Kürzlich las ich ich einen Aufsatz von Peter Sloterdijk, „Stress und Freiheit“. Er beschreibt darin, wie der Philosoph Jean-Jacques Rousseau der Welt auf dem Bieler See abhanden kommt. Rousseau liegt in einem Ruderboot und driftet in Gedanken davon, bald spürt er ein „wertvolles Empfinden von Frieden und Zufriedenheit“. Sloterdijk nennt diesen Zustand „erlesene Unbrauchbarkeit“.
Das meine ich nicht. Ich meine das Gegenteil, ich meine einen Zustand der verstörten Unbrauchbarkeit. Wenn ich Gegenwartsliteratur lese, komme ich der Welt nicht abhanden, ich beginne diese Welt zu hassen. Mein Hass macht mich unbrauchbar für die Welt.
Wenn ich „Der Hals der Giraffe“ von Judith Schalansky lese, bin ich unbrauchbar für das Leistungsprinzip. Wenn ich „Sickster“ von Thomas Melle lese, bin ich unbrauchbar für den Kapitalismus. Wenn ich „Das Mädchen“ von Angelika Klüssendorf lese, bin ich unbrauchbar für das Familienleben. Wenn ich „Zone“ von Matthias Enard lese, bin ich unbrauchbar für die Politik, weil die nur zum Krieg führen kann. Wenn ich „Klage“ von Rainald Goetz lese, bin ich unbrauchbar für den Journalismus. Wenn ich „Die Wahrheit  über Marie“ von Jean-Philippe Toussaint lese, bin ich unbrauchbar für die Liebe.Mein Manifest der Unbrauchbarkeit ist „Untertagblues“ von Peter Handke. Der Text beginnt so: „Und schon wieder ihr. Und schon wieder muss ich mit euch zusammen sein. Halleluja. Misere. Ebbe ohne Flut. Ihr verdammten Unvermeidlichen.“ Dieser Text macht mich unbrauchbar für andere Menschen und damit für das Leben.
Wir sind alle so brauchbar. Ich bin einer der brauchbarsten Menschen auf dieser Erde. Ich bin brauchbar für das Leistungsprinzip. Ich bin brauchbar für den Kapitalismus. Ich bin brauchbar für das Familienleben. Ich bin brauchbar für die Politik. Ich bin brauchbar für den Journalismus. Ich bin brauchbar für die Liebe. Also bin ich brauchbar für das Leben.
Aber ich halte das nicht aus. Ich kann das nur ertragen, wenn ich manchmal unbrauchbar bin. Wenn ich Gegenwartsliteratur lese, bin ich es auf eine doppelte Art. Sie gibt mit erlesene Unbrauchbarkeit im Sinne Sloterdijks, weil sie mich im besten Falle durch Sprache betört, entrückt, entführt. Aber das kann die Literatur anderer Tage auch, sie kann es meistens besser.
Nur die Gegenwartsliteratur, wenn sie gut ist, kann mich verstören, sie kann mir die Versöhnlichkeit nehmen, die ich gegenüber unserer Welt und meinem Leben habe, weil sie mir zeigt, wie unlebbar das Leben ist, wenn man sich traut, einen unversöhnten Blick darauf zu werfen. Gegenwartsliteratur macht mich unbrauchbar für Stunden, für Tage, und nur so halte ich meine irrsinnige Brauchbarkeit aus.

Dirk Kurbjuweit, geboren 1962, war von 1990 bis 1999 Redakteur bei der Zeit in Hamburg und arbeitet seit 1999 als Reporter beim Spiegel in Berlin. 1998 erhielt er den Egon-Erwin-Kisch-Preis für die beste Reportage. Er ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und lebt in Berlin. Bisher veröffentlichte Bücher: “Die Einsamkeit der Krokodile. Roman” (1995),von Jobst Oetzmann verfilmt, erhielt den Bayrischen Filmpreis 2001; “Schussangst. Roman” (1998), von Hans Weingartner verfilmt ab Herbst 2001.

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