Klartext (17.11): Thomas Lang

Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur

Drei Aspekte des Themas deutschsprachige Gegenwartsliteratur kommen mir verdächtig vor. Erstens das deutschsprachige. Denn aus meiner Sicht gibt es nur eine Literatur und ihr Gegenstand ist das, was uns allen gemeinsam ist: das Menschliche. Dabei ist es nicht wesentlich, ob es für diese Literatur auch einen gemeinsamen Markt gibt. Die kulturelle und sprachliche Differenzierung ist zur Bezeichnung ökonomischer Räume weit besser geeignet. Der Erzählraum dagegen braucht keine Unterteilungen. Sie engen ihn unnötig ein.

Zweitens: Die schwierige Frage, was Gegenwart ist, kann hier nicht erörtert werden. Tatsächlich durchdringen sich die Texte vieler Generationen bei Lesenden wie bei Schreibenden von, sagen wir, Homer bis Murakami. Es gibt einen Hallraum für Texte, der ist beim Lesen wie beim Schreiben da. Eine vielfältige mediale Vermittlung und riesige Internet-Archive sorgen für eine unglaubliche Präsenz und Verfügbarkeit kultureller Erzeugnisse. Dazu gehört die älteste auf einer Wachswalze konservierte Tonaufnahme ebenso wie die digitale Kopie einer mittelalterlichen Handschrift. Auch der direkte Austausch der Kulturen bei Reisen oder durch Migration führt zu vielfältigen Verknüpfungen. Das alles zusammen beeinflusst die Produktion ebenso wie die Rezeption.Drittens: Auch „Literatur“ ist eine unzulässige Einengung. Denn eigentlich geht es ja um eine Art Selbstbespiegelung. In den Künsten stellen wir uns unser Sosein vor, häufig auch unser Andersseinwollen. Gedanken, Gefühle, Fantasien, Fantasmen transportieren wir aus uns heraus und machen sie anschaulich. Ausdruck und Fixierung solcher Bilder in Worten sind dabei nicht akzidentell, die Sprache ist mehr als anderes eine menschliche Eigenheit. Wir hören von malenden Affen, nicht aber von dichtenden. Dennoch würde ich auch hier lieber das Ganze unserer schöpferischen Tätigkeit anerkannt sehen und weniger die Einengung auf das, was wir gemeinhin unter Literatur verstehen.

Die Bücherwelt, wie wir sie kennen, ist ein historisches Phänomen. Sie wurde ermöglicht durch das Aufkommen des Buchdrucks und sie wurde Gemeingut durch die Alphabetisierung der Bevölkerung infolge der allgemeinen Schulpflicht. Weil wir diese Zeitlichkeit spüren, empfinden wir die Literatur als bedroht von den neuen digitalen Kommunikations- und Verbreitungsformen. Unsere Lebenswelt ist sehr spürbar im Wandel begriffen. Das muss auch die Literatur verwandeln. Wir können uns diesem Prozess lustvoll überlassen oder ihm angstvoll entgegensehen.

Vielleicht haben Sie bemerkt, dass ich meine Bedenken inzwischen stillschweigend einkassiert habe und über die Literatur so gut wie über die Gegenwart rede. Kann man heute alles machen. Auch meine anfänglichen Bedenken gegen das Deutschsprachige werde ich noch kassieren. Hier also ein paar Statements zur Lage der Literatur, der Prosa, des Romas:

Die Literatur gibt ihre modernistische Exklusivität auf. Wo André Gide und Gottfried Benn stolz darauf waren, ihre Leser nach Zehnern oder Hundertern zu zählen, herrscht heute vielerorts die Sehnsucht, Teil der großen kollektiven Ströme zu sein – wie ein Film oder ein Song rund um den Globus Gefallen zu finden. Als Beispiel nenne ich Murakamis 1Q84 – nach literarischen Maßstäben ein globaler Event und dabei ein Roman, der keine postmodernistischen oder sprachartistischen Hürden aufbaut, sondern seinem Publikum mit ausgebreitetem Armen entgegengeht.

Der literarische Markt verelendet durch ein ungehemmtes Überangebot und andauernde Beschleunigung seiner Zyklen weiter seine Autoren. Viele werden gezwungen sein, publizistisch und ökonomisch neue Wege zu suchen. Das wird auch das Wesen dessen verändern, was, wie und wo sie schreiben. Andere unterliegen schon jetzt dem Ruf der Verlage nach saisonal vermarktbaren Büchern, die in munterer Folge auf die betrieblichen Verwertungskarusselle gesetzt werden können. Nicht wenige produzieren bewusst marktkompatibel in der Hoffnung auf das große Geld.

In der deutschsprachigen Literatur ist die Unübersichtlichkeit, von der Habermas in den Achtzigern sprach, weitgehend einer neuen Unauffälligkeit gewichen. Bei aller Vielfalt und Förderung vermisse ich Vision und Kraft. Die Wirklichkeit ist zurück, aber nicht in der aufregenden Form, in der die großen Realisten sie einst in den Roman holten, sondern häufig als bloßes Abspiegeln von Alltagen und bloßes Wiedergeben von geläufigen Jargons. Nichts gegen literarische Figuren „wie du und ich“. Nichts gegen Lifestyle und Posen, nichts gegen Alltagssprache. Nur das, was die Literatur groß gemacht hat, berauschend, begehrt, beginnt erst jenseits davon.

Deshalb möchte ich mir den Blick nicht einengen lassen und weiter auf Murakami, Houellebecq oder Danielewski schauen, den Film, die Musik und die bildende Kunst im Auge behalten.

Die Literatur kann weder an Lettern und Papier noch an Zeiten und Märkte gebunden sein.

Thomas Lang, geboren 1967 in Nümbrecht, studierte Literaturwissenschaft in Frankfurt/M. Seit 1997 lebt er als Autor in München.

Ein Gedanke zu “Klartext (17.11): Thomas Lang

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