Nachlese: Lyriklounge – der Dichtermarathon

Politycki
Lyrik-Marathon-Mann Matthias Politycki,Foto: Juliana Krohn

Die Unterforderung wird, insbesondere in den Medien, immer populärer. Mit dem Hinweis auf verkürzte Aufmerksamkeitsspannen wird streng abgewägt, was dem Publikum heute noch zuzumuten ist. Kulturinteressierte Menschen stürzt das oft in ein Boreout (dem Gegenteil von Burnout) – ein großes Loch der Langeweile.

Vor dem behütetet uns am gestrigen Nachmittag forum:autoren Kurator Matthias Politycki mit einem Lyrikmarathon, den es so wohl noch nicht gegeben hatte: fünf Stunden Lyrik mit neun Dichterinnen und Dichtern, die gemeinsam knapp 100 Gedichte verlasen und sich im Gespräch mit NDR-Moderatorin Julia Westlake und Matthias Politycki auch theoretischen Fragen zu Lyrik stellten. Oha.

Westlake II
Julia Westlake, Foto: Juliana Krohn

Zurückhaltend hatte man die Veranstaltung bestuhlt, Ausdruck des völlig unberechtigten Zweifels an der eigenen, programmgestalterischen Courage: das Publikum wollte den Marathon. Immer neue Stühle mussten herangeschafft werden, volles Haus zum Start um 15.00 Uhr.

Opitz, Kusz
Hellmuth Opitz, Fitzgerald Kusz, Foto: Juliana Krohn

Hellmuth Opitz und Fitzgerald Kusz sorgten für gute Laune mit Gedichten über Haushaltsgeräte, die Liebe und die Dialektik, Opitz gewohnt pointiert, charmant und bildstark, Kusz sorgte mit seinen fränkischen Miniaturen für große Heiterkeit im Publikum. Höhepunkt des Auftritts: ein Medley der beiden Lyriker, aus einzelnen Sätzen der vorangegangenen Stücke entstand ein neues Gedicht, ein neuer (Un)Sinn, wechselseitig rasant vorgetragen, sehr zum Vergnügen des Auditoriums.

Bossong
Nora Bossong, Foto: Juliana Krohn

Steffen Jacobs und Nora Bossong führten ein lyrisches Zwiegespräch miteinander, jedes Gedicht bezog sich auf das Vorangegangene und zeigte die beiden Dichter in Bestform. Sinntiefe ohne Pathos bei Bossong, ganze Geschichten raffiniert erzählt in Steffens Gedichten.

Jacobs
Steffen Jacobs, Foto: Juliana Krohn

Im anschließenden Gespräch über Buchbetrieb, Kritik und Lyrikarbeit faste Steffen Jacobs die Suche nach Stoffen und den höheren Sinn der Dichtung sehr schön zusammen: „…aus biographischen Niederlagen wird eine ästhetischer Gewinn.“

von Petersdorff, Eckenga II
Dirk von Petersdorff, Fritz Eckenga, Foto: Juliana Krohn

Nimm den langen Weg nach Hause, heißt der neue Gedichtband von Dirk von Petersdorff, ein „best-of“ der bisherigen Arbeiten, darunter auch der Zyklus „Die Vierzigjährigen“, eine lyrische Bestandsaufnahme einer Generation in der Mitte des Lebens mit der Petersdorff insbesondere die Zielgruppe auch live trefflich zu frustrieren, zu überzeugen und zu unterhalten wusste. Fritz Eckenga begeisterte mit seiner kabarettistisch geprägten Dichtung, hochkomischen Gedichten, klugen Kommentaren. Die beiden zu Gehör gebrachten Koch- und Küchengedichte Eckengas begeisterten nicht nur den Chronisten ganz besonders. Danke!

Bernstein, Sandig II
Ulrike Almut Sandig, F.W. Bernstein, Foto: Juliana Krohn

Der große F.W. Bernstein betrat zusammen mit Ulrike Almut Sandig die Bühne, es war eine Freude zu sehen, mit wieviel Respekt für den anderen das ungleiche Paar den gemeinsamen Auftritt zelebrierte. Rasante Reime und rhythmische Lautmalerei bei Bernstein, filigran gearbeitete Lyrik bei Ulrike Almut Sandig, größtenteils lag das Publikum dem großen Dichter und der jungen Lyrikerin gleichermaßen zu Füßen. Ein Genuß!

Rosenlöcher
Thomas Rosenlöcher, Foto: Juliana Krohn

Ohne die leider erkrankte Ulla Hahn musste Thomas Rosenlöcher auskommen, der mit wehendem Haar seinen Auftritt eben noch erreichte, ein Zugunfall zwang zur überlangen Anreise. Rosenlöchers kunstvoller Kosmos aus Natur, trügerischem Idyll, Engeln und Kamelen die durch Nadelöhre gehen, kommt auf der Bühne wunderbar leicht daher, dynamisch vorgetragen vom gutgelaunten Dichter. Mit allerlei Bemerkungen und Einwürfen versehen („…der ganze Kleiderschrank voll mit Computer und Bildschirm, meine Frau schimpft schon, ich schreib jetzt wieder mit Bleistift“) war auch diese letzte Lesung nach knapp fünf Stunden ein großes Vergnügen. Dichter Lothar Thiel (aus Bilbao angereist) beschloss den Nachmittag mit einem Gedicht.

Überforderung geht anders.

2 Gedanken zu “Nachlese: Lyriklounge – der Dichtermarathon

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