Essay: Notizen zur Gegenwartslyrik

Kollege Stevan hat den gestrigen Lyrikmarathon bereits mustergültig nachbereitet, sodass mir nur übrigbleibt, vor dem Nachmittagsprogramm noch ein paar Gedankenfäden zur Lyrik der Gegenwart zu spinnen. Und zwar diese:

Matthias Politycki hat schon vor einigen Jahren in seinen Essays (siehe dazu auch unsere kleine Poetik-Bibliographie) den Unterschied zwischen den ‚Fundis‘ und den ‚Realos‘ des dichtenden Volks hervorgehoben (wobei er sich selbst freilich zu den Zweiteren zählt), eine Trennung, die anderswo vielleicht unter dem Rubrum ‚hermetisch-abstrakte Lyrik‘ versus ‚konkret-anschauliche Lyrik‘ vollzogen worden wäre. Bei Ulf Stolterfoht ist die Rede von einer ‚avantgardistisch-experimentellen‘ und einer ‚eher konventionell-naturalistisch-realistischen‘ Schule; ein Unterschied, der sich, wie Ulrike A. Sandig gestern äußerte, natürlich auch auf die Form durchschlage: Sandig sprach von den ‚Reimern‘ und ‚Nicht-Reimern‘.

Gerade weil sich die Lyrikszene so vielfältig wir selten zuvor präsentiert, lohnt sich die Frage: Gibt es etwas wie Lagerbildungen, bei der auf der einen Seite die Formalisten mit den gut nachvollziehbaren Inhalten, bei denen Reim, Metrum und literarische Tradition hoch im Kurs stehen (beim Münchner Literaturfest beispielsweise Dirk von Petersdorff und Alex Dreppec), und die auch wesentlich häufiger von den Mitteln des Komischen Gebrauch machen – und auf der anderen Seite die Fundamentalisten, die sich auf bildstarkes Sprechen, freie Verse und damit eine wesentlich kürzere Lyriktradition (für die im deutschen Sprachraum u.a. Celan und Huchel stehen) beziehen können, gestern in München beispielsweise Sandig und Nora Bossong?
Und einige wenige Berufene, die sich leichtfüßig zwischen beiden Lagern bewegen – wie Steffen Jacobs?

Wirft man einen Blick auf die Preis-, Wahrnehmungs- und Veröffentlichungspolitik des Literaturbetriebs und der Feuilletons, hatten (zumindest in der Altersgruppe der Untervierzigjährigen) in den letzten Jahren eindeutig die Hermetiker/Fundis die Nase vorn: Dies lässt sich beispielsweise an den Lyrik-Preisträgern des Berliner open mike und an den Gewinnern des Leonce-und-Lena-Preises ablesen, der als der bedeutendste Preis für junge deutschsprachige Lyriker gilt, und der den letzten zehn Jahren ausnahmslos (!) an Autorinnen und Autoren der – wennmansiedennsonennenwill – ‚abstrakten Schule‘ vergeben wurde, namentlich an Steffen Popp, Ulrike A. Sandig, Christian Schloyer, Ron Winkler, Anja Utler, Silke Scheuermann und Sabine Scho. Fast gleich verhält es sich mit dem Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis, der als ‚kleine Bruder‘ des Leonce-und-Lena-Preises gilt.
Stellvertretend für die tonangebenden Stimmen der jüngeren Gegenwartslyrik gilt Daniela Seels kookbooks-Kultur, die abstrakt-experimentelle Poesie eindrucksvoll als Lebensform und bibliophiles Gesamtkunstwerk zelebriert. Auch die bahnbrechende Ausgabe Nr. 17 der Literaturzeitschrift BELLA triste, die medienwirksam aufgenommen wurde, trug vor einiger Zeit dazu bei, den Diskurs rund um die Gegenwartslyrik erneut anzustoßen – allerdings ebenfalls nur in Richtung der polityckischen Fundamentalisten.

Ist das der Grund, warum – um mit Robert Gernhardt zu sprechen – die „Lyrik-Hämmer der Saison“ seit geraumer Zeit auszubleiben scheinen? Weil sie nicht mehr eingängig (und das meint: reimgängig) genug in die Ohren ihrer wenigen Hörer hineinklimpern? Oder weil – wie Albert Ostermaier formulierte – man den Lesern ohnehin nicht mehr mit literaturhistorischen Bezügen (wie der Terzine, so Ostermaier wörtlich) kommen solle, da diese doch nicht gekannt und verstanden würden? Oder ist der Formverfall zu begrüßen, weil die Hermetiker die Intellektualisten sind, die ‚gelehrten Dichter‘, die ästhetische Speerspitze, Die-die-die-Nase-vorn-haben? Oder ist deren Sprachlallen nur haltloses Geblubber?
Können
die einen es nicht? Wollen die anderen es nicht anders? Können die einen es nicht besser? Wer will wie was? Und warum?

Wir müssen wohl noch einmal näher an die Sache heran, meint: zwei-drei unserer Annahmen auf ihre Tauglichkeit abklopfen.
Wenn man also genau danach fragt, was die hermetische Dichterschule denn – abgesehen von formalen Auffälligkeiten wie häufiger Kleinschreibung, idiosynkratischer Interpunktion etc. – auszeichne, bekommt von oft zu hören, dass sie besonders häufig die Reflektion über das eigene Schreiben und die Bedingungen des Gedichts grundsätzlich betreibe. Blickt man allerdings auf Gedichte wie Bernsteins klassisches „Sonett-Sonett“, das auch gestern in München zu Gehör kam, so erweist sich dieses Argument als luftleer: Auch in der strengen Form kann man im Poetologischen gründeln.
Auch das Argument, die Abstrakten schöpften aus einer „ganz, ganz große[n] Kenntnis der Tradition“, so die bereits erwähnte Daniela Seel, lässt sich in Anbetracht von Dichter-Wissenschaftlern wie Dirk von Petersdorff, der seine poetischen Grundlagen ausführlich bestimmt hat, kaum gehalten werden.
Das dritte Argument klang bereits bei Stolterfoht an, dass nämlich die kookbooker besonders experimentell an ihre Gedichte und die dazugehörige Tradition herangingen: eine Tatsache, zu der man schwerlich nicht nicken kann; die aber auch noch kein Argument für oder gegen eine Seite darstellt, schließlich ist das Experiment per se kein Wert für sich, erschließt es sich doch erst in seinem Gelingen oder Nichtgelingen.
Dazu kommt, dass beide ‚Lager‘ (das Wort bitte immer in Anführungszeichen zu denken) in der Regel die Gedichte der ‚anderen Seite‘ relativ gut kennen und sich häufig sogar explizit darauf beziehen. Von völliger Ignoranz oder gar Ablehnung kann also keineswegs die Rede sein.

Was lernt uns nun alledies? Wir haben gesehen, dass Fundis wie Realos im Prinzip auf dem gleichen Grund stehen, sich auf die gleiche Tradition beziehen, auf vergleichbare Weisen an ihre Gedichte herangehen; sich nur in den Mitteln der jeweiligen Umsetzung auffällig unterscheiden.
Wenig wohlmeinend (und auf diesen Stuhl setze ich mich gerne) könnte man also den Eindruck gewinnen, dass die Herren und Damen Dichtergelichter sich mehr dafür interessieren, interne Gräben auszuheben als wieder in den Diskurs darüber einzusteigen, mit welchen ästhetischen Kriterien Lyrik angemessen bewertet werden kann: Und zwar, indem man das einzelne Gedicht, welches es auch sei, mikroskopisch genau observiert, beschreibt, analysiert und – wenn’s sein muss – sogar interpretiert. Zweiterdings sollte sich die Lyrikszene dringend Gedanken darüber machen, wie man ihre Arbeit (welcher Provenienz auch immer sie sei) gewinnbringend vermitteln, sprich: unter die Leute bringen, kann. Denn daran, so zumindest mein Eindruck, fehlt es gerade ganz besonders.

Matthias Politycki, so viel ist klar, hatte am Wochenende Lyriker nach München eingeladen, um genau das wieder und wieder anzuregen: Wie kann ich Lyrik an Mann oder Frau bringen? Wie kann ich Verbindendes darüber herausfinden, selbst wenn ich eine Abstrakte (Sandig) und einen Altformalisten (Bernstein) nebeneinanderplatziere.
Politycki wünscht sich Bewertungskriterien, die wieder ästhetische Werturteile über die Qualität von Gedichten erlauben, die an der momentanen Lyrikproduktion – und vor allem dem Sprechen darüber, das oft ins Wolkige ausdünnt – kaum festzumachen sind.
Die jüngeren (und natürlich auch älteren) deutschsprachigen Lyriker gehören zu den intelligentesten Köpfen der Gegenwart. Über die Hälfte von ihnen hat gedichttheoretische Essays oder ganze Bücher (Lentz, Schrott, von Petersdorff) geschrieben.
Und genau an diesem Punkt, mit den Argumenten, die dort entfaltet; mit den Gedanken, die dort begonnen werden, sollten wir weitermachen.
Und zwar Stück für Stück, an jedem einzelnen Gedicht.

Ein Gedanke zu “Essay: Notizen zur Gegenwartslyrik

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