Klartext (14.11): Xochil Schütz

Gute Literatur macht Menschen

Gute Literatur macht Menschen kurzfristig, mittelfristig und/oder langfristig glücklicher.

Da Menschen verschieden sind, braucht es verschiedene Literaturen.

Zwanghafte Formalismusfans brauchen zwanghafte Formalismusgedichte, um auf ihre Kosten zu kommen. Solche Texte werden insbesondere von einer bestimmten deutschsprachigen Lyrikerfraktion jährlich zu tausenden klaglos hergestellt.
Alternativ brauchen zwanghafte Formalismusfans einen eindringlichen, geradezu überrumpelnden Text, der ihre Zwanghaftigkeit dekonstruiert und sie von innen erneuert.

Simpler Gestrickten sei simpler Gestricktes gegönnt. Soll der Mensch doch Spaß haben, sich ablenken, auf Lesebühnen, bei Poetry Slams, beim Krimi, beim Fantasy-Schinken. Wer dem überdrüssig wird, findet Anspruch; der Anspruch versteckt sich nicht, er findet sich u.a. auf Lesebühnen, bei Poetry Slams, im Krimi, der Fantasy.

Gute Literatur schafft mehr als ein Ritual. Sie erfüllt nicht willig die Erwartungen eines Lesers an Unterhaltung oder Kunstfertigkeit. Sie ist widerborstig, erschreckend, von einer Schönheit, die den Leser zur Unterbrechung der Lektüre zwingt.
Es gibt zeitgenössische deutschsprachige AutorInnen, die das für mich mit mindestens einem ihrer Bücher geschafft haben; zum Beispiel Christa Wolf, Christoph Hein, Jakob Hein, Günter de Bruyn, Peter Handke.

Gute Literaten schaffen Anschlussmöglichkeiten: Jonathan Franzen, wie er zwischenmenschliche Beziehungen beschreibt, Selbstbilder, die feinen Konflikte, die wir oft voreinander, vor uns selbst verbergen. Leider ist Franzen kein deutschsprachiger Autor, aber mich hat kein deutschsprachiger Prosaist beeindruckt wie er, deshalb sein Name.

Mehrere deutschsprachige AutorInnen haben für mich aber ebenso Anschlussmöglichkeiten geschaffen, zum Beispiel Birgit Vanderbeke, Annette Pehnt und Dagmar Leupold.

Gute Literatur macht Spaß: Jemand hat mit der Sprache und/oder dem Leben mutig gespielt.

Gute Prosa lässt Lesende während der Lektüre zeitweise das eigene Leben vergessen, weil die Handlung sie ganz einnimmt – und wirft sie doch wieder auf sich selbst zurück, sodass, je nachdem, Veränderung oder Gewissheit eintreten kann. Beispiel: Die Romane und Erzählungen von Doris Lessing. Auch diese Autorin schreibt nicht auf Deutsch. Aber reicht ein zeitgenössischer Autor aus dem deutschen Sprachraum an die Vorstellungskraft, Präzision und Menschlichkeit ihrer literarischen Stimme heran? Günter Grass?

Gute Literatur entführt ins Unbewusste: Celan, Bachmann, Eich, Dostojewski, Proust, Cortazar. Diese Autoren leben nicht mehr, und nur einige von ihnen schrieben auf Deutsch. Vielleicht habe ich nicht genug zeitgenössische deutschsprachige AutorInnen gelesen – aber mir fällt gerade niemand ein, der derart ins Unbewusste entführt wie die oben genannten. Vielleicht Jan Wagner und Lisa Mayer. Obwohl die beiden mich noch eher ins Metaphysische tragen.

Gute Literatur ist politisch, rüttelt auf, wach, und das durch starke Bilder. Das schafft für mich Kersten Flenter, Hannoveraner Social-Beat-Poet. Dringliche Fragen an die Gesellschaft richtet er in seiner Poesie auch an sich selbst. Das ist keine Selbstverständlichkeit in der Literatur, die Gesellschaft kritisch betrachtet.
Jan Faktor hat das für mich mit seiner Prosa ebenfalls ein Stück weit geschafft.

Gute Literatur klingt und treibt (auch nach innen): Bernhard, Jelinek, Vanderbeke.

Gute Literatur ist von Belang: „Nicht unerheblich und nicht vorübergehend“, steht auf einer Berliner Hauswand.

Literatur darf schön sein. Hier fallen mir unter den zeitgenössischen Lyrikern wieder Jan Wagner und Lisa Mayer ein. Außerdem die Erzählerin Judith Hermann.

Mir sind vielleicht Texte von zweihundert deutschsprachigen GegenwartsautorInnen bekannt. Es gibt aber wahrscheinlich mehrere tausend, die veröffentlichen. Mit Sicherheit kenne ich viele sehr gute AutorInnen also (noch) nicht. Insofern mag es sein, dass die Gedanken in diesem Text einfach nur vorübergehen – Ihnen zuwinken und sich freuen, wenn sie nicht allesamt gänzlich unerheblich sind.

Xochil Schütz, *1975 in Mannheim. Jetzt Berliner Autorin und Performance-Poetin. Studierte an der Freien Universität Berlin Politikwissenschaft.

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