Nachlese: Tina Uebel und H.C.Buch über die Reise(n) ihres Lebens

Uebel
Tina Uebel, Foto: Juliana Krohn

Tina Uebel hatte gerade die Nordwestpassage durchsegelt, Hans Christoph Buch kam direkt aus Honkong ins Münchner Literaturhaus, zwei Reisesüchtige auf Zwischenstation. Tina Uebel eröffnete den Abend mit ihrer Erzählung „Igor vom großen Herz der Finsternis“, eine elegische Beobachtung aus einem Land zwischen Kriegswirren und Neuwahlen: im Oktober 2006 wartete die Schriftstellerin in einem Lager gemeinsam mit ukrainischen UN-Soldaten auf ein Boot nach Kinshasa. Stillstand und Anspannung sind die Pole der Erzählung, zwischen Regenrauschen, Musik und Zigarettenrauch schleicht sich der Krieg immer wieder in die Köpfe der Wartenden.

Uebel, die schon die Antarktis bereist hat, Nordkorea und die Mogolei, die in Tschernobyl war, in Shanghai und Kambotscha (eine Übersicht aller Reisen der Schriftstellerin findet sich hier), erklärte, ihre Reisestücke unterschieden sich von der freien Romanarbeit, unterwegs sei stets der Reisende erkennbarer Absender des Textes, der Reisende immer eher Tourist, weniger Journalist. Moderator Christof Siemes (Die Zeit) hakte nach, wie es denn, in den deutlich literarisch gearbeiteten Reiseberichten der Autorin, um die Wahrheit bestellt sei. Mit der Wahrheitsfindung, lachte Tina Uebel, hätte Sie schon länger abgeschlossen, Wahrheiten, seien ja schon zuhause in Hamburg schwierig und wenn man dann erstmal nach Hannover käme…

Siemes, Buch
Moderator Christof Siemes im Gespräch mit Hans Christoph Buch, Foto Juliana Krohn

Auch der Autor, Essayist und Journalist Hans Christoph Buch war immer wieder in Afrika, in den Kriegs- und Kriesengebieten des Kontinents, er war dabei als Kisangani befreit wurde, er erzählte wie Wahrheiten im Krieg verloren gingen. Die Realität übertreffe jede Phantasie nicht nur im Kongo, wo die Chaostheorie in die Praxis umgesetzt würde. Eindrücklich berichtete Buch von Folterungen im Kongo und Völkermord in Ruanda, der eigenen Abstumpfung und Verführbarkeit zu Gewalt und Grausamkeit in gewaltvollen, grausamen Zeiten. Sein Buch „Apokalypse Afrika oder Schiffbruch mit Zuschauern“ erzählt eindrücklich aus dieser Welt, Hans Christoph Buch las einige Passagen in den stillen Raum der Literaturhaus-Bibliothek.

Buch
Hans Christoph Buch, Foto: Juliana Krohn

Der Schriftsteller erzählte anschließend von kurzen Zweizeilern in Deutschen Zeitungen zum Genozid in Ruanda, die ihn, den Journalisten vor Ort, damals das eigene, unmittelbare Erleben nochmals habe überprüfen lassen. Zu Komplex sei wohl das Thema für eine Leserschaft, die bis heute den Unterschied zwischen Hutu und Tutsi nicht benennen könnne: „Als das Massaker in Ruanda stattfand, waren die Hauptthemen in Deutschland Homo-Ehe und Ladeschlusszeiten.“

„Sog und Sucht“, seien es, die ihn immer wieder hinaustrieben in die Welt, auch und gerade immer an unbequeme Plätze und auf unbekanntes Terrain. Das konnte auch „Adrenalin-Junkie“ Tina Uebel bestätigen, deren neuer Roman “Last Exit Volksdorf“, eine intensive Reise in die Dunkelheit einer vermeintlich heilen Vorortswelt ist, irgendwo in Deutschland.

Reisen empfindet Tina Uebel als Privileg, ein wohltuendes Abrücken von der „Gedönswelt“ hin zu richtigen Problemen, eine Befreiung von Kopf und Seele gleichermaßen. Subjektiven Befindlichkeiten werden abgestreift, immer bedeutet Reisen auch eine Reise zu sich selbst, da waren sich Uebel und Buch einig – und die Reiselust ende nie. So viel Welt und so wenig Zeit. Ein ganz großer Abend.

Ein Gedanke zu “Nachlese: Tina Uebel und H.C.Buch über die Reise(n) ihres Lebens

  1. Pingback: Heimlich-unheimliche Familienlesestunde | fabmuc

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


9 − eins =

* Copy This Password *

* Type Or Paste Password Here *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>