Weiter im Klartext: So waren die Montagsdebatten

Foto: Juliana Krohn

Diesmal musste keiner draußenbleiben – und auf dem leicht zurückgebauten Podium drängelte sich die Elite der deutschen Gegenwartsliteratur (Ulrike Sandig, Sibylle Lewitscharoff, Nora Bossong, Xochil Schütz, Paul Nizon, Dirk von Petersdorff u.a.), zuverlässig befeuert und betreut von Kurator Matthias Politycki und Prof. Friedrich Vollhardt von der Münchner Germanistik.

Der österreichische Schriftsteller Michael Stavaric eröffnete die Diskussion mit einer liebevollen literarischen Skizze über zwei Schachprofis beim Spiel in einem Wiener Caféhaus, von denen der eine einfach nicht wahrhaben will, dass er dem anderen immer wieder unterliegt: eine Metapher, so Stavaric, für den Literaturbetrieb, der seine Möglichkeiten ständig falsch einschätze.
Dann hielt Meike Feßmann, die als Literaturkritikerin in Berlin lebt, ihr Plädoyer für eine neue Art von Gesellschaftsroman, dessen Bewältigung sie vor allem den jüngeren Autoren zutraute; und in dem – so die amüsiert aufgenommene Anregung – die Roman-Protagonisten auch selbst Kinder haben müssten, um (Feßmann berief sich hier auf Eva Illouz) neue Formen ‚emotionaler Männlichkeit‘ in den Gesellschaftsroman zu integrieren. Die Kritikerin wünschte sich mehr Welthaltigkeit und weniger (künstlich herbeigeschriebene) politische Aufladung des Gegenwartsromans: Eigentlich finde man derlei Erzählungen nur – unweigerlich fiel der Name Jonathan Franzen – in den USA.

Sibylle Lewitscharoff, die angriffslustig auf der Kante ihres Klappstuhls hockte, konterte mit der These, dass derartige Roman in Deutschland schon allein deshalb kaum vorstellbar seien, weil das Land – im Gegensatz zu den USA oder Israel – über keinen intakten Ursprungsmythos mehr verfüge, deutschsprachige Gegenwarts-Autoren also gewissermaßen gezwungen seien, zu ihren Zeitläuften Stellung zu nehmen und sich nicht einfach auf die Einbettung in einen festen sozio-politischen Konsens zu verlassen.

Das Thema ‚Welthaltigkeit‘ interessierte nun auch Nora Bossong, der aufgefallen war, dass Romanfiguren realitätsfern agierten und „nie zur Arbeit“ gingen; Lewitscharoff dagegen schmähte effektvoll den ‚Kleinbürger‘, über den sie keine Romane lesen wolle und bedachte auch gleich das Publikum mit dieser Bezeichnung; Paul Nizon stimmte zu, indem er den Gesellschaftsroman als „wahnsinnig langweilig“ abtat und mit „historischen Kostümfilmen“ verglich; Thomas Rosenlöcher fand, Deutschland sei durch die Gesamtmenge seiner literarischen Produkte bereits hinreichend beschrieben und war ansonsten froh, sich als Lyriker keiner gesellschaftlichen ‚Beschreibungspflichten‘ ausgesetzt zu sehen; Christof Siemes wollte in amerikanischen Fernsehserien den Gesellschaftsroman unserer Zeit ausgemacht haben, und Matthias Politycki brach schließlich eine Lanze für das deutschsprachige Schreiben, indem er bemängelte, die US-amerikanische Literatur sei in der Regel formal wenig aufregend.

Die zweite Runde durfte Nora Bossong eröffnen, deren Wünsche nach mehr Pessimismus, Überrumpelung und Wut in der Gegenwartsliteratur leider wenig Gehör fand: Stattdessen entspann sich eine längere Diskussion über Mundart-Dichtung, die von Fitzgerald Kusz‘ Statement angeregt worden war und ihren vorläufigen Höhepunkt in einem dialektologischen Exkurs von Prof. Vollhardt fand.

Sibylle Lewitscharoff macht Dampf. Foto: J. Krohn

Frischer Schwung kam erst wieder in die Debatte, als Sibylle Lewitscharoff die anwesenden Kollegen an ihre Pflicht erinnerte, für die Ewigkeit zu schreiben – und damit effektvoll eine Spitze gegen die anwesenden Bühnendichter anbrachte. Dirk von Petersdorff stimmte zu, der nichts weniger als die ganze Literaturgeschichte als Maßstab für das eigene Schreiben gelten lassen wollte – das natürlich auch mit einem Bewusstsein dieser Tradition einherzugehen habe. Meike Feßmann machte als Transportmittel für langlebige Texte vor allem die Form aus.
Matthias Politycki vermittelte schließlich, indem er Jetztzeit und literarischen Nachruhm zusammendachte: „Wenn wir im Jetzt und Hier schon nicht ankommen, wie dann erst in der Ewigkeit?“

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