Heimlich-unheimliche Familienlesestunde

Michael Stavaric, Kathrin Schmidt und Knut Cordsen. Foto: Juliana Krohn

Anheimelnd war’s, familiär fast, gestern auf den Stühlen der Literaturhaus-Bibliothek zu lümmeln und dem sonoren Lullen von Moderator Knut Cordsen zu lauschen, der Kathrin Schmidt und Michael Stavaric geladen hatten, um sich mit ihnen über „Familienrätsel“ zu sprechen.
Schmidt hatte ihren jüngsten Erzählband, „Finito: Schwamm drüber“, dabei, der Geschichten aus 15 Jahren Schriftstellertätigkeit enthielt – darunter die erste Prosaerzählung, die Kathrin Schmidt überhaupt verfasste –, Stavaric stellte seinen Roman „Brenntage“ vor, der in einer unheimlichen, zeitentrückten Siedlung im (tschechischen?) Nirgendwo spielt.
Cordsen, als Radiostimme aus dem BR bekannt, lobte Schmidts feines Gespür für Vokabeln, hatte sie doch Ausdrücke wie „Männermassigkeit“ in die literarische Welt gesetzt. Überraschenderweise entpuppten sich viele der besonders sprechenden Namen, mit denen Schmidt die Protagonisten ihrer Erzählungen ausstattete, dann doch keineswegs als erfunden, sondern auf zurückliegende Bekanntschaften zurückgehend: Nur für „Gerry Semmel“, einen ehemaligen Mitschüler, habe sie noch keine Verwendung gefunden, so Schmidt. Die Autorin beeindruckte dann mit einer Erzählung, in der DDR-Vergangenheit und kindliche Weltwahrnehmung eindrücklich verschmolzen und in einem grausamen Finale gipfelten.
Stavaric dagegen erzählte, er habe die Szenerie seines aktuellen Romans seinem vorhergehenden Buch, „Böse Spiele“, entnommen: „Im Kopf standen noch die Kulissen“, so der tschechisch-österreichische Schriftsteller. Kindheitserinnerungen und Joseph Conrads Novelle „Heart of Darkness“ seien Impulsgeber für seine Landschaftsbeschreibungen gewesen; ein Buch, das erstaunlicherweise später am Abend, wenn auch in einem ganz anderen Zusammenhang, wieder auftauchte.
Ebenso eindrücklich konnte Stavaric seinen deutschen Zuhörern nahebringen, was es bedeutete, aus einem fremden Sprachraum zu stammen (der Autor kam erst als Siebenjähriger nach Österreich) und welch wichtige Rolle dies noch in seinem Schreiben und seiner Weltwahrnehmung spiele. Die Herzen der Zuschauer gewann Stavaric aber endgültig, als er sein Mobiltelefon ans Mikrofon hielt, um Jolie Hollands „Old fashioned Morphine“ (unten) abzuspielen und damit in seine Lesung aus „Brenntage“ einzustimmen: Wenig verwunderlich, dass beide Autoren anschließend erklärten, beim Schreiben Musik zu hören.
Zum Schluss sei noch auf Stavarics wunderbares Kinderbuch „Die kleine Sensenfrau“ hingewiesen, in dem es ihm gelingt, ein sensibles Thema auch für jüngere Leser aufzubereiten und gleichzeitig die Frage nachzugehen, warum der Tod im Deutschen (als eine von wenigen Sprachen) männlich ist.

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