Klartext (14.11): Thomas Rosenlöcher

Rainer Maria Rilke:
Römische Fontäne

Zwei Becken, eins das andre übersteigend
aus einem alten runden Marmorrand,
und aus dem oberen Wasser leis sich neigend
zum Wasser, welches unten wartend stand,

dem leise redenden entgegenschweigend
und heimlich, gleichsam in der hohlen Hand,
ihm Himmel hinter Grün und Dunkel zeigend
wie einen unbekannten Gegenstand;

sich selber ruhig in der schönen Schale
verbreitend ohne Heimweh, Kreis aus Kreis,
nur manchmal träumerisch und tropfenweis

sich niederlassend an den Moosbehängen
zum letzten Spiegel, der sein Becken leis
von unten lächeln macht mit Übergängen.

Dies ist ein Buch. Es sieht gelesen aus, das kommt selten vor. Ich bin aufgefordert, fünf Minuten Klartext zu sprechen und habe Ihnen ein Gedicht vorgelesen, auch das kommt selten vor. Aber der Klartext zum Gedicht ist das Gefühl. Auch und gerade weil es seine Dunkelheiten hat wie sogar dieses Ihnen natürlich bekannte Klarheitsgedicht. Klartexte, die über Gedichte reden, verunklaren das Gedicht eher, wenn sie – wie oft – nur ein Vorwand sind, das Gedicht gar nicht erst zu lesen. Gedichte werden ungern gelesen, weil in ihnen meist von fast nichts die Rede ist und weil ihre Hervorbringung eines Glücksmoments der Konzentration bedarf, so bedeutet das Lesen eines Gedichts – das auch nichts anderes ist als das Hervorbringen eines Gedichts – sowohl kopfmäßige als auch körperliche Anstrengung. Ein Sich-Öffnen, um – selten genug – von der Kommunikation zur Kommunion zu gelangen. Vom Fast-Nichts, von dem die Rede ist, zum Eigentlichen unserer Existenz, von dem dann die Rede sein wird. Oder – um‘s noch emphatischer und mit Rilke zu sagen: Um „selber“ als einer der letzten Gedichtleser dieses Jahrhunderts jenes „Wasser“ zu sein, „welches unten im Verborgenen stand / dem dem leise redenden entgegenschweigend, sich selber ruhig […] verbreitend […], Kreis aus Kreis.“

Thomas Rosenlöcher, geboren 1947 in Dresden, studierte von 1976 bis 1979 am Literaturinstitut in Leipzig und lebt als freier Schriftsteller in der Nähe von Dresden. Rosenlöcher ist Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste und der Akademie der Künste in Berlin. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen.

Transkription: Lino Wirag

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